Schmerznovelle

von Helmut Krausser

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 34/2001

Der deutsche Autor Helmut Krausser kann mit 37 Jahren bereits auf ein umfangreiches Werk zurückblicken. Mit dem "Falter" sprach er über seine "Schmerznovelle", Schizophrenie und die Freuden des Tagebuch-Schreibens.

Der Mann ist ein Tausendsassa. Der Münchner Helmut Krausser, 37, gehört zu den produktivsten deutschsprachigen Autoren und hat in den letzten 15 Jahren eine Vielzahl von autobiografischen ("Fette Welt") und historisch-mythischen Romanen ("Thanatos", "Der große Bagarozy"), Tagebuchbänden ("Mai" bis "Dezember"), Gedichten, Dramen sowie Libretti geschrieben. Doch nicht nur die schiere Menge des Produzierten beeindruckt - das ist alles einfach verdammt gut geschrieben, gerade die Tagebücher, in denen Krausser über die Durchschnittlichkeit der Gegenwartsliteratur poltert und dagegen schon mal Jünger und Nietzsche auffährt, verfügen über einen enorm hohen Suchtfaktor.

Daneben pflegt er aber auch seine Hobbys fast professionell: So war Krausser Sänger der Band Genie & Handwerk (die in Kürze eine Reunions-CD veröffentlichen wird) und ein notorischer Spieler, der seinen ersten Literaturpreis in einer Nacht durchgebracht haben soll. Heute reichen ihm die Kicks des Schachspiels und der klassischen Musik, die - neben kulinarischen Erörterungen und viel Wein - in seinen Tagebüchern einigen Platz einnehmen. Bei so viel gutem Geschmack ist es kein Wunder, dass Kraussers neues Buch "Schmerznovelle" im noblen Ärztemilieu am Wörther See spielt. Sehr idyllisch ist es dort freilich nicht: Der Text handelt von einem jungen Arzt, der eine Frau mit einer seltsamen psychischen Krankheit behandeln soll - dann aber nur allzu schnell ihrer erotischen Anziehungskraft unterliegt.



Falter: Ihr neues Buch trägt die Gattungsbezeichnung "Novelle" im Titel - eine Form aus dem 19. Jahrhundert. Warum?

Helmut Krausser: Nun, ich habe das Ding geschrieben und dann festgestellt, dass es nach den gängigen Definitionen alle Kriterien einer Novelle erfüllt. Ein unerhörtes Ereignis innerhalb überschaubarer Zeit, aus einer einzigen Haltung erzählt. Ich bin niemand, der für 143 Seiten Text unbedingt den Begriff "Roman" verwenden muss, und mir gefiel auch der Titel "Schmerznovelle" sehr gut. Darüber hinaus wollte ich die Gattung ein bisschen mit neuen Mustern beleben - deshalb die manchmal fast filmischen Schnitte.

In dem Buch gehts wirklich ziemlich wild zu: Sex & Crime. In Ihren Tagebüchern schreiben Sie sinngemäß oft: "Jetzt müsste mal das Unterhaltungsbuch her, das nicht blöd ist, sich aber auch verkauft." Erfüllt das die "Schmerznovelle"?

Die Frage nach der Kommerzialität darf man sich erst nach dem Schreiben stellen, sonst ist man auf dem Holzweg. Man muss die Geschichte so erzählen, wie sie es braucht. Wenn ich dringend viel Geld verdienen müsste, würde ich zu anderen Mitteln greifen, beispielsweise unter falschem Namen eine Art Pilcher-Roman schreiben. Ob die "Schmerznovelle" zum Bestseller taugt - da hab ich meine Zweifel. Es ist alles andere als ein erotisches Buch, spielt mit dem Ekel, dem Schmerz, ist sehr düster, abgründig, dürfte einige Leser sicher abstoßen. Ich hoffe immerhin, dass es spannend ist.

Wie sind Sie auf das Thema psychische Krankheiten gekommen?

Schizophrenie ist eines meiner Lieblingsthemen, wohl weil ich mich selbst manchmal für schizophren halte, für eine virtuelle multiple Persönlichkeit. Ich sind andere. Am Anfang dieses Buches stand die Idee, eine Frau könne ihren gestorbenen Mann in sich wiederbeleben, um dem Schmerz zu entgehen, den Selbstvorwürfen. Fand ich einen sehr originellen Plot. Und gar nicht so abwegig. Man kennt von alten Witwen des Öfteren das Phänomen, dass sie anfangen, mit ihren dahingeschiedenen Gatten zu reden, manche auf dem Friedhof, manche überall.

Ihre Tagebücher erfreuen sich großer Beliebtheit. Worum geht es Ihnen mit diesem Projekt?

Ich beneide Menschen sehr, die seit ihrem zwölften Lebensjahr alles über sich aufgeschrieben haben und jederzeit nachblättern können. Dazu fehlte mir immer Zeit und Geduld. Also wollte ich es anders machen, nämlich jedes Jahr einen Monat lang Tagebuch führen, zwölf Jahre lang. Als eine Art Selbstzeugnis. Die Lebensjahre zwischen 28 und 40. Entscheidende Jahre im Werden eines Schriftstellers, glaube ich. Die Tagebücher erfüllen natürlich auch viele praktische Funktionen: Man kann über die eigene Poetologie Auskunft geben, man kann Stimmung für etwas machen, ungefiltert seine Sympathien und Antipathien verkünden, man kann philosophieren, ohne gleich unter Systemzwang zu stehen, man kann die eigene Zeit kommentieren, man kann auch einfach Texte darin unterbringen, die in keine Erzählung oder keinen Roman passen würden. Tagebuch-Literatur ist mir überhaupt als Gattung sehr wichtig, da wird oft sehr viel mehr erzählt als in dicken Roman-Trilogien.

Sie monieren in den Tagebüchern oft, dass alles Amerikanische bei uns kritiklos aufgenommen wird, während die eigenen Autoren kaum Chancen erhalten würden. Sind Sie nicht das beste Beispiel dafür, dass sich Hartnäckigkeit lohnt?

Ich habe mir eine gewisse Leserschaft erarbeitet. Mit jedem Buch werden es vielleicht ein- bis zweitausend mehr. Viel Überzeugungsarbeit! Der Leser greift in der Buchhandlung immer noch erst mal zum amerikanischen Buch, das viel stärker beworben wird. Andererseits muss man zugeben, dass die deutsche Literatur beim Leser in den Siebzigern und Achtzigern auch jeden Kredit verspielt hatte. Zurzeit werden sehr viele Frischlinge auf den Markt geworfen, von ganz unterschiedlicher Qualität - das Positive daran ist auf jeden Fall, dass über junge deutsche Literatur wieder geredet wird. Das Angebot selektiert sich dann schnell genug von selbst aus.

Sebastian Fasthuber in FALTER 34/2001 vom 24.08.2001 (S. 53)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb