Geisterstadt

von Robert Coover, Dirk van Gunsteren

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 12/2002

Robert Coover inszeniert in "Geisterstadt" den Wilden Westen als Abenteuer eines trotteligen Helden in einer halluzinierten Stadt.

Eines vorweg: Man muss kein Westernfan sein, um an "Geisterstadt" Gefallen zu finden. Robert Coover, einer der letzten Vertreter der amerikanischen Postmoderne, der noch an formalen Experimenten festhält und gleichzeitig unterhaltsam schreibt, versteht es blendend, seinen Roman auf jenen Mustern des Western aufzubauen, die jeder Leser intus hat. Sein greller Text ist wohl der Versuch, so etwas wie Mutter aller Western zu schreiben, das Genre gnadenlos zu übersteigern und es in einem Feuerwerk von gewagten Zoten und gefinkelten Anspielungen aufzulösen. Der Beginn von "Geisterstadt" freilich könnte klassischer nicht sein: Ein namenloser Cowboy reitet auf seinem Pferd durch die Wüste. Der Mann ist allerdings nicht ganz auf der Höhe, er sieht Gespenster – vor allem in Form einer Stadt, die ihm als unerreichbare Fata Morgana stets knapp entgleitet. Als er sie (oder sie ihn?) schließlich doch einholt, beginnt eine ebenso rasante wie verstörende Handlung, die sowohl das Beschützen heiliger Jungfrauen, das Ausrauben von Zügen als auch das Verspeisen von Pferdehoden als Initiationsritus und noch zahlreiche andere Phänomene einschließt. Coover inszeniert diesen Western-Slapstick als eine rasche Abfolge von Szenen, von denen nie ganz klar ist, ob man es mit realen Begebenheiten zu tun hat oder mit Halluzinationen des (auch körperlich) zunehmend auseinander fallenden Helden. Coover, der alte Fuchs, spielt hier seine erzählerische Erfahrung voll aus. Im Idealfall nämlich sind bei ihm avancierte Form und Inhalt gleichberechtigt; etwa in seinem besten Roman "Die öffentliche Verbrennung" (1977), einer funkelnden Chronik des Amerika der Fünfzigerjahren. Im schlimmsten Fall gerät ihm vor lauter Formalismen der Stoff aus dem Blickfeld, wie in dem kaum lesbaren "Pinocchio in Venedig" (1991). "Geisterstadt" gehört aufgrund der Konzentration auf eine einigermaßen nachvollziehbare Handlung und des schieren Irrwitzes wegen eindeutig zu Coovers besseren Texten, die Zeit beschrieb ihn gar als "ein kompaktes, schillerndes Juwel" (vergaß aber hinzuzufügen, dass dem geneigten Leser eine Vorlesung über die literarische Postmoderne durchaus nicht schaden kann).

Wie gesagt: Man muss kein Westernfan sein, um sich in der "Geisterstadt" zu Hause zu fühlen. Man darf bloß keine Scheu vor einem mitunter verwirrenden, traumhaften Text und gelegentlichen derben Sprüchen haben (Die Dorfdomina: "Vielleicht soll ich lieber runterkommen und meine nasse Muschi drüberhängen, bevor dein Ding noch ganz austrocknet.") Wer optimalen Lesespaß will, sollte vielleicht auch nicht ganz nüchtern sein: Barmann, einen doppelten Whiskey!

Sebastian Fasthuber in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 18)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb