Haus der Löcher

von Nicholson Baker, Eike Schönfeld

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Rowohlt
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 320
Erscheinungsdatum: 16.01.2012

Rezension aus FALTER 25/2012

"Wir sind Komplizen des Autors"

Eike Schönfeld gehört zu den renommiertesten Übersetzern. Darf er Autoren auch verbessern? Oder eine Zeile unter den Tisch fallen lassen?

Ihr Prestige ist in den letzten Jahren fraglos gestiegen, vielfach werden Übersetzer sogar auf dem Cover genannt. Und die Verlage bewerben ihre Neuübersetzungen von Klassikern schon aus marktstrategischen Gründen mit dem Hinweis, dass diese nun erstmals in ihrer eigentlichen Gestalt erkennbar seien. Einer der renommiertesten Übersetzer ist der in Hamburg lebende Eike Schönfeld. In diesem Jahr sind nicht weniger als vier von ihm übersetzte Bücher erschienen: zwei von J.D. Salinger, eins von Nicholson Baker und Sherwood Andersons "Winesburg, Ohio", das zeitgleich in einer weiteren deutschen Übersetzung erschienen ist (siehe Seite 24).
Falter: Angesichts der Menge der von Ihnen übersetzten Bücher, die kürzlich erschienen sind, fragt man sich: Wie viele von den ­Dingern hauen Sie eigentlich pro Woche raus?
Eike Schönfeld: Der Eindruck trügt natürlich ein bisschen, weil sich die Verlage mit der Veröffentlichung oft Zeit lassen oder lassen müssen. Die Salinger-Erzählungen habe ich schon vor über einem Jahr abgeschlossen. "Winesburg, Ohio" habe ich im letzten Sommer gemacht, und auch "Das Haus der Löcher" ging relativ flott von der Hand, weil ich Nicholson Baker inzwischen ganz gut kenne. Das hat nicht mehr als zwei Monate gedauert.
Das ist in der Tat flott.
Schönfeld: Ja, aber das hat gerade mal 250 Seiten oder so.

Gibt es ein Pensum, das Tag für Tag erledigt werden muss?
Schönfeld: Das hängt von der Komplexität des jeweiligen Buches ab, aber ich versuche schon, von neun in der Früh bis sechs, sieben, acht Uhr am Abend am Schreibtisch zu sitzen – natürlich mit Unterbrechungen.

Klingt fast wie ein Nine-to-fiveJob im Büro – bloß länger.
Schönfeld: Man hört ja auch von Schriftstellern, dass die so arbeiten.
Aber die sind doch zu Mittag schon fertig.
Schönfeld: Na ja, Jonathan Franzen setzt sich gegen sechs oder sieben morgens in sein abgedunkeltes karges Zimmer und schreibt bis um drei. Ich arbeite dann halt so lang, bis der Akku leer ist.

Und wenn's mal gar nicht geht?
Schönfeld: Früher habe ich mir irgendwelche Nachmittagssendungen im Fernsehen angesehen, um mir den Kopf freiquasseln zu lassen. Heute löse ich eher ein, zwei schwierige Sudokus – irgendwas, was den Wörterwust aus dem Kopf treibt.

Was war das Aufwendigste, das Sie bislang übersetzt haben?
Schönfeld: Henry Fieldings "Tom Jones". Dafür habe ich ein Jahr gebraucht, wobei ich nicht ständig daran gesessen bin, sondern zwei andere Bücher eingeschoben habe; auch um ein bisschen Abstand zu gewinnen, was ganz gut ist, aber nicht immer geht.

Weil es die Verlage so eilig mit den Übersetzungen haben und den Autoren die Manuskripte aus der Hand reißen?
Schönfeld: Ja, das machen die Verlage bei Büchern, von denen sie sich hohe Auflagen und Umsätze erwarten, leider wirklich immer öfter. Da leisten wir dann schon fast Akkordarbeit.

Warum die Hektik? Haben die Verlage
Angst, dass sie weniger verkaufen,
weil potenzielle Leser die englischen Ausgaben bei Amazon bestellen?
Schönfeld: Ja, die gehen davon aus, dass ihnen zwischen einem Viertel und einem Drittel der Auflage wegbrechen würde. Wie sie zu diesen Zahlen kommen und ob die stimmen, weiß ich nicht.

Sind Sie denn auch als Scout für die Verlage tätig? Schlagen Sie denen Sachen vor?
Schönfeld: Nein, überhaupt nicht. Die aktuellen Sachen sind ja schon längst verhandelt und verkauft, bevor die überhaupt in den Handel kommen.

Es hätte also überhaupt keinen Sinn, wenn Sie zeitgenössische amerikanische Literatur lesen würden?
Schönfeld: Ne. Wenn das überhaupt inter­essant ist, wissen das zumindest einige Verlage, und einer hat's in der Regel auch schon gekauft.

Was verdient man als Übersetzer eigentlich?
Schönfeld: Das hängt vom Genre ab: Für englische Belletristik kriegt man so 18 bis 22 Euro pro Normseite, für Krimis ist es viel weniger.

Wie sieht's mit der Verkaufsbeteiligung aus?
Schönfeld: Früher war das ein Prozent ab 10.000, und das war nicht die Regel. Jetzt gibt es praktisch immer eine Beteiligung: ab 5000 ein Prozent, zwischen 10.000 und 15.000 ein halbes oder drei viertel Pro­zent.

Das wird weniger?!
Schönfeld: Es wird weniger, und dann wird es komischerweise wieder mehr. Das haben irgendwelche Experten ausgetüftelt.

Was war Ihr Bestseller?
Schönfeld: Jonathan Franzens "Freiheit". Da gab es bei Rowohlt noch die alte Beteiligung: Bei Erreichen des 50.000sten Exemplars kriegte man noch einmal die Hälfte des Honorars und bei 100.000 auch noch einmal so viel. Ich bekam also das doppelte Honorar. So etwas passiert aber leider sehr selten.

In den letzten Jahren sind eine ganze Menge vielbeachteter Klassiker-Neuübersetzungen herausgekommen. Woran liegt das?
Schönfeld: Das ist in aller Regel richtig gute Literatur, die darüber hinaus auch noch gemeinfrei ist. Die Verlage sparen sich also die Autorenhonorare …

… und können das dann in die Übersetzung investieren?
Schönfeld: Na ja, mehr kriegt man dann als Übersetzer auch nicht.

Aber der Verlag kann ein solches Buch ganz anders kalkulieren.
Schönfeld: Ja klar, das ist schon ein großer Unterschied.

Daneben gibt es Veröffentlichungen wie David Foster Wallace' Opus magnum "Unendlicher Spaß", das 1500 Seiten stark ist und an dem Ulrich Blumenbach sechs Jahre übersetzt hat. Das rechnet sich für den Verlag doch nie?!
Schönfeld: Nein. Und es ist natürlich auch für den Übersetzer ein Prestige-Unterfangen. Ich weiß nicht, was er für Stipendien hatte, aber die Zeit, die er da daran gesessen hat, war auch mit Verzicht verbunden.

Ist ein solcher Auftrag etwas, was man sich wünscht, oder eher etwas, wovor man sich fürchtet?
Schönfeld: Natürlich freut man sich, wenn man so etwas kriegt, aber zugleich weiß man, dass es an die Nerven und die Finanzen geht. Man subventioniert sich sozusagen selbst.

Wenn so etwas passiert, wie jetzt bei "Winesburg, Ohio", wo zeitgleich zwei Übersetzungen erschienen sind, weil die Rechte gerade frei geworden sind – ist man da als Übersetzer erschrocken, oder weiß man das ohnedies?
Schönfeld: Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet. Es war schon ein kleiner bis mittlerer Schock. Als ich die Rezensionen las, habe ich mich allerdings gefreut, weil dort stand, dass die beiden Übersetzungen zwar sehr unterschiedlich, aber auf ihre je eigene Weise gut sind. Das fand ich auch deswegen so toll, weil dadurch das Wesen der Übersetzung deutlich wurde: dass es eben nicht die einzig wahre und gültige Übersetzung gibt, sondern dass es eine Interpretationsleistung ist, die auch gleichberechtigt neben einer anderen stehen kann.

Würden Sie denn Ihre eigenen
Übersetzungen erkennen? Gibt es eine Art Schönfeld-Stil?
Schönfeld: Das weiß ich wirklich nicht. Ich würde einzelne Wendungen wohl erkennen, könnte Ihnen aber jetzt gar keine nennen, die typisch für mich wäre.

Harry Rowohlt sagt, dass er Autoren beim Übersetzen schon auch verbessert. Wie weit darf man denn überhaupt gehen?
Schönfeld: Stilistische oder inhaltliche Ungereimtheiten sollte man schon glätten oder raushauen, weil es ja auch auf einen selber zurückfällt.

Wie stehen Sie denn zu dem
Anspruch auf Aktualisierung? Anders
gefragt: Wenn Sie zum Beispiel "Tom Jones" übersetzen, sehen Sie sich dann auch deutsche Literatur der Zeit an?
Schönfeld: Ja, das habe ich gemacht. Da gibt es riesige Unterschiede im Stil und der Interpunktion, die viel größer sind als heute – Kraut und Rüben. Daraus habe ich dann eine gewisse Freiheit für mich abgeleitet. Man muss sich natürlich im Klaren dar­über sein, dass man auch bei aller Recherche im 21. Jahrhundert nicht wie im 18. Jahrhundert schreiben kann. Das wird immer etwas Künstliches und Aufgesetztes haben, und das sollte man unbedingt vermeiden. Etwas anderes als eine Melange aus Heute und Damals kann ein Übersetzer meines Erachtens nicht liefern.

Man muss sich wohl vor Wendungen und Wörtern hüten, die ganz klar rausstechen?
Schönfeld: Wenn Sie das tun, sollten sie jedenfalls alt sein. Ein Beispiel: Heute gibt es den "Haftbefehl", aber im 18. Jahrhundert hieß das "Verhaftbefehl". Solche Sachen kann man punktuell schon verwenden. Und es reicht dann ja auch, wenn hin und wieder solche Duftmarken gesetzt werden.

Schlechte Übersetzungen erkennt man da­r­an, dass sich die Konturen der englischen Syntax durchdrücken wie die Rippen eines Magermodels bei der Sommerkollektion.
Schönfeld: Ja, das ist schlimm! Ich lese aber kaum Übersetzungen, weil ich dann ständig mitredigiere. Ich hatte allerdings auch schon einmal eine Lektorin, die mir aufs Auge drücken wollte, mehr Partizipien zu verwenden. Da muss man sich dann halt wehren.

Englisch ist ja wesentlich ökonomischer,
und die deutschen Bücher sind dann um 15 Prozent oder so länger?
Schönfeld: Nicht so viel – eher fünf bis zehn. Wenn es keine endlos langen Sätze gibt – wie bei Fielding oder Bellows – versuche ich natürlich schon, es auch im Deutschen kurz zu halten. Es ist aber immer wieder bedauerlich, dass das Deutsche nicht so knackig-knapp sein kann wie das Englische.

Würden Sie sagen, dass es Dinge
gibt, die unübersetzbar sind?
Schönfeld: Manche Sprachwitze schon.

Und was macht man dann? Eine Fußnote oder einen anderen Witz?
Schönfeld: Das eine oder das andere. Fußnoten bei einer Übersetzung sind aber nach Möglichkeit zu vermeiden. Es versteht ja auch der Leser des Originals nicht alles. Warum soll es dann der deutschsprachige Leser tun? Wir sind keine Dienstleister, die einen unverständlichen Text verständlich machen müssen. Wenn ein Buch verdeckte Anspielungen macht, dann müssen die auch in der Übersetzung verdeckt bleiben. Da ist dann eben der Leser gefordert.

Hat es Sinn, ein Werk wie Joyce'
"Finnegans Wake" zu übersetzen?
Schönfeld: Ich war schon von der deutschen "Ulysses"-Übersetzung – ich glaube, es war die von Wollschläger – nicht sonderlich begeistert.
Kennen Sie jemanden, der
"Finnegans Wake" gelesen hat?
Schönfeld: Nein. Wenn jemand die Zeit und das Geld hat, kann er das gern übersetzen. Aber wenn es wirklich kongenial sein soll, hat man wohl den gleichen Aufwand wie Joyce selbst.

Inwieweit ist ein Übersetzer denn auch so etwas wie ein Ko-Autor?
Schönfeld: Ein Autor ist etwas ganz anderes. Ein Übersetzer betrachtet sich als Komplize des Autors, der mit den Worten, die das Deutsche ihm zur Verfügung stellt, versucht, das auszudrücken, was der Autor sagen wollte.

Darf man eigentlich etwas weglassen?
Schönfeld: Eigentlich nicht. Es gibt aber Ausnahmen. Im Amerikanischen ist eine Formulierung wie "He reached out and touched­ her face" sehr gebräuchlich. Im Deutschen sagt man das aber einfach nicht, da reicht: "Er berührte ihr Gesicht."

Und wenn sich ein Wortspiel ums Verrecken nicht übertragen lässt, darf man das dann unter den Schreibtisch fallen lassen?
Schönfeld: Heinrich Böll sagte einmal "If in doubt, cut it out". Das sollte man allerdings nicht beherzigen. Wenn ein unübersetzbares Wortspiel wichtig ist, muss man irgendetwas machen. Da wird einem früher oder später schon etwas einfallen.

Darf man Wörter einfach in der Ausgangssprache stehenlassen?
Schönfeld: Songtexte belasse ich im Original. Wenn ich einen Roman aus den 1950er-Jahren übersetze und dort das mittlerweile gebräuchliche Wort "Job" vorkommt, würde ich das natürlich nicht stehenlassen.

Woher stammt folgender Satz: "Sie gehörte zu jenen weiblichen Wesen, die wegen eines läutenden Telefons einfach nichts aus der Hand legen. Sie machte ein Gesicht, als ob das Telefon seit ihrem Eintritt ins Entwicklungsalter ununterbrochen geläutet hätte." Klingelt's?
Schönfeld: Ich vermute einmal, dass es sich um die erste der "Neun Erzählungen" von Salinger handelt.

So ist es. Wessen Übersetzung?
Schönfeld: Meine jedenfalls nicht.

Wieder richtig. Es ist die von ­Elisabeth Schnack, die aber immer noch am Markt ist – eigentlich unvorstellbar.
Schönfeld: Ich habe das ja alles nicht gelesen und bei meinen Neuübersetzungen immer so getan, als wäre ich der Erste.

Da machen Sie es sich aber schon auch schwerer?
Schönfeld: Überhaupt nicht. Ich erspare es mir, auch noch um frühere Übersetzungen herum oder an diesen vorbei übersetzen zu müssen.

Machen das alle so?
Schönfeld: Nein, manche setzen sich mit älteren Übersetzungen richtig auseinander und finden auch nichts dabei, gute Sätze und Stellen zu übernehmen. Ohne darüber urteilen zu wollen, was besser oder richtiger ist: Ich könnte das einfach nicht.

Klaus Nüchtern in FALTER 25/2012 vom 22.06.2012 (S. 22)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Neun Erzählungen (J.D. Salinger, Eike Schönfeld)
Hebt an den Dachbalken, Zimmerleute und Seymour eine Einführung (J.D. Salinger, Eike Schönfeld)
Freiheit (Jonathan Franzen, Bettina Abarbanell, Eike Schönfeld)

Rezension aus FALTER 15/2012

In Romanen wie "Vox" und "Die Fermate" hat US-Autor Nicholson Baker bewiesen, dass er über Sex ­schreiben kann – pornografisch, witzig, ungewöhnlich. Mit "Haus der Löcher" toppt er seine bisherigen Bemühungen auf dem "Steck dein Ding in meins"-Sektor allerdings noch locker. Das Buch, wiewohl als Roman etikettiert, ist eigentlich eine Episodensammlung, die das geile Treiben im titelgebenden Haus vorführt – einer Art Sexwunderland mit der Anmutung eines Wellnessresorts, in dem ständig gefickt wird.
Bakers Wortwahl ist dem Thema angemessen, also extrem derb und eindeutig, sein Umgang damit aber auch spielerisch und lustvoll. So viele Synonyme für "Schwanz" hat man schon lang nicht mehr gelesen (Übersetzer Eike Schönfeld hatte offenkundig seinen Spaß). Und auch sonst ist der Autor erfinderisch, imaginiert eine Peniswaschanlage oder eine Maschine, die schlechte Pornos absaugt. Auch alle Probleme, die beim und durch den Sex entstehen können, bleiben übrigens ausgeblendet.

Sebastian Fasthuber in FALTER 15/2012 vom 13.04.2012 (S. 38)


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