Menschenrauch
Wie der Zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete

von Nicholson Baker

€ 27,80
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Sabine Hedinger
Übersetzung: Christiane Bergfeld
Verlag: Rowohlt
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 640 Seiten
Erscheinungsdatum: 06.03.2009


Rezension aus FALTER 5/2012

Mullahs und Menschenrauch

Afghanistan, Irak und Jugoslawien hatten dem US-Militär wenig entgegenzusetzen; anders die persischen Mullahs: Ein Krieg zwischen dem Westen und Iran könnte der Funkenschlag für ein Inferno im Nahen ­Osten sein. Grund genug, kurz das Buch eines radikalen Pazifisten aufzuschlagen. Nicholson Baker veröffentlicht in seinem Werk "Menschenrauch" zeitgenössische ­Briefe und Zeitungsartikel, die beweisen sollen, dass der Zweite Weltkrieg zu verhindern gewesen wäre. Baker ist höchst umstritten, insinuiert er doch, die Gegner des NS-Regimes hätten sich abschlachten lassen sollen. Trotzdem: Wer das Buch liest, wird die Barbarei des Krieges mit ganz anderen Augen sehen.

Wolfgang Zwander in FALTER 5/2012 vom 03.02.2012 (S. 16)



Rezension aus FALTER 11/2009

Textsplitter über den Bombenhagel

Als sich der englische Schriftsteller Martin Amis in seinem Pamphlet "Koba the Dread" vor ein paar Jahren wortreich über Stalins Terrorregime empörte, da hoben sich in der Zeithistorikerzunft ironisch die Augenbrauen: Amis entdeckt die Gräuel des Stalinismus, 60 Jahre danach – guten Morgen!
Ähnlich abschätzige Reaktionen der Fachwelt erwarteten auch den amerikanischen Schriftsteller Nicholson Baker, als er im Vorjahr "Human Smoke", seine autodidaktische Chronik der Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs, herausbrachte und auf die Frage, was er als Nichthistoriker denn über den Krieg gewusst habe, treuherzig eingestand: "Ich bin nur ein mittelprächtig gebildeter Amerikaner, was heißt, dass ich im Grunde ziemlich wenig über die Welt weiß. Ich kannte die einfache Fernsehfassung des Zweiten Weltkriegs. Für mich ist alles neu, ich kann noch mit Staunen und Schock reagieren."

Im Schutze seiner vorgeblichen Ahnungslosigkeit nahm Baker, der sich bisher als Pointillist und Minimalist ("Vox", "Eine Schachtel Streichhölzer") einen guten Kleinmeister-Namen unter den US-Autoren gemacht hat, den gewaltigsten Stoff des Jahrhunderts ins Visier: den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust. Etwa nach dem Motto: Frisch entdeckt ist ganz entrüstet – passend für einen neu bekehrten Pazifisten wie Baker. Außerdem: Wer sagt denn, dass ein Schriftsteller nicht andere denn jene schnöden Faktenwahrheiten ausfindig machen kann, die von der zünftigen Zeitgeschichte üblicherweise zutage gefördert werden? Am Wort sei also der staunende Laie Baker.
In seinem Nachwort legt der Autor offen, worum es ihm in "Menschenrauch" eigentlich gegangen ist: Er will den Zweiten Weltkrieg prinzipiell infrage stellen und ihn als horrenden historischen Fehler brandmarken, der vermeidbar gewesen wäre – einen Krieg, der doch als Paradebeispiel eines "guten", eines "gerechten" und unabwendbaren Krieges gilt, der geführt werden musste, um der totalitären Bedrohung der Welt durch Japan und den deutschen Nationalsozialismus ein Ende zu machen.
Baker hingegen widmet sein Buch pointiert den amerikanischen und englischen Pazifisten – denen nie die gebührende Anerkennung zuteil geworden sei. Dabei versuchten sie doch, jüdische Flüchtlinge zu retten, Europa mit Lebensmitteln zu versorgen, die USA und Japan auszusöhnen und den Ausbruch des Krieges zu verhindern: "Sie sind gescheitert, aber sie waren im Recht." Baker ist der Ansicht, dass es andere Lösungen als den Bombenkrieg gegen Zivilbevölkerungen gegeben hätte, um der Weltaggressoren Deutschland und Japan Herr zu werden.

