Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen
Essays über Kunst, Geschlecht und Geist

von Siri Hustvedt

€ 26,80
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Übersetzung: Uli Aumüller
Übersetzung: Grete Osterwald
Verlag: Rowohlt
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Umfang: 528 Seiten
Erscheinungsdatum: 05.03.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Der Feind des Denkens ist die fertige Idee

Essays: Siri Hustvedt legt Essays über Denken und Fühlen, Kunst und Literatur, Männer und Frauen vor

Siri Hustvedt bewegt sich zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften, sie schreibt nicht nur internationale Romanbestseller, sondern interessiert sich auch dafür, wie die menschliche Wahrnehmung funktioniert, wie Gehirn und Körper, Gefühle und Kunst zusammenhängen. Bereits in ihrem letzten Sachbuch, „Die Illusion der Gewissheit“ (2018), hinterfragte sie die gängige Metapher vom Körper, der von einem als Computer imaginierten Gehirn dirigiert wird, und warf Fragen zur Natur des Denkens, der Möglichkeit zu wissen sowie den Bedingungen von Kreativität und Innovation auf.

„Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen. Essays über Kunst, Geschlecht und Geist“ lautet der Titel ihres neuen Buchs mit Arbeiten und Auftragswerken aus den letzten zehn Jahren. Auch sie kreisen um die Bedingungen von Erkenntnis. Dabei geht sie von der These aus, dass alles menschliche Wissen partiell bleiben muss und niemand von der Gemeinschaft der Denker oder Forscher, in der er lebt, unberührt bleibt.

Es ist lohnend und lehrreich, dieser klugen und belesenen Frau beim Hinterfragen von Gewissheiten zu folgen. Es macht Spaß, ihre Freude an einem offenen Geist und am Denken selbst zu teilen, gemäß ihrem Motto: „Der große Feind des Denkens und der Kreativität ist die vorgefertigte Idee.“

Wahrnehmung, darauf insistiert Hustvedt, findet nicht in einem luftleeren Raum statt, sondern auch durch unseren Körper und unser Geschlecht, sie ist nicht rein passiv, sondern enthält aktive Komponenten. Der erste Teil des Bandes widmet sich dem Thema Kunst und Geschlecht. Wie der Titel herausstreicht, interessiert Hustvedt dabei der männliche Blick auf Frauen. Ihr Hauptfokus liegt aber auf der ästhetischen Wahrnehmung als solcher.

Dabei sieht sie das Fühlen als wesentlich für das Verstehen eines Kunstwerks an und stellt sich damit in Opposition zu Kants Begriff des interesselosen Wohlgefallens. Die Begegnung mit Kunst entspricht nicht jener mit einem Gegenstand, sondern eher einer Beziehung zu etwas, das halb Ding, halb Person sei. Dazu laden allerdings nur Werke ein, deren Dringlichkeit spürbar ist: „Menschen mögen es, ihre Kunst zu fühlen. Gefühl ist die Quelle aller Primärbedeutungen und macht jede Erfahrung farbig.“

Frauenbildnisse von Willem de Kooning, Pablo Picasso und Max Beckmann geben Hustvedt Gelegenheit, den männlichen Blick auf weibliche Modelle abzuhandeln, wobei sie immer auch deren Beziehung zur Frau als Mutter mitdenkt. Anhand von Susan Sontags Vorträgen über Pornografie aus dem Jahr 1964 geht sie auf das sexuelle Verlangen ein, das auch die Betrachtung von Kunstwerken auslösen kann, genauso wie Pornografie, die oft als langweilig bezeichnet werde. Dabei, vermutet Hustvedt, machen sie sich eher Sorgen darüber, dass diese zu interessant und erregend werden könnte.

Einer der eindrucksvollsten (und betrüblichsten) Essays trägt ein Zitat des norwegischen Autors Karl Ove Knausgård im Titel: „Keine Konkurrenz“. So lautete Knausgårds Antwort auf Hustvedts Interviewfrage, warum er in seinem autobiografischen Projekt mit Ausnahme von Julia Kristeva nie auf Schriftstellerinnen Bezug nehme. Offenbar sind Frauen für den Erfolgsautor, der in seinen Bücher in extenso über Hausarbeit und Kinderbetreuung schreibt, nicht satisfaktionsfähig. Und nicht nur das: Die Konnotation mit dem Weiblichen ist gefährlich: „Alles, was mit Mädchen und Frauen identifiziert wird, verliert an Status, ob es nun ein Beruf, ein Buch, ein Film oder eine Krankheit ist“, resümiert Hustvedt.

Als Ehefrau von Paul Auster ist Hustvedt selbst oft sexistischen Bemerkungen ausgesetzt. Etwa als ein chilenischer Journalist meinte, ihr Mann habe ihr das Wissen über Psychoanalyse und Neurowissenschaften beigebracht.

Diesem Themenkomplex ist der zweite Teil des Bandes gewidmet. Bereits in ihrem autobiografischen Bericht „Die zitternde Frau“ (2010) hatte Hustvedt von ihrem Zittersyndrom im Alter von 53 Jahren erzählt, von ihrer Kindheit als hochsensibles Mädchen mit synästhetischen Wahrnehmungen und der Mirror-Touch-Synästhesie, mit der man eine bloß beobachtete Berührung zwischen zwei Personen auch am eigenen Körper spüren kann. „Ich habe mich manchmal gefragt, ob ich ohne meine besondere neurologische Disposition überhaupt Schriftstellerin geworden wäre“, meint Hustvedt. Ihre auf die Nervenkrise folgende Psychotherapie habe sie aber nicht ihrer Kreativität beraubt, sondern „von der Leine auf meine Kunst losgelassen“.

Im dritten und umfangreichsten Teil versucht Hustvedt, eine Brücke zwischen Geistes- und Naturwissenschaften zu schlagen und kehrt dabei zum Thema Kreativität und Schreiben bzw. Lesen zurück. Als theoretische Zeugen ruft sie immer wieder Maurice Merleau-Ponty, aber auch Margaret Cavendish (1623–1673) auf, die eine „anti-atomistische, anti-mechanische, dynamisch-organische Naturphilosophie“ vertrat, die Kunsttheorie der US-Amerikanerin Susanne Langer und auffällig oft deutschsprachige Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts, von Hermann von Helmholtz über Wilhelm Wundt bis Sigmund Freud.

„Alle Kunstwerke, der Roman eingeschlossen, werden im Körper des Betrachters, Zuhörers oder Lesers lebendig“, lautet ihre Schlussfolgerung. Aber Fiktion sei keine Flucht aus der Welt, denn: „Imaginäre Erfahrung ist ebenfalls Erfahrung.“ Sie biete einen schützenden Rahmen, uns auf Situationen und Gefühle einzulassen, die wir sonst als zu gefährlich meiden würden.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 38)


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