Reise ans Ende der Nacht

von Louis-Ferdinand Céline, Hinrich Schmidt-Henkel

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Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel
Verlag: Rowohlt
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Umfang: 672 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.03.2003

Rezension aus FALTER 29/2003

Louis-Ferdinand Célines Klassiker "Reise ans Ende der Nacht" liegt nun in neuer und erstmals vollständiger Übersetzung vor und ist fast so gut, wie immer behauptet wird.

Louis-Ferdinand Céline gilt gemeinhin als der genialische Kotzbrocken unter den Autoren des 20. Jahrhunderts: "Ein primärer Spucker und Kotzer", lautete die Diagnose des doppelten Berufskollegen Gottfried Benn, wohingegen Philip Roth in dem wegen Kollaboration mit den Nazis aus Frankreich geflohenen und wegen seines rabiaten Antisemitismus notorischen Schriftstellers schlicht "einen großen Befreier" erblickte. Das bezieht sich natürlich nicht auf den politischen Polemiker, sondern auf den Romancier, dessen 1932 erschienenes Debüt "Reise ans Ende der Nacht" sofort Aufsehen erregte und dann doch "nur" mit Renaudot (und nicht mit dem noch um ein Alzerl renommierteren Prix Goncourt) prämiert wurde. Seither ist Célines voluminöser Erstling als mutiger Blick in die Abgründe der menschlichen Existenz gefeiert worden, als wüstes Protokoll eines nahe an der Autobiografie des Autors situierten Protagonisten, dessen unbestechlicher Blick für das menschliche Elend weder durch Selbstmitleid noch durch das Antidot höherer Sinnstiftung verschleiert wird. Der niederländische Großepiker A.F.Th. van der Heijden zählt Céline - neben Joyce und Proust - zu seinen literarischen Hausheiligen, und auch Elfriede Jelinek ist bekennender Céline-Fan.

Bislang hatte das deutschsprachige Lesepublikum aber nur sehr eingeschränkt die Chance, die "Reise" in ihrer ganzen Bandbreite einzusehen - und das bezieht sich sowohl auf qualitative als auch schier quantitative Aspekte. Die 1933 im Verlag Julius Kittls Nachfolger publizierte und ursprünglich vom Piper Verlag bei dem in Paris lebenden österreichischen Journalisten Isaak Grünberg in Auftrag gegebene Übersetzung war nicht nur "verstümmelt, missgestaltet, verfälscht", wie Grünberg selbst ein Jahr nach Erscheinen feststellte, sondern auch gekürzt worden. Die bislang bekannte, bei Rowohlt erschienene Übersetzung sei, so urteilt Hinrich Schmidt-Henkel, der den Roman nun für den Verlag neu übersetzt hat, eine Bearbeitung "voller Eingriffe tief in die Substanz des Textes. Absätze, ganze Passagen werden in ein, zwei Sätzen zusammengefasst, mal sinngemäß, mal sinnentstellend. Formulierungen oder ganze Sätze, die schwierig zu verstehen sind (und das sind nicht wenige), werden ungeniert weggelassen."

Die Ansicht, Célines "Reise" liege "nun zum ersten Mal auf Deutsch vor" (Thomas Steinfeld in der SZ), wurde vom deutschen Feuilleton weitgehend einhellig geteilt und betrifft nicht nur das Füllen von Textlücken, sondern auch Célines furiosen Umgang mit verschiedenen Stillagen, seine Integration des umgangssprachlichen Idioms, das er mit einer fallweise parodistisch eingesetzten Hochsprache kollidieren lässt, seine "klangmalerische, rhythmisierte, wenn man so will jazzige Sprache, die nun endlich in ein elegantes und mutiges Deutsch gebracht wurde" (Ina Hartwig in der Frankfurter Rundschau).

Richtet man den Blick von der idiomatischen Feinarbeit auf die narrative Gesamtorganisation, kann man von einem "pikaresken Episodenroman" sprechen, wie das der Übersetzer in seinem Nachwort getan hat. Damit ist die ästhetische Eigenart dieses Romans aber keineswegs hinreichend erfasst. Die liegt darin, dass der Schelm hier ein nicht besonders sympathischer Anti-Held ist, der seine "Abenteuer" auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs, im Herzen der Finsternis der französischen Kolonie, in Amerikas lärmenden Kathedralen des Fordismus oder als Pariser Armenarzt eher durch Zufall und eine einigermaßen widerstandsfähige Physis als durch übermäßige individuelle Pfiffigkeit übersteht. Wobei Célines Kunst nicht zuletzt in der ostentativen Kunstlosigkeit, sprich: dem Mangel an dramaturgischer Zuspitzung liegt, mit der die einzelnen Episoden aneinander gereiht werden. Die Rückkehr Ferdinand Bardamus aus den USA muss man einfach zur Kenntnis nehmen, und der Umstand, das der kleine, an Tuberkulose erkrankte Bébert, um den er sich doch einigermaßen engagiert bemüht hat, mittlerweile gestorben ist, wird irgendwann en passant als dürres Faktum nachgereicht.