Baker wählt eine exzentrische – und daher besonders leicht anfechtbare – Darstellungsmethode: die Collage. Er breitet die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs als historisches Mosaik aus, zerbröselt in kleine Einzelfragmente, kaum eines länger als eine halbe Buchseite. "Menschenrauch" besteht aus lauter Vignetten: Zeitungsschnipsel, Anekdoten und Tagebuchnotizen, Zitate aus Politikerreden, aus Memoiren und Briefen von Zeitgenossen. Das erinnert an Walter Kempowskis "Echolot"- Verfahren und provoziert die gleichen Einwände – vor allem den Verdacht der willkürlichen, subjektiven Auswahl. Als Kronzeugen für die systematische Entrechtung der Juden dienen Baker zwei berühmte Tagebuchschreiber: Er hat – guten Morgen! – tatsächlich Victor Klemperer aus Dresden und Mihail Sebastian aus Bukarest für sich entdeckt.

Von der ersten Zeile weg thematisiert Nicholson Baker sein Anliegen: den Pazifismus. "Menschenrauch" setzt ein mit einem Satz des Sprengstoffindustriellen Alfred Nobel aus dem Jahr 1892, der mit der naiven Hoffnung liebäugelt, seine Waffen könnten gerade wegen ihrer Tödlichkeit zur spontanen Abrüstung unter allen zivilisierten Nationen führen. Und das Buch endet in der Neujahrsnacht von 1941 auf 1942, zu einem Zeitpunkt also, da der Pazifismus erst recht keine Chance mehr hatte, denn der europäische Krieg weitete sich soeben wahrhaft zum Weltkrieg aus: durch Hitlers Überfall auf die Sowjetunion; durch den Angriff Japans auf Pearl Harbor und in dessen Folge durch den Kriegseintritt der USA; durch den Beschluss der Amerikaner, den Bau der Atombombe zu genehmigen, und durch den Beschluss der Nazis zur industriellen Vernichtung der Juden.
Bakers Buch hat auf jeder Seite viel leeren Weißraum: Jedes dokumentarische Schnipsel steht für sich, auf den weißen Seiten schwimmen lauter chronologisch aneinandergereihte, aber unverbundene Textinselchen. Nichts wird kontextualisiert, nichts wird kommentiert und analysiert, alles erscheint gleich gültig. Es gibt keine historische Erzählung, erst recht keine Deutung der Ereignisse; weit und breit kein geschichtsphilosophischer Ansatz, keine Theorie, keine Gewichtung der einzelnen Faktensplitter.
Als Erzähler tritt der Autor so gut wie nicht in Erscheinung, er wird nur indirekt spürbar als Arrangeur der Materialien. Und damit ist die wohlwollende Annahme hinfällig, ein Recycling bekannter historischer Fakten werde durch eine besondere literarische Sprache neu gerechtfertigt. Baker hat in diesem Buch gar keine Sprache zur Verfügung – außer der knöchernen Prosa seiner Mitteilungs- und Protokollsätze, mit denen die jeweiligen Originalzitate eingeleitet werden. Jedes Zitat soll quasi für sich selbst sprechen – auch wenn Baker natürlich schon durch die bloße, oft kontrapunktische Auswahl eine Wertung vornimmt. Und diese unausgesprochenen Wertungen werden dem Leser in endlosen Variationen eindringlich, mitunter aufdringlich nahegelegt. Ein Cantus firmus vom Ende der Zivilisation grundiert das ganze Buch. Unentwegt tönt es dem Leser als Leitmotiv entgegen, wie in der Drift auf den Weltkrieg zu alle Zivilisation auf der Strecke blieb, den noblen Anstrengungen der Pazifisten, Quäker und anderen Kriegsgegner zum Trotz.
Vor allem die Entheroisierung Churchills und Roosevelts ist dem Autor ein Anliegen. Er sieht beide im Dienste dessen,was heute militärisch-industrieller Komplex heißt, und hält sie für die schärfsten Kriegstreiber neben Hitler (dies lässt für die deutschsprachige Ausgabe den Beifall auf rechtsradikalen Blogs und Websites befürchten). Namentlich Churchill ist Bakers Schurke der westlichen Welt: infantil-grausam, ruchlos, versoffen, polemisch, feindselig, manipulativ, amoralisch. Baker zeigt ihn als Sympathisanten Mussolinis, als Befürworter von Giftgasangriffen, als viktorianischen Säbelrassler, Imperialisten und "Hunnen"-Hasser, als Strategen einer Blockadepolitik zur Aushungerung der Deutschen, als Einpeitscher des Luftkriegs gegen zivile Ziele sowie als groben Antisemiten – verglichen mit Churchills Ausfällen nimmt sich die Abneigung Roosevelts gegen Juden fast diskret aus.
Daneben gibt es in "Menschenrauch" eine Handvoll immer wiederkehrender Themen: die Ankurbelung der Produktion biologischer und chemischer Waffen in Großbritannien (die allerdings nie zum Einsatz kamen). Die Gleichgültigkeit der Welt gegenüber der tödlichen Bedrohung der Juden Europas. Die Weigerung fast aller Nationen, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen – mit Ausnahme des dominikanischen Diktators Trujillo, wobei Baker hinzuzufügen vergisst, dass der Rassist Trujillo weiße Einwanderer für seine Insel suchte, nachdem er 20.000 schwarze Haitianer hatte massakrieren lassen.
Bakers Polemik gilt dem Thema des Luftkriegs zum Zwecke der Demoralisierung des Gegners. Er trägt Aussagen zusammen, die den totalen Krieg als Geschichte einer allseitigen Verrohung begreiflich machen sollen, und wird nicht müde aufzuzeigen, dass den Briten die horrende Zielungenauigkeit ihrer Bombenabwürfe ebenso früh bewusst war wie das Scheitern ihrer Luftkriegsstrategie überhaupt. "Die Bombardements haben keinerlei Einfluss auf die Moral der Deutschen. Hören wir auf damit, unsere Bomber auf diese Luftangriffe zu verschwenden", schrieb Unterstaatssekretär Alexander Cadogan bereits im November 1941. Doch im Dezember 1941 berief Churchill Arthur Harris (den spätestens seit Dresden berüchtigten "Bomber Harris") als Bomberkommandanten: "Damit standen die britischen Anführer bereit für die pan-germanischen Feuerstürme von 1942, 1943, 1944 und 1945", schreibt Baker.

Bakers deklarierte Hommage an die moralische Überlegenheit des Pazifismus wird leider namentlich durch seinen pazifistischen Kronzeugen, Mahatma Gandhi, zunichte gemacht. Gandhis Kommentare zur kriegerischen Weltlage lesen sich geradezu schwachsinnig und scheinen geeignet, seine Politik des gewaltlosen Widerstands zu diskreditieren – etwa wenn Gandhi den Briten empfiehlt, sie sollten sich gegebenenfalls von den Nazis lieber abschlachten lassen, sofern sie ihnen nur die Untertänigkeit verweigerten. Seine Verhaltensratschläge an die deutschen Juden klingen ähnlich weltfremd. Wäre Gandhi ein deutscher Jude, schrieb die New Yorker Jewish Frontier schon 1939, er hätte mit einer solchen Politik keine fünf Minuten überlebt.

Sigrid Löffler in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 7)


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