Wenn man einen weißen Anzug anhat
Ein Tagebuch-Buch

von Max Goldt

€ 17,40
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Verlag: Rowohlt
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 160 Seiten
Erscheinungsdatum: 13.09.2002

Das neue Buch von Max Goldt ist so neu wie noch kein Buch von Max Goldt zuvor: unvorabgedruckt nämlich und der Form nach, anders als sonst, nicht eine Sammlung von Kolumnen oder Essays, Grotesken, Scherzi oder Betrachtungen, sondern ein Tagebuch. Es beginnt im September 2001 und zieht sich noch ein Weilchen ins Jahr 2002 hinein, wobei der Autor die Gelegenheit ergreift (endlich!), über alles zu berichten, was sein Leben und seinen Alltag ausmacht: Kommentarwichsmaschinen, Funken von Restanstand, Eugenie Marlitt, jene talentvolle Autorin "zaghaft frauenemanzipatorischer Gesellschaftsromane des 19. Jahrhunderts", aber auch Karlheinz Stockhausen, die Dronte und die Mutter Gottes sowie andere Merkwürdigkeiten und Schönheiten am Rande des Aussterbens. Das Zweikomponentenrezept zum Beispiel. Die Tauchsieder der Familie Henscheid. Tassen und Kannen von Hedwig Bollhagen. Mit von der Partie sind auch Tex Rubinowitz und sein legendäres Damenkloschwert, Stephan Katz und Martin Z. Schröder, außerdem Jörg Haider, anlaßbedingt, sowie eine rumänische Prinzessin mit harten Haaren und viele mehr. Sie alle treiben durch den soft verfließenden Nachmittag des Schriftstellers, und er hält fest, was er mit ihnen erlebte, sprach und sah. Der Leser findet es in diesem Buch. Max Goldt, geboren 1958 in Göttingen, lebt in Berlin. Zuletzt veröffentlichte er 'Räusper. Comic-Skripts in Dramensatz' (2015) und 'Chefinnen in bodenlangen Jeansröcken' (2014). Im Jahr 2008 erhielt er den Hugo-Ball-Preis und den Kleist-Preis.

Rezension aus FALTER 41/2002

Einmal mehr betätigt sich Max Goldt als Benimmtante und Sprachkritiker - mit wechselndem Erfolg.

Max Goldts jüngstes Werk, "Wenn man einen weißen Anzug anhat", ist sein erstes beim Rowohlt Verlag und wird dort als "Tagebuch-Buch" ausgewiesen; ein überflüssiger Genre-Neologismus, denn drinnen ist, was draufsteht - Goldt eben. Und der macht, was er immer macht: Er kommentiert sein ganz persönliches Tagesgeschehen. Am 11. September 2001 etwa schrieb er ein E-Mail an den Herausgeber des Merkur, in dem er diesem ausrichtet, er habe den Auftrag, sich "16.000 bis 20.000 lang über Musik zu äußern", vergessen und nun auch keine Zeit mehr, das nachzuholen.

Der Autor teilt uns also mit, dass er nicht besonders viel darauf gibt, etwas für die renommierte Denkerpostille zu schreiben - was entgegen seinen Beteuerungen weniger als unkapriziöse Bescheidenheit denn als jene wurschtige Herablassung rüberkommt, die Goldt ansonsten sehr zu Recht zu geißeln pflegt. Mit ostentativer Beiläufigkeit umkränzt er das heavy Datum kokett mit alltagsbanalen Beobachtungen, bevor dann die Goldt-übliche Meinung abgeschlagen wird, dass das ständige Abschlagen von Meinungen zum tagespolitischen Geschehen reichlich uncool und Sache eitler Schauspielerfatzkes sei. In diesem Zusammenhang fällt dann auch das Wort "Kommentarwichsmaschine", dessen instantaner Erfolg dem Autor selbst fragwürdig erscheint: "Selbstzensur ist lebenswichtig, denn wenn man es unbewegt in Kauf nimmt, von anspruchslosen Leuten ,witzig' gefunden zu werden, sinkt man hinab."

Mit solch ironisch-gravitätischem Pathos spaziert Goldt auf der Düne zwischen einem erfrischend unprätentiösen Revival dessen, was man früher mal "Takt" nannte und einer pusseligen und nervigen Benimmtantenhaftigkeit. Manchmal sinkt er auf die falsche Seite hinab. Das Kabarett-(Publikums-)Bashing etwa ist um nichts weniger überwuzelt als die dem Kabarett samt und sonders unterstellte Ridikülisierung von "gesunder Ernährung, Friedens- und Umweltaktivitäten, Emanzipation benachteiligter Gruppen etc.". Auch die Abrechnung mit dem letztes Jahr in Konkurs gegangenen Exverleger Gerd Haffmans ("als Mensch war er mir vom ersten Augenblick an zutiefst unsympathisch") kommt etwas spät: Schon verständlich, dass der offenbar um seine Tantiemen geprellte Autor auf den in Sachen Zahlungsmoral extrem laschen Haffmans sauer ist, aber es nach dem Konkurs von dessen Verlag immer schon gewusst zu haben, ist keine besonders heroische Position.

Dergleichen Lapsus fielen weniger unangenehm auf, hätte es sich Goldt nicht zu seiner - im Grunde sehr begrüßenswerten - Aufgabe gemacht, der Verlotterung von Stil und Sitte entgegenzuwirken. Und das gelingt ihm auch in seinem jüngsten Buch immer wieder auf erfrischende Weise. Im Zuge der Wiederherstellung von Verhältnismäßigkeit ist der Vorschlag, das Wort "fieberhaft" im Zusammenhang mit Vermisstensuche durch "fleißig" zu ersetzen, ebenso zu begrüßen wie der Hinweis darauf, dass Gloria von Thurn und Taxis' Diktum von der extrem hohen Schnackselfreudigkeit der Afrikaner allenfalls eine "Flapsigkeit" oder "gelinde Frivolität", gewiss aber keine "ungeheuerliche Entgleisung" darstelle: "Eine Entgleisung läge vielleicht vor, wenn der deutsche Außenminister die Queen mit ,Na, du alte Zonenbraut?' ansprechen würde."

Die Sensibilität für sprachliche Valeurs, die aus dem Humus der Ethik erwächst (war es nicht Wittgenstein, der die Identität von Ethik und Ästhetik behauptete?), führt immer wieder zu treffenden Einsichten und beherzigenswerten Vorschlägen. Hübsch auch der Hinweis darauf, dass sich die gender-politisch korrekte Bezeichnung "Studierende" der Lächerlichkeit preisgibt, sobald sie mit einem Partizip Präsens kombiniert wird: "Man kann nicht sagen: ,In der Kneipe sitzen biertrinkende Studierende.' Oder nach einem Massaker an einer Universität: ,Die Bevölkerung beweint die sterbenden Studierenden.'"

Man kann also von Onkel Max immer noch einiges lernen. Besonders die Jugend, der Goldt mit der korrekten Mischung aus pädagogischer Festigkeit und Nachsicht begegnet: "Jugend hat gut zuzuhören und gut auszusehen, am besten beides auf einmal, und falls nur eins von beiden möglich sein sollte, ist das auch nicht zu bemäkeln."

Klaus Nüchtern in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 6)


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