All das wird verleimt durch den permanenten Redeschwall des Protagonisten, dem es nicht nur im Tropenfieber, diesem "biologischen Offenbarungseid", aus dem Leib rinnt, sondern der auch von einer veritablen Logorrhöe befallen ist. Bei allem Enthusiasmus für die Céline'schen Sprache muss doch auch gesagt werden: Die "Reise ans Ende der Nacht" kann einem in ihrer monströsen Geschwätzigkeit auch gehörig auf den Senkel gehen. Und all die Geistreicheleien über das Leben, die Liebe und den Tod, die da im Habit des Allgemeingültigen einherstolzieren und als Bonmots du Mal für den Eintrag ins dunkelschwarze Stammbuch misanthropischer Zeitgenossen angesammelt wurden, sind keineswegs von jenem Kitsch der Negativität gefeit, dem Autoren geringeren Ranges dann vollends auf den Leim gehen. "Ich habe es noch nie sein lassen können draufloszuplappern", gesteht Bardamu denn auch, dem man alles Mögliche vorwerfen kann - bloß nicht Selbstverklärung. Der distanzierte Blick des Arztes, mit dem Bardamu auch den Rest der Welt betrachtet, macht vor ihm selbst zu allerletzt Halt.

Aber kein Loch ist so finster, dass sich nicht doch ein Lichtstrahl in es verlöre. "Die Reise ans Ende der Nacht" ist ein böses, aber kein mitleidloses Buch, und die Empathie gilt nicht nur einem geschundenen Pferd, dem "suppend, roh, dicke Eiterbäche bis zu den Fesseln hinab" laufen, sondern auch den humanen Gattungsgenossen. Gewiss, gut gebaute junge Frauen mit anmutigem Muskelspiel haben bei Bardamu, der seinem Besser-Ficken-als-Verrecken-Pragmatismus mit einem gewissen Enthusiasmus folgt, einen verdächtig großen Sympathievorsprung - die empfindsame, gütige Hure Molly, mit der er "körperlich und geistig intim" ist, gehört zu den seltenen Lichtgestalten des Romans -; aber auch Kinder, die von der Last der Existenz noch nicht völlig korrumpiert sind, genießen eine gewisse Grundsympathie.

Angesichts der Wunderdinge, die man von Célines psychologischer Raffinesse oder von seinem literarischen Freudianismus hört, ist davon nicht allzu viel zu bemerken - sieht man vom Eingeständnis, dass man das Unbewusste ohnedies "nicht beim Wickel" kriegt, einmal ab. Die Gestalt von Léon Robinson, neben dem Ich-Erzähler die wichtigste Figur des Romans, ist bloß ein mythologischer Schatten des Protagonisten, dem Robinsons "Charakter" auch verborgen bleibt. Bardamus Scharfblick ist eher der des Physiologen und Physiognomen als der eines Psychoanalytikers. Es genügt ihm, Emotionen hinsichtlich ihrer Ausdrucksform und Intensität zu beschreiben, um ihre Genese mag er sich nicht mehr kümmern. Obgleich er sich selbst immer wieder in die philosophischen Untiefen anthropologischer Allgemeinplätze verirrt, bleibt er skeptisch gegenüber den großen Sinnsynthesen: "Wir Menschen sind eben nicht edel. Das darf man niemand übel nehmen. Glück und Wollust über alles." Also hält sich der Arzt und Erotomane - sozusagen schon aus professionellen Gründen - lieber an den Körper als an den Geist: "Der Geist gibt sich mit Phrasen zufrieden, der Körper ist da anders, anspruchsvoller, der braucht Muskeln. Ein Körper ist immer etwas Wahres, darum ist er meistens auch ein trauriger und abstoßender Anblick."

Klaus Nüchtern in FALTER 29/2003 vom 18.07.2003 (S. 54)


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