Elfriede Jelinek
Ein Porträt

von Verena Mayer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.01.2006

Rezension aus FALTER 11/2006

"Die Elfi packt das"

Roland Koberg und Verena Mayer erklären deutschen Lesern Elfriede Jelinek, liefern in ihrem unprätentiösen "Porträt" aber auch Neues für Eingeweihte.

Die Biografie am lebenden Objekt, die wird normalerweise an Politikern oder Popstars praktiziert - die Betreffenden sind in diese Projekte eingebunden oder haben sie gar in Auftrag gegeben; so oder so erwartet der Leser mit Recht weder kritische Distanz noch die Ausleuchtung verborgener Schattenseiten. Bei Schriftstellern hingegen pflegt man geziemend den Tod abzuwarten, bevor man eine biografische Annäherung wagt. Außer es hat eine Autorin den Nobelpreis gewonnen, die trotz ihrer enormen Produktivität ihrerseits als unbeschriebenes Blatt gilt. Verena Mayer und Roland Koberg legen allerdings Wert darauf, dass sie ihre Pläne Elfriede Jelinek bereits im Sommer 2004, also vor der Zuerkennung des Nobelpreises, unterbreiteten und dass das, was sie geschrieben haben, keine Biografie, sondern ein "Porträt" ist.

Der erste Leseeindruck bestätigt den Verdacht, dies sei ein Buch für jene, die noch nie etwas von Jelinek gelesen haben, und die, weil sie es vorziehen, in diesem Zustand der Unschuld zu verharren, jetzt lieber etwas über Jelinek lesen wollen. Eine gewisse forcierte Naivität wird hier als Vorsichtsmaßnahme gegen unkontrollierten intellektuellen Höhenflug angewandt, es scheint, als hätten Mayer/Koberg sich oder einander eine leserfreundliche Syntax verordnet. Auch nimmt das Duett aus Österreich stellenweise eine deutlich nordische Färbung an - das Zielpublikum ist deutsch, und so hofft man es offenbar leichter zu treffen.

Naturgemäß ist ein Jelinek-"Porträt" Teil des Österreich-Erklärungsbusiness, ein Hauch von Folklore umweht die Nobelpreisträgerin schon im Klappentext ("eine feinsinnige Wienerin"), im Vorwort wird Jelineks "Zugewandtheit" als Gastgeberin (sie schaut nicht auf die Uhr) als "typisch für eine Wiener Dame" definiert, auch mache sie "Konversation" in "ihrem weichen, singenden Wienerisch".

Aber: In dieser Tonart geht es gottlob nicht weiter. Das Autorenteam pendelt sich in angemessener Mittellage zwischen Sympathie und kritischer Interpretation ein und legt eine Biografie - denn um eine solche handelt es sich zweifellos - vor, die ohne spektakuläre Enthüllungen auskommt, jedoch auch denen Neues bietet, die über gewisse Jelinek-Basics bereits Bescheid wissen. Über die extrem harte Ausbildungszeit am Wiener Konservatorium zum Beispiel, als das Mädchen, parallel zum Gymnasium, neben Orgel und Klavier auch noch Blockflöte und Komposition belegte. Als da die Lehrer zum Verzicht mahnten, habe Mutter Ilona gesagt: "Die Elfi packt das schon."

Aber irgendwann packt es die Elfi nicht mehr. Nach der Maturareise hat sie einen Nervenzusammenbruch, es folgen Jahre voller Ängste und Panikattacken, das Orgelstudium schließt sie ab, aber anders als für ihre "Klavierspielerin" Erika Kohut kam Musik als Beruf nicht in Frage. Das Jahr 1968 verbringt Jelinek buchstäblich im Haus, die Familie ist von der Josefstadt nach Hütteldorf übersiedelt. Ja, die Familie - durchaus plastisch beschreibt das Buch die erdrückend symbiotische Beziehung zur rastlos rührigen Mutter, die fast bis zu ihrem Tod im Jahr 2000 mit der Tochter unter einem Dach lebte, und als Gegenstück dazu den alzheimerbedingten Verlust des Vaters noch zu dessen Lebzeiten. Eine Kindheit zwischen Maiaufmarsch (mit dem Vater, rotes Mascherl im Haar) und Fronleichnamsprozession (mit der Mutter, weißes Mascherl). Auch die Vorgeschichte wird erzählt, die Jelineks Werk geprägt hat: Wie ihr Vater Friedrich, ein Chemiker, angetrieben von seiner tüchtigen Frau, als Halbjude der NS-Rüstungsindustrie diente, während Angehörige in den KZs umkamen. Lange Zeit spricht Jelinek in ihrem Ruvre von ihrem Vater, indem sie - von dem einen oder anderen Gedicht abgesehen - nicht von ihm spricht. Ihm meint sie die Sprache zu verdanken, die sie beherrschen lernt wie ein weiteres Instrument, eines, das wie die Orgel Macht verleiht.

Jelineks "wilde Jahre" nach ersten literarischen Erfolgen sind auch nicht wilder, als das um 1970 so üblich war: Leben in der WG (als Genossin Robert Schindels), Liaisons und linkes Engagement, von den Nachgeborenen hier mit abgeklärter Nachsicht kommentiert - "teilnehmendes Abstandhalten" nennen sie Jelineks Position gegenüber der KPÖ wie der Frauenbewegung treffend. Das passt auch auf die Ehe mit dem Informatiker Gottfried Hüngsberg. Ein Leben in prekärer Normalität, zwischen dem Ehemann in München und der Mutter in Wien, der Jelinek ein Exemplar ihrer gnadenlosen literarischen "Familienaufstellung" (Mayer/Koberg) mit den Worten "Dennoch und trotz alledem für meine liebe Mamma von ihrer Elfi" widmete. "Die Klavierspielerin" sollte zunächst von Valie Export, dann von Paulus Manker - mit Brad Pitt! - verfilmt werden.

Ein "auf das Staatsganze umgelegtes Bild einer Familie" ist für die Autorin auch Österreich, an dessen adäquater Fassung Jelinek sich bis heute abmüht. Mayer/Koberg erkunden nicht nur Schauplätze, etwa die wilde Obersteiermark, die die Mürzzuschlagerin in ihrem Hauptwerk "Die Kinder der Toten" verewigt hat, sie liefern auch solide Textanalysen. Wirklich zu Hause sind sie freilich im Theaterdiskurs - über Einar Schleefs oder Frank Castorfs Inszenierungen oder über die Verhinderung von "Burgtheater" am Burgtheater: Die Verhöhnung des Wessely-Clans galt (und gilt) hierzulande schlicht als Blasphemie.

Abgesehen von der Verwechslung steirischer Gasthäuser kann man Kleinigkeiten bemängeln: Waldheim war nicht "bei der Reiter-SA auf dem Balkan", sondern Wehrmachtsoffizier; der Expsychiater Heinrich Gross "mimte" beim späten Prozess nicht den Dementen, er war es - jedenfalls laut Gutachten; "Lust" beschreibt keine "kleinbürgerliche Hölle", sondern eine großbürgerliche.

Die Hauptsache aber ist gelungen: eine unprätentiöse Künstlerbiografie ohne Geniekult, die die öffentlichen Posen der Jelinek als solche benennt und zugleich auf diskrete Weise um Verständnis für das labile innere Gleichgewicht der Dichterin wirbt, die unter den vielen Anfeindungen authentisch litt. Wer dieses Buch gelesen hat, wird nicht mehr argwöhnen, dass Jelinek die Zeremonie in Stockholm aus Jux geschwänzt hat. Dass Roland Koberg und Verena Mayer nolens volens mit jener psychologischen Fragestellung arbeiten, von der Jelinek sich im Laufe ihres Schreibens immer weiter entfernt hat - das liegt in der Natur einer Biografie wie eines "Porträts".

Daniela Strigl in FALTER 11/2006 vom 17.03.2006 (S. 0)


Rezension aus FALTER 51-52/2005

"Kotzen wir auf die DJs!"

Wilde Jahre einer Nobelpreisträgerin: Um 1970 wollte Elfriede Jelinek Teil einer Jugendbewegung sein. Sie trat mit Krautrockbands auf, lebte in der WG und verfasste politische Manifeste. Ein Vorabdruck aus der ersten Jelinek-Biografie, die im Jänner erscheint.

Den Tod ihres Vaters, der am 22. Mai 1969 im Psychiatrischen Krankenhaus Baumgartner Höhe den Folgen einer Lungenentzündung erlegen war, schob Elfriede Jelinek beiseite, sie erlebte ihn kurzfristig sogar als Erleichterung. Nach dem Zusammengeschlossensein der Familie auf engstem Raum, nach ihrer jahrelangen Krankheit hatte sie wieder Luft zum Atmen. Die Trauer um den Vater wird mit großer Intensität wiederkehren, einstweilen warf sich Elfriede Jelinek ins Leben.

An ihrer Seite hatte sie den Komponisten und Musikwissenschaftler Wilhelm Zobl. Er war ein schmaler Junge, ein paar Jahre jünger als sie, die beiden verband viel. Zobl war als Einzelkind in kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen wie sie, er hatte Gitarre, Schlagzeug und Komposition studiert und interessierte sich für alles, was mit Neuer Musik zu tun hatte. Und er war eine schillernde Figur. Wie sich nach seinem Tod 1991 herausstellte, hatte er seine Biografie ähnlich fantasievoll zusammengebastelt wie Jelinek die Identität Ottos in ihrem Romandebüt "wir sind lockvögel baby!" (1970). Zobl behauptete, jüdischer Abstammung zu sein, seine Kindheit wollte er in Brasilien verbracht haben.

Der damals Neunzehnjährige holte seine ältere Freundin jeden Samstagnachmittag vom Orgelüben ab und nahm sie mit zu politischen Veranstaltungen. Elfriede Jelinek ließ sich anstecken von Zobls Überschwang. Selbst in Wien ging man nicht ohne Suhrkamp-Taschenbuch auf die Straße, auch Elfriede Jelinek wollte sich politisieren. Sie las die gängige Literatur, besuchte Teach-ins, Diskussionen und Vorträge. Sie gab sich maoistisch und anarchistisch und sog die Phrasen von revolutionärem Bewusstsein und Volkskrieg so begierig auf wie zuvor in ihrer Isolation die Slogans der Fernsehreklame. In Zobls Gesellschaft gab sie das Buch "Materialien zur Musiksoziologie" heraus. In einem Essay, in dem sie Worte wie "vermassung" und "religionssurrogat" verwendete, analysierte sie Udo Jürgens' Liedtexte und kam zu dem Schluss, dass Schlager und Faschismus einander bedingen. Auch arbeite Jürgens an der "verewigung des herrschenden elends", vermittle er doch in seinen Liedern, dass jeder Mensch das kleine Glück bekommen könne. "udo zuhörer kommen jedenfalls nicht auf die idee selber was in die hand zu nehmen außer einen aktendeckel im büro."

Und Elfriede Jelinek wollte im Literaturbetrieb gehört werden. Gemeinsam mit Zobl mischte sie sich in den sogenannten Realismus-Streit. Ausgetragen 1969 in der Literaturzeitschrift manuskripte, war dieser Streit eine Miniaturversion der legendären Debatte um den Tod der Literatur. Deutschlands Dichter und Denker hatten sich im Kursbuch, der Zeitschrift für linke Intellektuelle, und anderswo die Köpfe heiß geredet, ob Literatur in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche noch Literatur sein dürfe oder schon Agitation sein müsse. Die Diskussion erreichte auch Graz, wo der Herausgeber der manuskripte, Alfred Kolleritsch, den Ton anschlug. Er verteidigte die Literatur, die seiner Ansicht nach "zu leichtfertig politisch angreifbar gemacht" würde, und fand, dass "ein konkretes Gedicht heute genauso eine Kampfansage gegen das Establishment ist wie ein ästhetisches Maoabzeichen".

Den Part von Peter Schneider, der im Kursbuch schwärmerisch die Kulturrevolution als Perspektive ins Spiel gebracht hatte, übernahm in Österreich Michael Scharang. Der Jungschriftsteller hatte wie Jelinek bei der Jugendkulturwoche in Innsbruck einen Preis gewonnen und wurde später ihr KPÖ-Genosse. Er fand Kolleritsch vom System korrumpiert und vermisste den kämpferischen Ansatz. Da es nicht gelungen sei, durch Kunst das Bewusstsein zu verändern, forderte er seine Kollegen auf, Theater und Rundfunkstationen zu besetzen. Dies trug ihm eine Ladung Spott von Peter Handke ein, dem ungekrönten Haupt der österreichischen Literaturszene mit Suhrkamp-Vertrag: "So ein unempfindliches Zeug", antwortete Handke. "Wenn Scharang nachprüfbare Änderungen sehen will, ist es sicher am besten, er hört auf, Literatur zu machen, auch solche Polemiken, die wieder nichts als öde Literatur sind." Für den mit seinen Sprechstücken äußerst erfolgreichen Handke waren solche Debatten ein gefundenes Fressen. Er verhöhnte sie alle für ihre Unempfindlichkeit und ließ durchblicken, dass es ihm nichts ausmachen würde, als einziger Dichter mit Kunstverstand übrig zu bleiben, wenn alle anderen auf die Straße gehen wollten.

Hier setzten Elfriede Jelinek und Wilhelm Zobl an. 21 und 19 Jahre alt, verfassten die beiden einen kampfeslustigen "Offenen Brief an Alfred Kolleritsch und Peter Handke". Man kann nicht behaupten, dass ihr Beitrag programmatisch ausgefallen wäre. Was nun die Aufgabe der Literatur sein solle, darüber geben Jelinek und Zobl keine Auskunft. Auch nicht darüber, ob sie nun ein Fernsehstudio besetzen würden. Aber der Brief ist das beredte Zeugnis von zwei Künstlern, die beschlossen haben: Wir möchten Teil einer Jugendbewegung sein! Die Basis dieser Jugendbewegung, nämlich das Theorie-Praxis-Problem nach Marx und Engels ("grundlegende Dinge, die längst behandelt sind"), wollten sie nicht infrage gestellt sehen: weder von einem Pragmatiker wie Kolleritsch noch von einem "derzeitigen Erfolgsautor (der ja ohnehin keine (Revolution) will)". Vor allem für Handke hatten Jelinek und Zobl nur Empörung übrig: "Nun zu Dir, Peter Handke", schrieben sie. "So ein empfindliches Zeug! Verlangst Du Empfindlichkeit und Sensibilität für Revolutionäre?"

Zobl und Jelinek waren ein enges und gutes Gespann. Sie mochte seine lärmende Radikalität, das Ungestüme und Lebendige. Eine Zeit lang steckten sie mit einem Maler zusammen, der sich bis heute Aramis nennt und damals Zobls bester Freund war. Die drei entwarfen 1969 "rotwäsche", ein "Terrorstück mit Publikum", das in einem Undergroundkeller bei Stuttgart aufgeführt werden sollte. Geplant war, auf der Bühne Gegenstände rot einzufärben und sich gegenseitig mit roter Farbe voll zu spritzen, das Publikum sollte beworfen werden, aus Lautsprechern sollten Orgasmusgeräusche dringen. Zu dritt tüftelte man am Konzept, Elfriede Jelinek brachte die Szenenanweisungen zu Papier. Sie selbst wollte als "stumme Sängerin" auftreten und sich Männern im Publikum auf den Schoß setzen. Vorgesehen war zudem eine Kopulation auf dem Klavier, das anschließend zertrümmert würde, und zum Abschluss sollte Aramis Buttersäure in die Belüftungsschächte kippen und dem Publikum, das den Saal nicht verlassen durfte, durch "irrsinnig laute geräuschmontagen" die Unfreiheit des Handelns illustrieren. Das Stück kam nicht zur Aufführung. Erst gab es Probleme, einen geeigneten Raum zu finden, dann zerstritt sich Aramis mit Zobl und Jelinek, weil ihm die Ansichten der beiden zu radikal schienen.

Im November 1969 organisierte die Österreichische Jungarbeiterbewegung, die den Konservativen nahe stand, eine Jugendmesse, den "Twen-Shop". Musik, Kleidung und andere Konsumgüter wurden beim "Twen-Shop" präsentiert, die Wiener Studentenbewegung rüstete sich zum Protest. Man plante Demonstrationen, baute Infostände und schrieb Transparente. Auch Elfriede Jelinek machte mit und tippte ein Flugblatt. "Zerschlagen wir den Twen-Shop", beginnt es, "denn wir haben kapiert: eine Gesellschaft die uns nur nach ihren Marktgesetzen beurteilt die scheißt auf unsere Hobbies, auf unsere Musik, unsere Mode. Die will unser Geld und sonst nichts." Sie schloss mit einem "Aufruf": "Kotzen wir ihnen hin auf ihre Schallplatten, ihre Disc-Jockeys, ihre Supermode, ihre alkoholfreien Getränke etc."

Und sie machte ihre erste Lesung im Ausland. Sie fuhr nach München, um aus ihrem Gedichtband "Lisas Schatten" zu lesen. Sie war das Vorprogramm zur legendären Gruppe Amon Düül II, der aus einer Münchner Kommune hervorgegangenen und gerade mit ihrem Album "Phallus Dei" bekannt gewordenen Krautrockband. Das Publikum wollte Musik hören, es war laut, als Elfriede Jelinek auftrat. Irgendwann rief sie "Scheiße!" ins Mikrofon und verschaffte sich so Gehör.

Elfriede Jelinek machte erste Schritte weg von zu Hause und ging in einer Wohngemeinschaft ein und aus. Die Männer-WG in der Berggasse entsprach allen Klischees studentischen Zusammenlebens. In der Badewanne stapelte sich das schmutzige Geschirr, im größten Zimmer wurden Flugblätter und eine Zeitschrift produziert. Sie hieß Hundsblume und versammelte Gedichte und Essays, dazu Referate über Hegel. Herausgegeben wurde sie von Robert Schindel und seinem Mitbewohner Leander Kaiser. Kaiser, Anfang zwanzig, war eine stadtbekannte Figur. In frontal, der Zeitschrift der sozialistischen Mittelschüler, hatte er einen Text über "Die Kirche und die Sexualität" veröffentlicht und mit einem Bildausschnitt aus einem Aufklärungsfilm von Oswalt Kolle illustriert, auf dem ein Pärchen beim Sex zu sehen war. Die Staatsanwaltschaft hatte gegen Kaiser ein Verfahren wegen Verstößen gegen das "Schmutz- und Schundgesetz" eingeleitet. Elfriede Jelinek freundete sich mit Kaiser an, bald war sie öfter in der Berggasse als zu Hause.

Leander Kaiser ist heute Maler, auch Robert Schindel wurde Künstler, Schriftsteller. Schindel ist der Sohn jüdischer Kommunisten, der nach der Deportation seiner Eltern in einem Kinderheim der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt überlebt hatte. Er schrieb Gedichte, 1992 wurde er durch seinen autobiografischen Roman "Gebürtig" bekannt. Ende der Sechzigerjahre war Schindel noch der "Linksaußen des Philosophischen Instituts", als der er später in den Roman "Der Mai ist vorbei" seines Kollegen Peter Henisch einging. Schindel war in Berlin bei der Kommune I gewesen und versuchte, etwas zackigeren revolutionären Geist nach Wien zu importieren. In den Rauchschwaden des Café Hawelka entstand die Idee, dass Wien ebenfalls eine Kommune brauche. Die sogenannte Kommune Wien wurde gegründet und rief im Oktober 1967 zu einem "Love-in" in der Aula der Universität auf. Später stießen Leute wie der Aktionist Otto Muehl dazu, der Kaffeehausliterat Joe Berger plante die Besetzung des Wiener Burgtheaters. Der Versuch wurde jedoch abgebrochen, nachdem der Portier, so überliefert es zumindest die Anekdote, gesagt hatte: "Was? Das wollt ihr besetzen? Da sind doch nur Rentner drinnen!" Verglichen mit den Demonstrationen und Straßenschlachten in Deutschland, tendierten die österreichischen Aktionen dieser Jahre ins Spielerische.

Elfriede Jelinek war in diesen Kreisen "ein Faszinosum", wie sich Robert Schindel erinnert, eine äußerst attraktive Erscheinung, groß und schlank, bis zur Provokation modisch gekleidet und charmant. "Unter uns vielen Selbsternannten war sie die einzig Durchgesetzte." Seit "wir sind lockvögel baby!" erschienen war, kannte man sie in der Wiener Literaturszene als Schriftstellerin, die es in einen deutschen Verlag geschafft hatte und Mythen und Typen mit "ü" schreibt. "Ihr persönlicher Erfolg dürfte der glücklichen Vereinigung von Geist und Schönheit zu danken sein; ihr literarischer einer mit 25 Jahren ungewöhnlich starken Persönlichkeit, ein Resultat von Intelligenz, Selbstdisziplin und Ausstrahlungskraft", schwärmte die Schriftstellerin Marie-Thérèse Kerschbaumer 1971. Die jungen Männer in der Wohngemeinschaft brachten Elfriede Jelinek jene Art von Sorge entgegen, mit der man jungen Talenten gerne den Erfolg madig macht: Sie würde "verheizt", warnte man sie.

Es waren Jahre des Ausprobierens, was Stile und was Lebensweisen betrifft. Elfriede Jelinek lebte sich aus. Sie ging auf Partys und war viel unterwegs. Von Kaiser trennte sie sich, auf der Frankfurter Buchmesse hatte sie den um vieles älteren Arnulf Rainer dabei. Arnulf Rainer war durch seine Übermalungen bekannt geworden, an seiner Kunst faszinierte Elfriede Jelinek das, worin sie ihr eigenes Projekt erkannte: eine Ästhetik, die sich dem, was sie abbildet, verweigert.

Andere Männer traten in Elfriede Jelineks Leben und mussten es genauso schnell wieder verlassen. Man machte Liebe oder Kunst miteinander, die Grenzen waren fließend, und beides war von Experimenten geprägt. Dem Paarverhalten dieser Zeit widmete sie sich in ihrer Kurzgeschichte "ein schönes erlebnis mit christoph, wenn es auch kurz war, war es doch schön". In scheinbarer Rollenumkehr geht es um den Verkäufer Christoph, der von einer selbstbewussten, Sportwagen fahrenden Icherzählerin erst vernascht ("im stiegenhaus küsse ich ihn kurz & hart. fast brutal.") und am nächsten Morgen fallen gelassen wird. "und später alle halben stunden ein heulender chr., der mir einen pullover stricken will und die wohnung saubermachen und kuchenbacken und mich seiner mutter vorstellen und abends mit mir fernsehen will (einen krimi) und so fort. doch von meiner seite ist nur freundliches dazu zu hören und die schicksalshaften worte: ,es ist aus!' und so ist es auch. der tag ist aus, und christoph = auch zur neige gegangen."

Elfriede Jelinek, die Orgelstudentin mit den guten Manieren, die daheim weiter ein Zimmer hatte, suchte die Gesellschaft von Männern, die nicht nur auf die Konventionen, sondern auch gerne mal auf den Boden spuckten. Warm wurde sie zwischen den hemdsärmeligen Künstlern und den Protagonisten der Studentenbewegung allerdings nicht. Das bemerkte auch ihr neuer Lektor Jürgen Manthey. Dieser hatte sich bei der Jungautorin gleich nach seinem Einstieg bei Rowohlt im August 1970 in Wien vorgestellt. Manthey übernachtete, von Mutter Jelinek bekocht, im Haus der Familie, ging mit Elfriede Jelinek tanzen und wurde von ihr in die Wiener Szene eingeführt. Dort ging es gerne ordinär und brutal zu, wie er sich erinnert. "Sie hat darunter gelitten, und sah nicht ein, warum sie als Bürgerliche zu Unterwerfungsgesten gegenüber dem Proletariat gezwungen sein sollte." Dem vom Wiener Dichtermilieu eher abgestoßenen Lektor klagte Elfriede Jelinek auf selbstironische Weise ihr Leid: "Ich bin hier ja die Einzige, die ,Hochdaitsch' spricht."

Daniela Strigl in FALTER 51-52/2005 vom 23.12.2005 (S. 88)


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