Neues Lernen
Warum Faulheit und Ablenkung dabei helfen

von Benedict Carey

€ 20,60
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Thorsten Schmidt
Illustrationen: Steve Clark
Illustrationen: Zaremba
Verlag: Rowohlt
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Angewandte Psychologie
Umfang: 352 Seiten
Erscheinungsdatum: 19.12.2014


Rezension aus FALTER 11/2015

Werdet endlich erwachsen – und hört nie auf zu lernen!

Warum sollen wir lernen, wie sollen wir lernen und wie lange? Susan Neiman und Benedict Carey haben Antworten darauf

Der Titel des neuen Buchs von Su­san Neiman "Warum erwachsen werden?" führt in die Irre. "Werdet endlich erwachsen!" müsste es eigentlich heißen, denn Neiman beklagt in ihm die Infantilisierung unserer Kultur und schlägt einen neuen Begriff des Erwachsenseins vor.
In seinem am weitesten verbreiteten Verständnis bedeutet Erwachsensein heutzutage, "auf die eigenen Hoffnungen und auf Träume zu verzichten, die Grenzen, die uns die Realität setzt, zu akzeptieren und sich mit einem Leben abzufinden, das weniger abenteuerlich, interessant und bedeutsam ist, als man am Beginn annahm". Aber das Leben ist weder so wunderbar, wie wir als Kinder glaubten, noch so schrecklich, wie es sich uns als Jugendliche darstellte.
Auf der Suche nach einem anderen Modell der Reife greift Neiman auf die Gedanken der Aufklärung zurück. Denn, so ihre These: "Erwachsenwerden ist ein Problem der Aufklärung, und nichts zeigt so deutlich, dass wir die Erben der Aufklärung sind, ob wir dieses Erbe nun antreten oder nicht." Obwohl das Bashing dieser philosophischen Epoche zu einem beliebten Sport geworden sei, gebe es zu ihr nur die Alternativen der vormodernen Nostalgie und des postmodernen Misstrauens.

Erwachsensein und Aufklärung
Die US-amerikanische Philosophin, geboren 1955, studierte in Harvard, u.a. bei John Rawls, unterrichtete an der Freien Universität Berlin, hatte Professuren in Yale und Tel Aviv inne und leitet heute das Einstein Forum in Potsdam. Ihr Buch liefert nicht nur einen Crashkurs in Sachen Aufklärung, sondern auch ein Plädoyer, sich ihren schwer zu lesenden Titanen Immanuel Kant einmal selbst zur Brust zu nehmen.
Denn Kants Konzept der Aufklärung als Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit trage immer noch, obwohl die Ursache heute nicht mehr in repressiven gesellschaftlichen und religiösen Strukturen liege, sondern in dem gefügigen Konsumverhalten der Massen und deren Manipulation durch Industrie und Werbung, aber auch in überängstlichen Eltern und einem bevormundenden Staat sowie neuen Formen von religiös induziertem Fundamentalismus.
Für den zeitgenössischen Jugendkult liefert Neiman eine ungewöhnliche Erklärung: Vielen Berufen und Arbeitsprozessen mangele es heute an Sinn, und die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen stelle eine Bedrohung der Zukunft dar. "Weil es uns nicht gelungen ist, Gesellschaften zu schaffen, in die unsere Jugend gerne hineinwachsen möchte, idealisieren wir die Phasen der Kindheit und Jugend."
Die verbreitete Ansicht, die Jahre zwischen 16 und 26, "wenn die Muskeln der jungen Männer und die Haut der jungen Frauen am schönsten erblühen", seien die besten des Lebens, habe schädliche Folgen. Denn tatsächlich bedeute dieses Jahrzehnt für die meisten Heranwachsenden eine Zeit der Orientierung und Unsicherheit – was die Sache noch verschlimmert. "Wenn ich jetzt zerrissen und verängstigt bin, was soll ich von den Zeiten meines Lebens erwarten, die nur schlimmer werden, wie mir alle sagen?"
Neiman untersucht die Entstehung der Definition des Lebens als Prozess des Niedergangs, die sich in den letzten 100 Jahren noch dramatisierte: "Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schien das Erwachsenwerden nur öde, an seinem Ende wirkte es nun kläglich."
Es stimme schon, konzediert Neiman, als Erwachsener ist das Leben "trüber und langweiliger, aber es tut auch nicht mehr so weh". Außerdem zeigen Statistiken, dass die meisten Menschen nur bis ins mittlere Alter unglücklicher werden, mit zunehmendem Alter aber immer glücklicher – und zwar unabhängig von ihrer sozialen und wirtschaftlichen Situation, von den USA bis Zimbabwe.
Denn unsere Urteilskraft nehme zu, aber auch die Fähigkeit, den Moment zu genießen und sich selbst einzuschätzen.

Ein subversives Ideal
Deswegen sei es an der Zeit, das Erwachsensein zum Ideal zu erheben, einem subversiven Ideal allerdings, das nie vollkommen erreicht werden kann, nach dem zu streben sich aber umso mehr lohnt.
Erwachsensein bedeutet, ohne Gewissheit zu leben, aber einzusehen, "dass wir unvermeidlich immer nach ihr suchen werden". Und es hat weniger mit Wissen als mit dem Mut zu tun, seine eigene Urteilskraft zu benutzen.
Der erste Denker, der das Erwachsensein als philosophisches Problem behandelte, war Jean-Jacques Rousseau. In "Emile oder die Grenzen der Erziehung" (1762) lernt sein Zögling, "weder Sklave der eigenen Launen noch eines fremden Willens zu sein". Allerdings wird er zu dieser Freiheit nicht nur gezwungen, sondern auch für die "beste aller Welten" vorbereitet.
Aber, fragt Neiman: "Wie bereiten wir ein Kind auf eine Welt vor, die nicht so ist, wie sie sein sollte?" Und kehrt noch einmal zu Kant zurück, der es als ein Gebot der Vernunft ansah, angesichts der Unvollkommenheit der Welt nicht in Resignation zu verharren oder in Rage zu geraten.
Philosophie und Wissenschaften sind seitdem diesen Weg angetreten, die Welt oder zumindest die Bedingungen, unter denen Menschen leben, zu verändern. "Insofern ist die Philosophie selbst ein entscheidender Teil des Erwachsenwerdens." Sie tröstet und beruhigt nicht, sondern macht unser Leben zu einem Balanceakt, in dem wir immer ein Auge darauf haben müssen, "wie die Welt sein sollte, und zugleich niemals aus dem Blick zu verlieren, wie sie ist".
Und wann ist dieser Prozess abgeschlossen? Natürlich nie. Und je länger wir – statistisch gesehen – leben, desto wichtiger wird er. Wenig überraschend plädiert Neiman denn auch für ein lebenslanges Lernen mit den – zugegeben nicht sehr originellen – Elementen Arbeit, Bildung und Reisen, wobei vor allem Letzteres uns dazu befähige, die Welt wie neu wahrzunehmen und vorgefasste Meinungen und Verhaltensmuster zu überprüfen.

Pauken war gestern
Dem Thema Lernen widmet sich eine zweite Neuerscheinung, die Neimans Buch ergänzt, indem sie darüber Auskunft gibt, wie wir lernen, und dazu mit überraschenden und nützlichen Erkenntnissen aufwartet.Lebenslanges Lernen bedeutet nicht nur Sammlung neuen Faktenwissens, aber auch. Was es aber keinesfalls implizieren muss, betont Benedict Carey, ist Pauken.
Sein Buch "Neues Lernen. Warum Faulheit und Ablenkung dabei helfen" vermag Lernen schmackhaft zu machen, weil es sich von den alten Geißeln Fleiß, Disziplin und Konsequenz verabschiedet, die so sehr danach klingen, sich Gewalt antun zu müssen. Wie kann man ohne Qual lernen und sich dabei die "Marotten des Gehirns" zunutze machen?
Careys Antwort: Geringfügige Modifikationen unserer Lern- und Übungsroutinen reichen dafür aus. Der Wissenschaftsjournalist der New York Times zitiert Experimente und Studien, die erweisen, dass Lernrituale wie die berühmte Stille und ein fixer Ort die Lernleistung verringern, die lange verpönte Ablenkung – sogar ein kleiner Ausflug zu Facebook! – sie hingegen steigern kann.
Zu den guten Nachrichten gehört auch, dass weder Angst noch Dummheit die Hauptschuldigen bei unterdurchschnittlichen Prüfungsleistungen darstellen, sondern vielmehr jene Illusion der Abrufflüssigkeit, die durch kurzfristiges Pauken hervorgerufen wird. "Pauken funktioniert gut, wenn man unter Druck ist. Allerdings bleibt das so Gelernte nicht langfristig im Gedächtnis verankert." Was dagegen hilft: frühes Beginnen, Wiederholungen und Pausen.
Carey legt mit seinem Buch nicht nur eine Einführung in die Gedächtnisbildung und eine Ehrenrettung des unsystematischen und spontanen Lernens vor, sondern auch von Leistungstests und Prüfungen selbst.
Wir beherrschen Fakten und Fähigkeiten besser, wenn wir sie abrufen und nicht bloß wiederholen, das gilt sogar für Vortests und Ratespiele, aber insbesondere für Selbsttests, die bloßem Textmarkieren haushoch überlegen sind. Carey schlägt deswegen vor, Tests als Lernmethode und nicht als Instrumente zur Messung des Leistungsniveaus von Schülern zu betrachten.

Forget to learn
Sogar das Vergessen wird hier rehabilitiert, denn zeitweises Vergessen ist notwendig, um Inhalte tiefer im Gedächtnis zu verankern. Dieselbe Wirkung haben gezielte Selbstunterbrechungen und der Schlaf, denn einmal auf Schiene gesetzt, arbeitet das Gehirn auch ohne unser Zutun weiter, indem es Inhalte sortiert und konsolidiert.
"Die Erforschung des Vergessens hat uns in den letzten Jahrzehnten dazu gezwungen, die Theorie des Lernens von Grund auf umzuschreiben." Unser Gehirn stammt noch aus Jäger-und-Sammler-Zeiten, es ist nicht nur auf Multitasking programmiert, sondern in einem ganz wesentlichen Sinn auf Lernen.
Carey gibt zahlreiche Tipps, wie man das Lernen ohne erhöhten Aufwand verbessern kann. Seine Methoden sind altersunabhängig und erleichtern den Erwerb von Faktenwissen, aber auch von Fremdsprachen und eignen sich sogar für Schärfung der Wahrnehmung und Urteilskraft, wie Carey anhand eines Test zur Erkennung von kunstgeschichtlichen Epochen demonstriert. Sie sind anwendbar auf wissenschaftliche Problemlösung, aber auch auf den schöpferischen Akt.
Grob zusammengefasst lauten sie: Ortswechsel, Abwechslung, Pausen und Ablenkung von zehn, 20 Minuten beim Lernen, Wiederholungen sowie Lerninhalte zu mischen und zu verschränken. "Gemischtes Üben fördert nicht nur unsere Geschicklichkeit insgesamt und unser Unterscheidungsvermögen. Es wappnet uns auch für die Bälle, die uns das Leben im wörtlichen und übertragenen Sinn zuwirft."

Kirstin Breitenfellner in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 30)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Warum erwachsen werden? (Susan Neiman, Michael Bischoff)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen