Blindfisch

von Jim Knipfel, Eike Schönfeld

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Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 12/2002

Der kontinuierlich erblindende Jim Knipfel beschreibt in seinem Debüt "Blindfisch" erfrischend unsentimental, wie er mit seiner Erkrankung zu leben gelernt hat.

"Fang lieber gleich an, Braille zu lernen." Beim Begräbnis der Großmutter bekommt der kleine Jim Knipfel von seinem Onkel den ersten, wenig taktvollen Hinweis darauf, dass er an einer unheilbaren und bis zur Erblindung führenden Augenkrankheit namens "Retinitis pigmentosa" leidet. Diagnostiziert wird die seltene Krankheit freilich erst viel später: "Damals, 1977, war von Genetik noch kaum die Rede, jedenfalls nicht bei Beerdigungen in Kleinstädten in Wisconsin." Es lässt sich nicht gerade sagen, dass Jim Knipfel ein vom Glück Verfolgter wäre. Zusätzlich leidet er nämlich auch noch an einer ebenso seltenen Hirnkrankheit. Und es brauchte viel Zeit, bis sich der langjährige Taugenichts und Collegetrinker einigermaßen mit seinen Erkrankungen arrangieren konnte. Diesen langen Weg, der fast ausschließlich aus Um- und Abwegen besteht, beschreibt er in seinem autobiografischen Romandebüt "Blindfisch", der ein wunderbares Beispiel für die therapeutische Wirkung des Schreibens darstellt: Erst durch das Niederschreiben seiner Geschichte hat Knipfel jenen Humor entwickelt, den er als unaufhaltsam Erblindender zum Überleben bitter nötig hat – und der gleichzeitig sein Buch so lesenswert macht. Kostprobe: "Obwohl die Wohnung klein und eng war und man sich praktisch nicht darin verlaufen konnte (Gott weiß, an ein paar besoffenenen Abenden habe ich es trotzdem geschafft), standen zu viele Sachen im Weg. (...) Lauter verdammter Kram. Der musste als Erstes raus, aber oft gelang mir das nicht. Beispielsweise versuchte ich monatelang, eine mechanisch abgetrennte Hand loszuwerden. (...) Kaum zu etwas zu gebrauchen, so witzig sie auch war. Aber jedes Mal, wenn ich sie wegwarf, tauchte sie wieder auf. Wie das kam, möchte ich, glaube ich, lieber nicht so genau wissen." Mit demselben staubtrockenen Witz erzählt Knipfel von seinem kurzen Leben als Rockstar in einem Punk-Duo, Kampf gegen seine Depressionen, den er mithilfe von Kirschwein führt oder von seiner Teilnahme an einem Kurs mit dem Titel "Sicherheit am Bahnsteig für Blinde", der mit beunruhigenden Details über das New Yorker U-Bahn-System aufwartet: "Lektion eins: Glauben Sie ja nicht, Sie könnten sich retten, indem Sie in den gemütlichen Raum unter der Bahnsteigkante kriechen. Die meisten Züge verfügen heute über so genannte Bremsschuhe, dicke Dinger aus unter Strom stehendem Stahl, die an den Seiten herausstehen und unter die Bahnsteigkante ragen, wo sie alles, was ihnen in den Weg kommt, zermalmen. Ich weiß nicht, wozu diese Bremsschuhe sonst gut sein sollen als dazu, Leute unter der Bahnsteigkante umzubringen."

Durch all die Erlebnisse und die damit verbundenen Erkenntnisse, die Knipfel im Zuge seiner langsamen Erblindung – mittlerweile ist sein Augenlicht praktisch völlig erloschen – mitmachen musste, ist er von einem beinahe lebensunfähigen Pessimisten zu einem starken und selbstständigen Pessimisten geworden, der sein Los akzeptiert und auf die Hilfe anderer dankend verzichtet. Ganz entkommt er seinen Mitmenschen jedoch nicht. Denn in den USA ist Knipfel seit dem Erscheinen von "Slackjaw" (so der Originaltitel) vor drei Jahren eine echte Kultfigur. Seine Anhängerschaft besteht dabei nicht nur aus jungen Lesern. Auch die Kritiker waren von seinem Debüt angetan, und hochkarätige Kollegen wie Thomas Pynchon (",Blindfisch' verrät das Talent des geborenen Geschichtenerzählers") gratulierten Knipfel zu dessen Debüt. Bleibt zu wünschen, dass sich die Leserschaft auch in unseren Breiten nicht auf Twenty- und Thirty-Somethings begrenzt. Denn für einmal ist dem Pressetext recht zu geben, der rät: "Alle, die glauben, sie hätten Grund, depressiv zu sein, sollten ,Blindfisch' lesen." .

Sebastian Fasthuber in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 17)


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