Die Korrekturen

von Jonathan Franzen

€ 27,80
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Übersetzung: Bettina Abarbanell
Verlag: Rowohlt
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 784 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.06.2002

Rezension aus FALTER 29/2002

Fallende Väter

Jonathan Franzens Bestseller "Die Korrekturen" ist die ideale Urlaubslektüre: dick, witzig, berührend, intelligent und verdammt gut geschrieben.

Wer sich in Familie begibt, kommt darin um", formulierte es Heimito von Doderer in einem ebenso sarkastischen wie ernst gemeinten Bonmot. Für die erniedrigende Bestimmtheit durch Abstammung und Erziehung hatte der cholerische und der Philanthropie weitgehend unverdächtige österreichische Dichter ein waches Sensorium. Ob Jonathan Franzen, dessen doderesk dicker Roman "Die Korrekturen" in den USA über eine Million Mal verkauft wurde und sich nun auch in deutscher Übersetzung anschickt, zum Bestseller zu werden, Doderer gelesen hat - immerhin studierte er auch Germanistik in Berlin -, ist nicht bekannt. Seinen Artgenossen scheint er mit etwas mehr Nachsicht zu begegnen ("Ich kann mir nicht helfen, ich mag Menschen", bekannte er in einem Interview mit dem Spiegel), was sich auch in der Empathie seinen Romanfiguren gegenüber niederschlägt, die allesamt reichlich seltsam sind, handelt es sich doch bei Alfred und Enid Lambert und ihren Kindern Gary, Chip und Denise um eine stinknormale Familie.

Was Franzen mit Doderer gemeinsam hat, ist die Fähigkeit, seine weit verzweigte Personnage - abgesehen von den fünf Haupt- noch Dutzende von Nebenfiguren - auf souveräne Art und Weise durch das Raum-Zeit-Kontinuum seines Romans zu manövrieren und bei allen Umwegen die großen epischen Bögen nicht aus den Augen zu verlieren. Das narrative Fundament der "Korrekturen" ist denkbar einfach: Mutter Enid möchte ein letztes Mal ein gemeinsames Weihnachtsfest im elterlichen Haus in St. Jude feiern - mit all ihren Kindern und Enkerln. Das Problem: Sie ist die Einzige, die das wirklich will. Alfred, ihr ohnedies verschlossener und stets auf Distanz bedachter Gatte, driftet zusehends in die Demenz ab und hat die wenigsten seiner Körperfunktionen unter Kontrolle; Gary riskiert ob des Ansinnens seiner Mutter den finalen Niedergang seiner Ehe; Denise ist zwar zur anerkannten Starköchin eines superangesagten Restaurants in Philadelphia avanciert, hat aber auf dem privaten Sektor so gut wie gar nichts unter Kontrolle; und Chip muss ohnedies als der Versager der Familie gelten, nachdem er aufgrund einer Affäre mit einer Studentin seine bescheidene akademische Karriere verbockt hat und nun im Sold eines dubiosen Freundes und Politikers in Litauen steht und per Internet amerikanische Investoren betrügt.

Wie kaum anders zu erwarten, geht das schlussendlich doch noch zustande gekommene weihnachtliche Familienfest gründlich daneben. Aber so zäh und vorhersehbar sich der familiäre Grabenkrieg auch gestaltet, bleibt er doch nicht ohne einige still-spektakuläre Friedensabkommen. Zwar nützt Denise alle ihr zu Gebote stehenden Mittel, um "sich gegen die Gefühle in diesem Haus, gegen dessen Durchdrungensein von Kindheitserinnerung und ihrer Bedeutsamkeit, zu wappnen"; aber letztendlich kann auch sie nicht umhin, ihre Sympathien und Antipathien einer Korrektur zu unterziehen. Einerseits muss sie einsehen, dass Enids eheliche Grundgenervtheit in Alfreds Verfall eine nur allzu plausible Grundlage hat, andererseits wird ihr durch einen Hinweis ihres dementen Vaters schlagartig klar, dass dieser seine Karriere dem Schutz ihrer Privatsphäre geopfert und für ihre Affäre mit einem seiner Arbeitskollegen buchstäblich bezahlt hat. Auch Chip bekommt erstmals eine Ahnung von der Zuneigung seines Vaters und muss erstaunt feststellen, dass er "die am wenigsten unglückliche Person an diesem Tisch" ist. Lediglich Gary erweist sich als emotional gepanzert, montiert unwillig einen Haltegriff in der Dusche und verrechnet der Mutter auch noch die Schrauben, die er dafür gekauft hat.

