Die Brüder Humboldt
Eine Biographie

von Manfred Geier

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.01.2009

Rezension aus FALTER 23/2009

Drei Jahre bevor er zu seiner legendären fünfjährigen Amerikareise aufbrach, fasste der 27-jährige Alexander von Humboldt 1796 den sogar ihm selbst maßlos vorkommenden Plan, ein Himmel-und-Erde-Buch zu schreiben, in dem alles, was man wissen kann – von den Mikroorganismen bis zu den Sonnensystemen, vom Brodeln im Inneren der Erde bis zu den Empfindungen des Menschen –, noch einmal in einem einzigen großen Erzählatem verbunden würde. Erst mit 40 Jahren brachte der Universalgelehrte seinen Jugendtraum zu Papier und in Druck: eine letzte große Synthese akribischer Empirie und philosophisch-ästhetischer Überschau. "Kosmos", Humboldts Alterswerk, wurde 150 Jahre nach seiner Entstehung noch einmal zum Bestseller. Offenbar ist die Sehnsucht nach einem Ästhetik und Wissenschaft, Abenteuer und Philosophie versöhnenden Bild der Natur nicht kleiner geworden. Auf vergleichbare Erfolge in der heutigen Zeit hat Alexanders Bruder Wilhelm, der seinen Beitrag zur Wissenschafts- und Geistesgeschichte nicht als kühner Weltreisender, sondern daheim in seiner Studierstube und auf dem Gebiet der vergleichenden Sprachwissenschaft vollbracht hat, wohl kaum eine Chance.
Zum 150. Todestag des berühmteren der beiden Brüder ist nun eine Doppelbiografie erschienen, die allen empfohlen sei, die sich von den Witzchen Daniel Kehlmanns ihre Humboldt-Verehrung nicht kleinreden lassen wollen. Der Kant-Biograf Manfred Geier gibt darin Basisinformationen zu Wirken und Schreiben und konzentriert sich im Weiteren auf die Polarität der Charaktere und Lebensläufe. Die Homosexualität Alexanders wird dabei zum ersten Mal unverblümt, jedoch frei von allem Enthüllungseifer beschrieben, die sexuelle Konstitution der Brüder so dezent wie lehrreich in den Zusammenhang der jeweiligen Lebens-, Schreib- und Forschungsweise gestellt.
Geier schreibt mit jenem Wohlwollen für seine Helden, ohne das es keine gute Biografie geben kann. Ein wenig Distanz gegenüber ihrer nur partiell aufgeklärten, hochgradig ästhetisierenden Ganzheitslehre und in aristokratischen Privilegien gründenden Bildungsreligion hätten dem Buch jedoch nicht geschadet.

Sebastian Kiefer in FALTER 23/2009 vom 05.06.2009 (S. 21)


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