Ein gerader Rauch

von Denis Johnson, Bettina Aberbanell, Robin Detje

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Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.10.2008

Rezension aus FALTER 11/2009

Die durch die Hölle gehen

9/11 und der Krieg gegen den Irak haben in den USA alle anderen nationalen Traumata überschattet. So schien es zumindest eine Zeit lang. Aber Vietnam ist nicht vergessen. Der desaströse Feldzug gegen die Vietcong hat sich tief ins amerikanische Bewusstsein eingebrannt, die Spuren sind in Gestalt seelisch und körperlich verkrüppelter Veteranen immer noch allgegenwärtig.
Mit "Ein gerader Rauch" hat Denis Johnson einen großen Roman vorgelegt, der zu einer neuerlichen Auseinandersetzung mit einem besonders sinnlosen Krieg einlädt. In den USA wurde der Text mit dem National Book Award, der höchsten Auszeichnung für einen Roman, prämiert. Bettina Abarbanell und Robin Detje haben das Buch kenntnisreich und mit sicherem Gespür auch für die schwer zu übersetzenden Konnotationen und kleinen Details ins Deutsche übertragen.
Erstaunlich ist zunächst, wie gut Johnson, der als Autor von Kurzgeschichten und knapp gehalteten Romanen wie "Jesus' Sohn" oder "Train Dreams" bekanntgeworden ist, sich über die Langstrecke von fast 900 Seiten schlägt; wie er eine halbwegs chronologische Handlung (Zeitraum: 1963 bis 1970, mit einer langen Coda 1983) und biblisch- mythische Exkurse mischt, wie er von Schauplatz zu Schauplatz streift und fast immer den richtigen Ton trifft, so als würde er eine improvisierende Jazzcombo anführen.
Man könnte die Lektüre auch mit dem Betrachten eines Malers bei der Arbeit vergleichen: An immer neuen Stellen einer riesigen Leinwand bringt Johnson kleine Pinselstriche an, die zunächst wenig miteinander zu tun haben, aus denen sich jedoch im letzten Viertel des Romans überraschend ein großes, schockierendes Gemälde ergibt. Sprich: Die Mühe, die man als Leser mitunter hat, dranzubleiben und der verschlungenen Handlung zu folgen, wird am Ende belohnt.
"Ein gerader Rauch" handelt vom Krieg im Inneren. Die Gefechte im Dschungel bleiben ziemlich außen vor, viel mehr interessiert Johnson der Kampf, den seine Figuren aufgrund dessen, was sie an Grauen zu sehen bekommen, mit sich selbst auszufechten haben.

Etwa ein eben erst eingeflogener Soldat, der gleich einmal irrtümlich einen Affen angeschossen hat: "Er glaubte, sein Kopf würde explodieren, wenn der Vormittag weiter so in den Dschungel hinein brannte und die Möwen weiter so kreischten und der Affe weiter so aufmerksam seine Umgebung betrachtete, den Kopf und die schwarzen Augen hin und her bewegend, als folgte er dem Verlauf einer Unterhaltung, einer Diskussion, einem Streitgespräch, das der Dschungel – der Morgen – der Moment – mit sich selber führte."
Der Name des Soldaten ist James Houston. Der Spross einer White-Trash-Familie aus Phoenix hat sich aus Perspektivlosigkeit freiwillig verpflichtet. Sein Vater sitzt im Gefängnis, die Mutter hat einen religiösen Wahn entwickelt, sein älterer Bruder Bill ist bei den Marines. Immer wieder werden wir James und Bill auf ihren Irrwegen begegnen.
Das Gleiche gilt für Skip Sands, einen intelligenten, wenn auch orientierungslosen jungen Mann, der für die mit dem CIA verbundene Einheit PsyOps arbeitet. Sein Aufgabengebiet sind psychologische Kriegsführung, das Auskundschaften von Vietcong-Tunneln und das Rekrutieren von Doppelagenten. Der Zögerer scheint schwerlich der richtige Mann für den Job zu sein. Doch sein Alphamännchen- Onkel Colonel Sands leitet die Truppe und hat den Neffen unter seine Fittiche genommen.

Denis Johnson dirigiert ein Personal von gut und gern zehn, zwölf annähernd gleich wichtigen Hauptfiguren. Wenn das Buch einen geheimen Mittelpunkt hat, dann ist es der Colonel. Zunächst tritt er einem als Pearl-Harbor-Veteran und typisches, ständig betrunkenes Kriegergroßmaul entgegen: "Es ist ein versteckter dritter Weltkrieg", philosophiert er über den Vietnam-Krieg. "Es ist ein Stellvertreter- Armageddon. Es ist ein Kampf zwischen Gut und Böse, und sein wahres Schlachtfeld ist das Herz eines jeden Menschen. Ich übertrete jetzt mal kurz eine Grenze, Skip: Manchmal frage ich mich, ob dies nicht das verdammte Alamo ist. Das hier ist die gefallene Welt."
Der Colonel hat aber auch andere Seiten. So neigt er zu beinahe pynchonesken Abschweifungen und seltsamen Theorien. Er lässt sich Aufzeichnungen von Footballspielen aus der Heimat schicken, um daraus Schlüsse für das Vorgehen gegen die Vietcong zu ziehen. Er publiziert in einer Armeezeitschrift einen verwirrenden Aufsatz über "Wechselseitige Kontaminierung der Funktionen eines Geheimdiensts – Aufklärung und Analyse", der viele an seiner Loyalität zweifeln lässt.
Und er ist davon überzeugt, dass man auf die Einheimischen zählen muss, weil es im Kampf gegen die Vietcong fatal sei, auch die Zivilbevölkerung gegen sich zu haben. Während sein Einflussbereich innerhalb des CIA zusehends schwindet, bindet der Colonel seine Getreuen vor Ort immer fester an sich. Wer vom Glauben an Gott abfällt, der glaubt eben an den totalen Durchblick des alten Bushmills-Trinkers Sands: "Verdammte Geheimdienstinformationen, Daten, Analysen; zum Teufel mit Vernunft, Kategorien, Synthese, gesundem Menschenverstand. Alles war Ideologie und Metaphorik und schwarze Magie."

Das Leben im Herz der Finsternis bringt viele zum Zweifeln. Da ist Kathy Jones, eine kanadische Kinderkrankenschwester, die nach dem Tod ihres Mannes allein in Vietnam bleibt und so lang mit ihrem Glauben ringt, bis er ihr fast abhanden gekommen ist. Oder ein Priester, der ebenfalls schon seit vielen Jahren in der Region ist und sagt: "Nein, nein, nein. Ich bete nicht."
Aber auch die Vietnamesen sind beileibe nicht alle brave Kommunisten. Hao, ein erfolgloser Geschäftsmann, wird zum Assistenten des Colonels, nachdem er diesen vor einer Handgranate gerettet hat. Sein alter Freund Trung, der einst die Granate warf, wird Hao später als Doppelagent wiederbegegnen. Er wechselt die Seiten, weil er nicht mehr an die offizielle Doktrin glauben kann: "Frieden war hier, Frieden war jetzt. Ein Frieden, der für eine andere Zeit oder einen anderen Ort versprochen wurde, war eine Lüge."

Kaum jemand ist das, als was er zunächst in Erscheinung tritt. Tarnen und Täuschen, Masken und falsche Namen gehören zum Alltag. Figuren tauchen auf, verschwinden vom Radar, kommen wieder.
Skip wird vom Colonel in ein Landhaus verfrachtet, das früher einem französischen Arzt gehört hat. Hier ist er aus der Schusslinie, hat dafür zuviel Zeit zum Grübeln. Der Soldat James Houston entwickelt sich derweil zur Kampfmaschine: "Er ging in die Grätsche und fiel auf die Schnauze und fraß Matsch und dachte: Na schön, Männer. Auf geht's. (...) In Bewegung bleiben, das war der Trick. Solange er in Bewegung blieb und tötete, fühlte er sich wunderbar."

Eines Tages macht dann die Kunde vom Tod des Colonels die Runde. Seine Gefolgschaft kann es nicht glauben, Mythen ranken sich um sein Ab- oder möglicherweise auch Weiterleben. So oder so zerfällt nun alles. Skip wird als Verräter verdächtigt und muss untertauchen. James Houston wird noch vor Kriegsende nachhause geschickt, weil seine Vorgesetzten nicht mehr für seine Handlungen garantieren können. Zuhause stößt er wieder auf seinen Bruder. Besäufnisse, Schlägereien und Gefängnisaufenthalte folgen. Die beiden sind etwa 25 Jahre alt und gezeichnet fürs Leben.
Keine Frage: Johnson leidet mit seinen Figuren mit. Mit einer Errettung zu Lebzeiten kann er jedoch nicht dienen. 1983 nimmt er noch einmal ihre Fährte auf – die meisten sind tot oder wurden von Schuld und Wahnsinn übermannt. Skip, der sich für das Vermächtnis seines Onkels hält, hat eine Karriere als Waffenhändler und Schmuggler hingelegt. Als man ihn in Kuala Lumpur erwischt, fasst er die Todesstrafe aus.

Zurück in den USA, humpelt Schwester Kathy Jones, die mit einer Verletzung davongekommen ist, durch die Straßen, um zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung zu gelangen. Ihr gehören die letzten Worte: "Sie saß im Publikum und dachte – jemand hier hat Krebs, jemand hier hat ein gebrochenes Herz, jemandes Seele ist verloren (...), und alle werden sie erlöst. Alle werden erlöst. Alle werden erlöst."
Denis Johnson hat einen düsteren wie beseelten Roman über die Auswirkungen des Vietnam-Krieges auf den einzelnen Menschen geschrieben. Der missionarische Eifer der USA, notfalls mit Waffengewalt amerikanische Verhältnisse erzwingen zu wollen, und die Parallen zwischen Vietnam und dem Krieg gegen den Terror – das schwingt mit, wird aber nicht in den Mittelpunkt gerückt. Einfühlungsvermögen siegt über Reflexion. Trotz kleiner Längen ein fesselnder Schmöker mit Passagen von halluzinatorischer Qualität.

Werner Schandor in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 6)


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