Hesters Traum

von Annegret Held

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Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 47/2001

Was bringt, was beweist der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb? Bündig lässt sich diese Frage nicht beantworten. Die Teilnahme als solche garantiert für nichts, und selbst preisgekrönte Autorinnen und Autoren können hinsichtlich Wertschätzung und Erfolg hinter jene zurückfallen, die unausgezeichnet blieben. Nach einer Besprechung eines Bandes mit den 25 Texten, die bislang den Hauptpreis erringen konnten ("Best of Bachmann?" von Konstanze Fliedl im Falter 46/01), überprüft der Falter diesmal die aktuellen Publikationen von Wettbewerbsteilnehmern der letzten zehn Jahre. Fortsetzung folgt.



Fünf ehemalige Hausbesetzer und zwei Kinder setzen sich in Berlin-Kreuzberg des Jahres 1982 in einen Hanomag, um - Adorno, den Papalagi und Erich Fried im Handgepäck - in einem alten Haus im Rheinland dem Kapitalismus den Rücken zu kehren. In ihrem neuen Roman "Hesters Traum" erzählt Annegret Held ohne jegliche Scheu vor Romantik und Tragik, manchmal sogar nahe an der Burleske. Das könnte peinlich sein. Ist es aber mitnichten. Denn Held - die übrigens drei Jahre lang Polizistin war und als solche auch die Startbahn West bewachte - balanciert, nein, marschiert bravourös über jeden Abgrund, der sich unter diesem heiklen Stoff auftut.

Dass der Drahtseilakt gelingt, Glanz und Elend einer bundesdeutschen Aussteigerkommune im "Jahrzehnt der zwanghaften Toleranz" zu vermitteln, ist dem liebevollen, unbestechlichen, aber auch selbstironischen Blick der Icherzählerin Hester Jonas - eigentlich Krankenschwester und "vergleichsweise konservativ" - zu verdanken. Mit sicherem Gefühl für Dialog und Erzählökonomie und einer gehörigen Portion Humor geleitet Held den Leser durch den Dschungel dieses schwer erträglichen kollektiven Gefühlshaushalts - verseucht durch allseits bekannte Dogmen (Ehrlichkeit kann nicht verletzen, und Kinder brauchen nichts als Freiheit). Zum Ausgleich darf man sich mit der spirituell frauenbewegten Protagonistin immer wieder in einem Naturparadies voller Kräuter, Frösche und Pflaumenbäume ausruhen.

Das Projekt "Urgesellschaft" freilich scheitert kläglich: Zehn Sommer und unzählige Grundsatzdiskussionen später ist das Anwesen "nicht instand besetzt", sondern "kaputt besessen", man trennt sich mit gegenseitigen Räumungsklagen, und die Kinder flüchten in die Ordnung des ideologischen Gegners (Bundeswehr!). Am Ende gelingt es Hester aber doch noch, ihren Traum vom Ökoparadies unter anderen, glücklicheren Vorzeichen zu verwirklichen. Alle Achtung!

Kirstin Breitenfellner in FALTER 47/2001 vom 23.11.2001 (S. 70)


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