Wenn Doderers ästhetische Position die einer "nicht riskierten Avantgarde" ist, wie es Wendelin Schmidt-Dengler einmal formulierte, dann vertritt Franzen diejenige einer transzendierten Postmoderne. Die "postmodern-spielerische Ironie" seiner Langzeitvorbilder Don DeLillo und Thomas Pynchon hätte ihm eines Tages einfach nicht mehr genügt. Also griff der 1959 in Western Springs/Illinois geborene und in einer Vorstadt von St. Louis/Missouri aufgewachsene Autor auf den guten alten auktorialen Erzähler zurück, wechselte souverän zwischen der Innensicht seiner Hauptfiguren und deren Kommentierung aus einer objektivierenden Außenperspektive.

Das allein würde noch kaum für die Beachtung sorgen, die dem am 10. September (!) des vorigen Jahres in den USA erschienenen Buch mittlerweile zuteil wurde. Was "Die Korrekturen" zu einer so überzeugenden Synthese zwischen den im angloamerikanischen Raum ohnedies durchlässigeren Genres der E- und U-Literatur macht, ist, wie Franzen die "heißen Themen" der Zeit - vom Aus- und Zusammenbrechen der Dotcom-Hysterie bis zur Biotechnologie - auf überzeugende und integrale Art und Weise mit dem Schicksal seiner Figuren verknüpfte.

Das Primat der Charaktere über die Story und über eine analytische Durchdringung der ökonomischen und neuro-biologischen Verfasstheit US-amerikanischer Zeitgenossenschaft machen den Roman anschlussfähig an ein Mainstream-Publikum, das in Franzens Roman jene Emotionalität und Empathie findet, die es bei Pynchon & Co missen muss. Hinzu kommt ein rares Talent für (tragi)komische, am Rande der Satire balancierende Tableaus - grandios etwa die Szene, in der sich der betrunkene Gary nach einem Grilldesaster beim Heckenschneiden schwer verletzt - und eine Fähigkeit, Dialoge zu schreiben, die ihresgleichen suchen: Die grausame Viskosität des Ehestreits weiß Franzen ebenso überzeugend wiederzugeben, wie er den Smalltalk von Pensionisten auf einer Luxuskreuzfahrt als kurzweiliges, zwischen Drögheit und erstaunlich spitzem Witz oszillierendes Parlando inszeniert.

Auf besagter Kreuzfahrt, während der Alfred vom Dampfer stürzt und auf mysteriöse Weise überlebt, wird Enid übrigens von einem windigen Bordarzt mit dem "Persönlichkeitsoptimierer" Aslan versorgt, der ihr hartnäckiges Schamgefühl tilgt. Die meisten der Lamberts versuchen an irgendeinem Punkt ihr ramponiertes Selbst mit Drogen zu korrigieren: Chip greift auf dem Sex-Trip mit seiner Studentin zu Mexican A, das auf derselben Substanz wie Aslan basiert; der dem Alkohol zugeneigte Gary ist panisch bemüht, der Diagnose einer klinischen Depression zu entgehen; und von der Entwicklung eines Medikaments mit dem Namen Korrektal, das unter anderem auf Alfreds "Entdeckung der elektrischen Anisotropie in einem Gel aus vergittertem Eisenacetat" beruht, erhoffen die Lamberts ein probates Mittel im Kampf gegen dessen Parkinson-Erkrankung.

"Der kindliche Optimismus des Heilmachens" wird freilich schwer enttäuscht, und Enid weigert sich schlussendlich, ihr altmodisches Ich auf Dauer einem neurochemischen Re-Shaping zu unterziehen. Die Szene, in der ihr die Droge aufgeschwatzt wird, trägt übrigens deutlich simpsoneske Züge. Es ist wohl kein Zufall, dass der dubiose Quacksalber Dr. Hibbard heißt - also ähnlich wie sein Pendant aus der erwähnten Zeichentrickserie, Dr. Hibbert. So gesehen kann man sagen, dass es Franzen gelungen ist, "The Simpsons" für den modernen Gesellschaftsroman zu adaptieren. Und das muss ihm erst einmal wer nachmachen.

Klaus Nüchtern in FALTER 29/2002 vom 19.07.2002 (S. 55)


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