Middlesex

von Jeffrey Eugenides

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Übersetzung: Eike Schönfeld
Verlag: Rowohlt
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 736 Seiten
Erscheinungsdatum: 07.05.2003

Rezension aus FALTER 25/2003

Jeffrey Eugenides' mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneter Roman "Middlesex" kann nicht ganz halten, was der mediale Rummel um ihn verspricht.

Von meiner Geburt an, bei der sie unentdeckt blieben, über meine Taufe, wo sie einem Priester die Schau stahlen, bis hin zu meiner leidvollen Jugendzeit, während der sie nicht eben viel und dann alles auf einmal taten, waren und sind meine Genitalien das Bedeutsamste, was mir je widerfahren ist."

So weit, so bekannt. Beim Protagonisten von Jeffrey Eugenides' momentan in Feuilleton und Fernsehen omnipräsentem Roman-Hit "Middlesex" handelt es sich um den seltenen Fall eines "5-Alpha-Reduktase-Pseudohermaphroditen". Cal Stephanides, Spross griechischer Einwanderer in Detroit, ist ein Mann mit nicht voll ausgeprägtem Penis, der als Mädchen aufgezogen und sich erst im Zuge erster sexueller Erfahrungen während der Pubertät langsam über sein Geschlecht klar wird.

"Meine Geschichte zu schreiben ist mitnichten der mutige Befreiungsakt, den ich mir erhofft hatte. Schreiben ist einsam, verstohlen, und das kenne ich ja schon. Ich bin Experte für das Leben im Untergrund."

Die Stimme von "Middlesex" gehört dem 41-jährigen Cal, der nunmehr als amerikanischer Kulturattaché in Berlin lebt. Zu sagen, dass sie die Geschichte ihrer Mannwerdung, bei der es zunächst weit zurück in die Familienhistorie geht, routiniert abwickelt, wäre eine glatte Untertreibung: Wo eigentlich massive Zweifel und Verwirrungen zu erwarten wären, führt Stephanides/Eugenides den Leser handwerklich zwar mehr als einwandfrei, jedoch auch unglaubwürdig direkt ans Ziel.

Strukturell präsentiert sich "Middlesex" als eine gut 700 Seiten lange Abfolge in sich abgeschlossener Szenen - eine Verfilmung ist (wie bei Eugenides' Erstling "The Virgin Suicides") bereits in Planung. Der - wie sein Held - griechischstämmige amerikanische Autor mit Wohnsitz in Berlin geizt denn auch nicht mit dramatischen Begebenheiten: die Großeltern - eigentlich ein Geschwisterpaar, das auf der Flucht aus dem von Türken angegriffenen Smyrna in die USA heiratet; die Eltern - in Wahrheit Cousin und Cousine.

Nichts ist, wie es zunächst scheint, und immer wieder schlägt das Schicksal voll zu, wobei es in der Regel mit schlafwandlerischer Sicherheit alles zum Guten wendet. In den entsprechenden Schlusseinstellungen der einzelnen Kapitel gerät "Middlesex" oft in die Nähe des Slapstick, und es würde einen dann auch gar nicht mehr wundern, wenn eine Figur spontan in Gesang ausbrechen und der Roman sich endgültig als Musicalbühne entpuppen würde. So weit aber geht Eugenides dann doch nicht. Aus gutem Grund: Will man einen großen amerikanischen Roman schreiben, erklärte der Autor in Interviews, dann dürfe man dem Leser nicht zu viele Experimente zumuten.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: "Middlesex" ist kein schlechtes Buch, und Leser, die gehobene Unterhaltung suchen, werden auf ihre Kosten kommen. Es ist jedoch, im Unterschied etwa zu Philip Roths ähnlich erfolgreichem "Der menschliche Makel" aus dem Vorjahr, kein wirklicher Wurf, mag der Autor von der griechischen Mythologie bis hin zur aktuellen Genetik-Debatte auch sämtliche Wissensgebiete herbeizitieren und nebstbei auch auf Sternes "Tristram Shandy" und Grass' "Blechtrommel" zurückgreifen. Kaum jemals weist "Middlesex" über sich selbst hinaus, bleibt stattdessen bieder an der Oberfläche der zu erzählenden unerhörten Begebenheiten.

Auch die zahlreichen Exkurse über die griechische und amerikanische Geschichte, die man gerne noch vertieft gesehen hätte, müssen sich daher der Ökonomie der Haupthandlung unterwerfen und dürfen kein echtes Eigenleben entwickeln. Als wirkliche Enttäuschung des Buches aber entpuppt sich die seltsam glatte und unverbindliche Art, in der der zum ganzen Kerl gewordene Cal rückblickend über die Findung seiner geschlechtlichen Identität berichtet. Der eigentliche Hauptkonflikt des Romans - er ist nicht viel mehr als eine Fingerübung.

Sebastian Fasthuber in FALTER 25/2003 vom 20.06.2003 (S. 59)


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