Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 18/2003

In seinem furiosen Roman "UC" breitet Helmut Krausser den Lebensfilm eines Dirigenten vor uns aus, dessen Welt zusehends aus den Fugen gerät.

Helmut Krausser liebt man entweder oder man lehnt ihn geradeheraus ab. Ein Dazwischen findet sich in der Rezeption des Vielschreibers (seit 1989 mehr als zwanzig Bücher, davon sieben Romane) nur selten. Fans bewundern den 39-Jährigen für sein unbestreitbares schriftstellerisches Können, aber auch für seine Selbstinszenierungen als einsam über der Konkurrenz schwebendes Genie, als eine Art Kinski des Literaturbetriebs. Gegen den Trott der Gegenwartsliteratur fährt Krausser schon mal Nietzsche oder Jünger auf und zeigt sich zudem davon überzeugt, "dass - wäre ich ein Ami - der ,Große Bagarozy' sofort ein Welterfolg würde, mit ein bis zwei Millionen verkaufter Bücher".

Weniger Wohlmeinende sehen in Krausser einen besseren Trivialschriftsteller und Größenwahnsinnigen, der ständig übers Ziel hinausschießt. "Das sind Psychopathen", meint der Umstrittene im Falter-Gespräch mit Blick auf jene "drei oder vier Rezensenten, die fast jedes meiner Bücher lesen und immer neu zum Gifttopf greifen". Liest man die bislang erschienenen Rezensionen von Kraussers jüngstem Roman "UC" vor diesem Hintergrund, so gewinnt man - wie oft im Falle Krausser - den Eindruck, es sei von verschiedenen Büchern die Rede: Charakterisierungen wie "süffig" oder "fantasievoll" stehen auf der anderen Seite "blutleer" und "klischeehaft" gegenüber.

Dabei lassen sich an "UC" die Charakteristika des Krausser'schen Schreibens exemplarisch festmachen, liest sich der knapp 500 Seiten starke Roman doch wie ein "Best of Helmut Krausser" - eine Auffassung, der sich der Autor durchaus anschließen kann: "Das Buch bündelt in der Tat alle meine Themen und Strategien, also zum Beispiel dissoziierte Protagonisten, extreme Charaktere, virtuelle Persönlichkeiten, das Spiel mit suggestiven Techniken, mit dem Pathos und dessen ironischer Unterwanderung."

Neu ist, dass nun nach dem Todestrieb "Thanatos" und dem bei Krausser eigentlich immer zentralen Thema Eros (zu dem noch ein eigener Roman geplant ist) die Konzentration auf die Zeit kommt: Das Buch handelt von und in der Dimension des Ultrachronos ("UC") - also jener Bilder, die angeblich wie ein Zeitrafferfilm vor dem geistigen Auge eines Sterbenden ablaufen.

Der Protagonist, dessen Lebensfilm Krausser inklusive Prä- und Postludio als Schriftrolle vor dem Leser ausbreitet, hört auf den Namen Arndt Hermannstein, ist ein weltweit geschätzter, exzentrischer Dirigent auf dem Sprung zum Superstar, der zwischen asketischer Versenkung in die Kunst und dem exzessiven Ausleben seiner Vorlieben für Frauen und Drogen pendelt. Aufgrund seiner Ehe mit der reichen Laura ist er zudem nicht nur finanziell abgesichert, sondern auch immer wieder Gegenstand der Klatschspalten diverser Gazetten.

"UC" steigt just in jenem Moment in Hermannsteins Dolce Vita ein, als dieses durch einen Anruf von seinem Schulfreund Frank aus den Fugen gerät: "Er sagte, dass Maritas Gebeine im Wald gefunden worden seien. Er schien es eilig zu haben, sprach gehetzt und legte auf, bevor ich in meiner Schlaftrunkenheit angemessen reagieren konnte. Ich habe danach oft versucht, mir das kurze Gespräch in Erinnerung zu rufen. Den exakten Wortlaut zu rekonstruieren. Warum rief er mich an?"

Bei dieser Marita, so erfährt man, handelt es sich um eine Schulkollegin des Protagonisten, die nach einer exzessiven Party vor 22 Jahren als vermisst gemeldet worden war. Zuvor habe sie schwer betrunken für die nicht nur vom Alkohol erregten männlichen Mitschüler gestrippt. Arndt kann sich nicht erinnern, was danach passiert ist. Er, so viel ist ihm anfangs noch klar, hat sie jedenfalls ganz bestimmt nicht vergewaltigt und getötet. Die Sonderkommission ist da, nachdem sich der prominente Dirigent allzu lang auf Tauchstation begeben hat, langsam anderer Meinung. Überhaupt bekommt Arndts Leben mit jedem Tag mehr Risse. Eine gewisse Laura, mit der er noch vor ein paar Tagen beisammen war, kann sich heute nicht mehr daran erinnern. Und auf einem Klassentreffen meint er die doch angeblich tote Marita klar und deutlich erkannt zu haben. Ist er von Doppelgängern und Schatten - Krausser beruft sich hier explizit auf Andersens Märchen vom Mann und seinem Schatten - umgeben? Könnte er womöglich in einer anderen Realität ein Verbrechen begangen haben, ohne es zu wissen?

Im Verschwimmen von Realität und Fiktion, in der unterschiedlichen Wahrnehmung erlebter und erinnerter Zeit und schließlich in der Auflösung jeglicher Gewissheiten liegt der größte Reiz dieses ausgeklügelt konstruierten Romans. So wie sein Held überschreitet Krausser laufend Schwellen zu bislang unbekannten Territorien und verblüfft mit immer neuen Wendungen, die das bereits Gelesene und im Lauf der Lektüre mühsam Rekonstruierte in ein neues Licht rücken.

Allerdings treibt es der Autor dann doch etwas zu weit: Irgendwann auf seiner zunehmend einer Flucht gleichenden Reise durch Europa trifft Arndt - neben einer Reihe weiterer, fein konstruierter Nebenfiguren - nämlich auf einen Autor und Quasisektenführer mit dem anagrammatisch viel sagenden Namen Samuel Kurthes, der alles über ihn zu wissen scheint, weil er ein Buch über einen Dirigenten namens Hermannstein schreibt. Ein Punkt, an dem "UC" ein wenig zum postmodernen Hoax zu verkommen droht.

Überhaupt neigt Krausser dazu, zu viel (Handlung, Stoff, Mythologie) in ein Buch zu packen - und überhebt sich auf den letzten hundert Seiten des nichtsdestotrotz grandiosen Romans an seinen eigenen Ansprüchen. Dennoch: Ein derart ambitioniertes, zwischen packendem Krimi und poetologischem Programm auf vielen Ebenen lesbares Buch wird man in der deutschsprachigen Literatur der letzten Jahre nicht so leicht finden.

Sebastian Fasthuber in FALTER 18/2003 vom 02.05.2003 (S. 65)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb