Ruhm
Ein Roman in neun Geschichten

von Daniel Kehlmann

€ 20,60
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Verlag: Rowohlt
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 16.01.2009

Rezension aus FALTER 1-3/2009

"Beim Nasenbohren sieht jeder hin!"

Daniel Kehlmann antwortet prompt: per Blackberry aus Paris. Ein Interview sei überhaupt kein Problem. Allerdings gibt es in Hinblick auf das Datum des Erscheinens genaue Vorgaben: zuerst sind FAZ und Spiegel dran.
Ja, Fahnen von Kehlmanns jüngstem Roman "Ruhm" seien überhaupt kein Problem. Allerdings besteht der Rowohlt Verlag, bei dem Kehlmann seit seinem Bestseller "Die Vermessung der Welt" erscheint, darauf, dass der Empfänger eine Vereinbarung unterschreibt: Ohne Rücksprache mit dem Verlag darf nichts vor dem 16. Jänner, dem Ersterscheinungstag des Romans, veröffentlicht werden – andernfalls man eine Pönale von 250.000 Euro zu zahlen habe.
In Wirklichkeit ist ein Interview mit Daniel Kehlmann in der Tat kein Problem: Unmittelbar vor Weihnachten weilt er in Wien und kommt pünktlich zum vereinbarten Gespräch in ein Innenstadtcafé. Die anderen Gäste scheinen keine Notiz von ihm zu nehmen.

Falter: Wann sind denn die ersten Interviewanfragen an Sie herangetragen worden?
Daniel Kehlmann: Bereits vor ungefähr einem Jahr: Wann immer das neue Buch käme, ob es dann bitte möglich wäre, als Erster ein Interview zu kriegen. Richtig angefangen hat es aber, sobald die Verlagsvorschau rausgegangen war, also im Frühjahr 2008. Einige wenige Sachen standen schon sehr früh fest, aber mit der Organisation hat der Verlag nach der Frankfurter Buchmesse begonnen, weil die Mitarbeiter dann Zeit hatten.
Alleine ich hatte im Zusammenhang mit dem Interview, das wir jetzt führen, mit Frau Steffens, Frau Steinicke und Frau Strey-Bussau zu tun. Und ich hatte den Eindruck, dass die – so wie der Kafka'sche Türhüter – nur für mich abgestellt waren.
Kehlmann: Das ist schon auch so! Es ist unglaublich, was der Verlag dankenswerterweise von mir fernhält und mir abnimmt. Das alles freut einen natürlich, aber es ist auch klar, dass sehr viel an diesem Interesse überhaupt nichts mit dem vorliegenden Buch zu tun hat.
Gibt es dann Medien, die beleidigt reagieren, wenn Sie kein Interview kriegen?
Kehlmann: Das österreichische Magazin News etwa war sehr erbost, weil man dort zu meinen scheint, dass man als österreichischer Autor die Pflicht hat, News das erste Interview zu geben. Vielleicht wird das hierzulande ja noch mal in den Verfassungsrang erhoben – obwohl es wahrscheinlich gar nicht mehr nötig ist, weil sich die meisten ohnehin schon dran halten. Ich verstehe die Unterwürfigkeit so vieler Kulturschaffender gegenüber News nicht. Was soll passieren, wenn man erst später oder gar nicht mit denen redet?!
Lesen Sie "News" denn überhaupt?
Kehlmann: Eigentlich nur, wenn ich mit Niki fliege. Und vielleicht sollte man sich dort einmal überlegen, welches Bild des Landes entsteht, wenn ein Flugzeug voller deutscher Geschäftsleute missmutig in News blättert und sich fragt, wie sie schnellstmöglich wieder zum Spiegel kommen.
Und wie viele Interviewanfragen haben Sie nun tatsächlich angenommen?
Kehlmann: Vielleicht acht bis zehn, das ist doch noch zivil? Man muss aufpassen, dass man nicht diese lästige Überpräsenz bekommt, mit der man allen, nicht zuletzt sich selbst, auf die Nerven geht.
Und rückblickend – im Zusammenhang mit der "Vermessung der Welt"?
Kehlmann: Es gab eine unglaubliche Interviewwelle zum Erscheinen der "Vermessung"; dann noch einmal die Interviews, die mit den Berichten über den Erfolg des Buchs zu tun hatten; dann gab es im Zuge der ziemlich ausgedehnten Lesereise alle möglichen Gespräche mit lokalen Medien; und dann ist der Roman ja in Übersetzungen erschienen, anlässlich derer man dann doch in viele Länder reist und dann einem kolumbianischen Journalisten auch nicht sagen kann: "Fragen Sie mich bitte nicht, wie ich ausgerechnet auf Humboldt und Gauß gekommen bin, das habe ich in Deutschland schon 157-mal beantwortet!"
Waren die Lesungen nicht noch viel anstrengender?
Kehlmann: Doch. Ich bin davon wirklich krank geworden.
Psychosomatisch?
Kehlmann: Völliger Erschöpfungszustand. Über drei, vier Monate hatte ich eine echte Arbeitswoche: fünf Lesungen, das Wochenende frei. Das ist unglaublich anstrengend! Der schlimmste Moment ist der, wenn man verspätet am Bahnhof ankommt – in Deutschland haben die Züge immer Verspätung! –, die Schlange vor dem Schalter sieht und weiß, dass man das Ticket wieder nicht rechtzeitig kriegen wird.
Sie müssen sich Tickets am Bahnhof kaufen?! Ich dachte eigentlich, Sie hätten einen eigenen Chauffeur.
Kehlmann: Nicht, dass ich wüsste.
Aber doch hoffentlich jetzt, mit dem ­neuen Buch?!
Kehlmann: Nicht nötig. Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich nicht mehr als zehn Veranstaltungen mache. Elf sind es geworden, aber dabei bleibt es auch.
Zum Schreiben sind Sie während Ihrer Lesetour nicht gekommen?
Kehlmann: Nein, wirklich nicht. Man wird von einer tiefen Müdigkeit erfasst – das kennen wirklich nur Menschen, die das schon mal gemacht haben. Und die Befragung geht ja nach der Lesung, beim Essen mit den Veranstaltern, oft noch weiter! Das ist auf die Dauer nicht gesund: Wenn man ständig so wichtig genommen wird, untergräbt das die Selbstironie und den milden Selbsthass, den man als Schriftsteller dringend braucht.
Es gibt ja wohl auch nur wenige Passagen aus einem Werk, die sich wirklich gut zum Vorlesen eignen. Geht einem das nicht auf den Wecker, ständig dasselbe zu lesen?
Kehlmann: Allerdings, und es ist seelisch besonders bedenklich, weil es das eigene Buch ist. Das soll nun keine Aufforderung sein, mir das anzubieten, aber ich würde ganz gerne einmal herumreisen und aus den "Duineser Elegien" lesen. Aus irgendeinem Grund glaube ich, dass ich das sehr gut könnte – auch zwei Monate lang. Aber nur Eigenes vorzulesen hat etwas Falsches. Es macht einen zum Anwalt des eigenen Textes, was man nicht unbedingt sein sollte, und es simuliert den Akt des Erfindens auf eine ungesunde Weise stets aufs Neue. Norman Mailer hat so schön gesagt: "Wiederholung tötet die Seele."
Was einen beim Lesen unterhalten könnte, sind die Publikumsreaktionen. Aber unterscheiden sich die wirklich signifikant?
Kehlmann: Innerhalb ein und desselben Sprachraums kommt doch ein ähnliches Publikumssegment, das auch immer ähnlich reagiert. Die Art des Saales spielt allerdings eine Rolle: In Theatern sitzen andere Leute als in Buchhandlungen.
Wodurch unterscheiden sich die?
Kehlmann: Das Publikum, das zu Lesungen in Buchhandlungen kommt, ist kulturbeflissener und hat eine gewisse Entschlossenheit zu harten Stühlen und notfalls auch zur Langeweile. Im Theater ist man weniger weihevoll und will, dass einem auch etwas geboten wird.
Die zahlen ja auch viel mehr.
Kehlmann: Und deswegen haben sie auch eine stärkere innere Reaktionsbereitschaft. Das Prinzip der Lesung, bei der man über eine Stunde ein Buch vorgelesen bekommt, das man in vielen Fällen schon kennt, gibt es in dieser Form übrigens nur im deutschsprachigen Raum. Das ist etwas sehr Spezifisches und, wie ich glaube, eine protestantische Angelegenheit. In England oder Frankreich hat man zehn, 15 Minuten, und wenn man länger liest, fangen die Leute an, rauszugehen. Dafür muss man nach der Lesung deutlich länger Fragen beantworten.
Eigentlich nicht ganz falsch, oder?
Kehlmann: Ich kann's nachvollziehen, weil mir bei einer Lesung normalerweise nach zehn Minuten auch langweilig wird. Es ist einfach keine sehr unterhaltsame Veranstaltungsform.
Und in Kolumbien?
Kehlmann: Sind die Reaktionen stärker.
Lesen Sie dort denn auf Deutsch?
Kehlmann: Ja.
Vor lauter alten Nazis?
Kehlmann: So hätte ich es erwartet, aber es waren dort auf der Buchmesse dann doch erstaunlich viele junge Leute.
Also die Enkel alter Nazis?
Kehlmann: Eher.
Und wo war es am exotischsten?
Kehlmann: In Chile. Dort waren unglaublich viele Menschen – obwohl das Buch zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht erhältlich war. Die Erklärung war, dass der Schauspieler, der die spanische Übersetzung vorgelesen hat, einer der Hauptdarsteller der meistgesehenen Daily Soap des Landes war. Die Leute standen stundenlang an, um sich Autogramme von ihm zu holen, und ich war natürlich abgemeldet! Eigentlich ganz angenehm.
Wie ist es eigentlich mit dem Gegensatz zwischen Deutschland und Österreich? Ich hatte immer den Eindruck, dass Sie in Deutschland ohnedies halb als einheimischer Autor gelten?
Kehlmann: Das ist tatsächlich so, und ich bin ja auch dort geboren. Im Grunde aber interessiert das in Deutschland weder die Medien noch das Publikum. Es gibt eher in Österreich diesen, wie Freud es genannt hat, Narzissmus der kleinen Differenz: Hier ist die Frage plötzlich sehr wichtig.
Naja, Sie sind doch der beste Gegenbeweis!
Kehlmann: Bin ich nicht.
Schauen Sie doch mal auf Ihren Kontoauszügen nach!
Kehlmann: Das ist auch etwas Fiktionales – haben wir doch gerade erlebt.
Ich bin mir sicher, dass Sie sich nicht verspekuliert oder doch nur sehr wenig verzockt haben.
Kehlmann: Ich bin als braver konservativer Anleger den Ratschlägen gefolgt und habe dadurch Verluste gemacht, die aber zum Glück nicht allzu groß waren.
Es ist immer die Frage, auf welchem Niveau man Verluste macht.
Kehlmann: Das ist schon richtig. Ich beschwere mich auch nicht.
Wie bei Reichtum hat Ruhm was Willkürliches …
Kehlmann: … und insofern etwas Fiktionales, als man selbst im Bewusstsein vieler Menschen durch eine Figur ersetzt wird. Es ist natürlich ganz albern, darüber zu klagen, dass die öffentliche Figur nichts mit der wahren Person zu tun hat, aber man erlebt sehr lustige Dinge; zum Beispiel, dass man in einer angesehenen Kulturzeitschrift als jemand beschrieben wird, der in Anzug mit Seidenweste und Fliege die Fragen des Publikums arrogant abgewiesen habe. Nicht nur, dass ich die Fragen nicht abgewiesen und keinen Anzug getragen habe, ich habe auch keine Seidenweste, und kann keine Fliegen binden.
Ist das noch Selbsttäuschung oder schon reine Boshaftigkeit?
Kehlmann: Ich glaube, es ist eine Art von Täuschung, es ist nicht unbedingt böse gemeint. Das interessiert mich ja am Ruhm: dass eine Person durch eine fiktionale Version ihrer selbst ersetzt wird – und zwar nicht nur im Bewusstsein anderer Leute, sondern auch im eigenen! Man wird tatsächlich immer mehr zu der Figur, für die man gehalten wird.
Aber das ist doch eine Grundlage des Soziallebens, dass das Selbstbild mit der Fremdwahrnehmung nicht zur Deckung kommt, Letztere aber nicht weniger gültig ist.
Kehlmann: Die anderen haben sogar mehr Recht!
Dann wird's allerdings bedenklich.
Kehlmann: Es ist bedenklich! Wahrscheinlich ist das sogar ein Grundgefühl jedes Menschen: dass wir nicht so erkannt werden, wie wir wirklich sind. Eigentlich sind wir doch ganz anders! Wir nehmen uns eben zu sehr in unseren Möglichkeiten wahr: als jene, die wir gerne wären. Während die anderen uns klar und schonungslos in unserer Wirklichkeit sehen.
Aber genauso oft wird man doch
überschätzt, weil jeder dazu tendiert, die ­eigenen Defizite bei anderen als
überwunden zu erachten?
Kehlmann: Richtig! Und dann gibt es noch das Phänomen, das Proust so schön beschreibt: unsere Annahme, dass ein persönlicher Schutzengel uns immer dann verhüllt, wenn wir wollen, dass uns niemand zu genau sieht. Genau das Gegenteil ist der Fall! Das geht bis zu so einem ganz banalen Phänomen wie dem Nasenbohren: Natürlich sieht jeder genau dann hin, wenn wir in der Nase bohren! Als Schriftsteller hat man's da aber im Vergleich zu Schauspielern noch ziemlich leicht.
Sie können also noch über den Graben ­gehen, ohne angesprochen zu werden?
Kehlmann: Natürlich. Und man darf nicht vergessen, dass die Leute, die Schriftsteller erkennen, tendenziell zugleich jene sind, die Schriftsteller nie ansprechen würden. Mir passiert das höchstens alle zwei Wochen. Wenn man keine markanten Erkennungsmerkmale mit sich trägt wie Peter Handkes Haare oder Schnauzer und Pfeife wie Grass, bleibt das Leben ziemlich normal.
Aber Sie kriegen schon leichter einen Tisch im Restaurant?
Kehlmann: Ich bin sowieso zu schüchtern, um das einzusetzen, und nütze das allenfalls bei Behördengängen aus – da sind wirklich alle Mittel erlaubt, um sich das Leben leichter zu machen. Außerdem kann man nie sicher sein – ich habe das in New York selbst erlebt: Wir hatten Hunger, es war voll, und wir hatten einen der bekanntesten amerikanischen Schriftsteller dabei. Wir haben ihn bedrängt: "Komm, sag Ihnen, wer du bist – bitte! Zu irgendwas müssen so ein Pulitzer Prize und ein Oprah-Auftritt doch gut sein …" Unter gewaltigem Gruppendruck und mit großem Widerstreben hat es Jeffrey Eugenides dann über sich gebracht – und es hat nichts geholfen.
Sie sind den Umgang mit Prominenz ja schon von Kindesbeinen an gewohnt: Im Haus Ihrer Eltern haben sich die Zelebritäten ja quasi die Klinke in die Hand gedrückt. War Ihnen das damals schon bewusst?
Kehlmann: Ich habe das sehr stark wahrgenommen – als faszinierend und zugleich erschreckend. Jemand, der mir sehr nahestand, fast wie ein Familienmitglied, war Fritz Eckhardt, und ich habe erlebt, wie es ist, wenn einer einen Bekanntheitsgrad von fast 100 Prozent hat: Auf der Straße, im Lokal – jeder hat ihn gegrüßt. Das fand ich schon damals albtraumhaft. Zugleich habe ich aber auch die Relativität des Phänomens Ruhm an meinem Vater erlebt, der in den 60er-, 70er- und bis anfangs der 80er-Jahre einer der berühmtesten österreichischen Regisseure war, aber dann aus verschiedenen Gründen hierzulande überhaupt nicht mehr arbeiten konnte.
Warum?
Kehlmann: Weil er als "werktreu" geltender Regisseur am Theater nicht mehr gefragt war, und die Art von Literaturverfilmung, für die er stand, vom Fernsehen nicht mehr gemacht wurde.
War das auch ein Grund, warum Sie vielleicht immer schon eine gewisse Scheu hatten, auf den ästhetischen Zeitgeist zu setzen?
Kehlmann: Vielleicht, aber ich sehe mich deshalb nicht als traditionellen Schriftsteller. Die Gleichung "Geschichten erzählen = konservativ" stimmt ja nicht. Die großen Südamerikaner oder der erst vor kurzem verstorbene David Foster Wallace, den man als experimentellen Autor sehen kann und der trotzdem Geschichten erzählt, sind der beste Gegenbeweis.
Und der Beruf Ihres Vaters Michael Kehlmann?
Kehlmann: Der hat mich schon früh geprägt. Ich war immer wieder dabei, wenn er seine Drehbücher diktiert hat, und habe unmittelbar erlebt, wie Erzählen entsteht. Außerdem hat mich sein Beispiel mit einer besonderen Skepsis gegenüber dem österreichischen Kulturbetrieb erfüllt – daraus resultiert vielleicht auch mein ambivalentes Verhältnis zum offiziellen kulturellen Österreich.
Das sich aber verändert. Thomas Bernhard war Zeit seines Lebens sehr umstritten und ist mittlerweile fixer Bestandteil ­eines unhinterfragten Kanons. Die ­Thomas-
Bernhard-nicht-so-toll-Finder stehen eher abseits.
Kehlmann: Ja, und es wissen zum Beispiel sehr wenige Leute, dass Thomas Bernhard in Gesprächen mit dem Unterrichtsministerium stand, um die Direktion des Burgtheaters zu übernehmen – das ist dokumentiert und beweisbar. Als daraus doch nichts wurde und Achim Benning die Burg übernahm, begann Bernhard seinen Feldzug gegen das Burgtheater – in "Holzfällen" wird es als ein Ort dargestellt, an dem nur konservative Grillparzer-Inszenierungen gezeigt würden. In all den Jahren der Benning-Ära gab es aber nur zwei Grillparzer-Aufführungen. Dafür wurde sehr viele osteuropäische Avantgarde gespielt: Mrozek, Kohut – Vaclav Havel wurde durch die internationale Präsenz, die ihm das Burgtheater verschaffte, vor dem Zugriff der Diktatur geschützt.
Das ist auch durch die Selbststilisierung Claus Peymanns in Vergessenheit geraten?
Kehlmann: Nicht nur durch Selbststilisierung, sondern durch konkrete Maßnahmen: Der Band über die Ära Benning, in dem unter anderem der vollständige Spielplan dokumentiert wird, durfte unter Peymann an den Burgtheaterverkaufsstellen nicht mehr angeboten werden, damit das Bild vom Burgtheater als ehemaligem Hort hohler Deklamation festgeschrieben werden konnte – und dabei half auch Thomas Bernhard mit. Da kommt dann immer der Einwand: "Aber ‚Holzfällen' ist Kunst! Da darf man Dinge erfinden!" Ja, aber Kunst ist zweckfrei und nicht dazu da, Dinge zu erfinden, um Hausautor eines Theaters zu werden oder sich dafür zu rächen, dass man nicht dessen Direktor wurde. Dabei war Benning ein großartiger Theaterleiter, der wirklich innovatives Theater gemacht hat und sich von den Rechten dafür beschimpfen lassen musste …
… zum Beispiel von Erhard Busek, der sich das Image des Liberalen und bunten Vogels erschlichen hat, obwohl er in den Kulturkämpfen verlässlich in die konservativ-katholische Kerbe geschlagen hat.
Kehlmann: Genau, das wollte ich gerade sagen: Busek hat Bennings Burgtheater als "Hort des Linksfaschismus" bezeichnet. Das muss man sich mal vorstellen!
Ich habe einem Porträt von Ihnen im "Zeit Magazin" entnommen, dass Ihr Vater selbst Theaterdirektor hätte werden sollen, und zwar in der Josefstadt.
Kehlmann: Er war nicht nur im Gespräch, sondern hatte einen abgeschlossenen Vertrag, weswegen wir auch von München nach Österreich gezogen sind. Das wurde allerdings dann vom mittlerweile heiliggesprochenen Helmut Zilk hintertrieben.
Wieso das?
Kehlmann: Das geht viele Jahre und auf einen Streit zurück, weil Zilk sich in meines Vaters Gegenwart auf eine Weise geäußert hatte, die dieser als grob antisemitisch empfand. Das hat er sich dann sehr nachdrücklich verbeten, und das hat wiederum Zilk nie vergessen. Das mag überraschend klingen, aber wenn man nachsieht, wie sich Zilk gegenüber Lorin Maazel verhalten oder was er öffentlich über Doron Rabinovici geäußert hat, wundert es einen nicht mehr ganz so stark. Aber das fällt wahrscheinlich alles noch unter jene "normalen" Intrigen, die mit Besetzungen von Theaterdirektionen einhergehen. Das eigentlich Unglaubliche war, wie mein Vater später von Helmuth Lohner behandelt wurde. Der war sein bester Freund und oft mehrmals wöchentlich bei uns zuhause zu Besuch. Er hat auch einige seiner wichtigsten Fernsehrollen unter der Regie meines Vaters gespielt – von künstlerischen Differenzen konnte also wirklich nicht die Rede sein. Als Lohner dann Direktor am Theater in der Josefstadt wurde, hat er den Kontakt von einem auf den anderen Tag abgebrochen, sich verleugnen lassen, bis zu dessen Tod nie wieder mit meinem Vater gesprochen.
Aber warum?
Kehlmann: Weil er wusste, dass es im Wiener Theatermilieu nicht opportun war, meinen Vater zu engagieren, weil der davor als Direktor im Gespräch war. Weil er wusste, dass ein solcher Kontakt besonders Otto Schenk nicht gefallen würde.
Wobei die Idee, es sei "nicht opportun", wirkungsmächtiger gewesen sein könnte als die dahinter vermutete Realität.
Kehlmann: Natürlich, wir leben ja nicht in einer Diktatur. Es war reine Einbildung! Mein Vater hat die Josefstadt immer als "sein" Theater betrachtet, und es wäre eigentlich selbstverständlich gewesen, dass er dort weiter inszeniert – so, wie das ja auch Otto Schenk unter Lohner weiterhin getan hat. Mein Vater war am Ende seines Lebens sehr isoliert, weil all jene Leute, mit denen er sein ganzes Leben zusammengearbeitet hat – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – mit ihm nichts mehr zu tun haben wollten. Als er dann 2005 gestorben ist, hat die Stadt Wien, die praktisch jedem, der dreimal in der Zeitung steht, ein Ehrengrab gibt, nicht einmal einen Kranz geschickt. Es ist sicher nicht paranoid, wenn man in diesem Fall von einer Ächtung spricht. Das hat mich nicht nur in meinem Verhältnis zu Österreich geprägt, sondern auch ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Erfolg im Kulturbetrieb bei mir erzeugt. Ich weiß nicht nur theoretisch, wie schnell das vorbei sein kann, ich habe es aus nächster Nähe erlebt.

Klaus Nüchtern in FALTER 1-3/2009 vom 16.01.2009 (S. 24)


Rezension aus FALTER 1-3/2009

Die Wirklichkeit in Zeiten des Handy

Der dünne Mann mit den fettigen Haaren, der Hornbrille und der grellroten Schirmmütze, der plötzlich aus dem Nichts auftaucht, sich als Taxifahrer ausgibt, Daniel Kehlmanns Romanfiguren zum Einsteigen nötigt und sie irgendwohin kutschiert, wohin sie nicht sollen - was ist das für ein Kerl?

Der Autor beteuert, er habe keine Ahnung, wer das sei, wer ihn erfunden habe "und wie er in meine Geschichte kommt". Also bitte keine wohlfeilen, naseweisen Deutungen (der Zufall?, die verkörperte Unwahrscheinlichkeit innerhalb der Wahrscheinlichkeitsmathematik von Kehlmanns Poetik?, der Gott der Erzählung?, dessen Widersacher?). Lassen wir das vorläufig auf sich beruhen.

Entscheidend ist, dass der Kerl seinen Fahrgast durch den Rückspiegel anstarrt und verkündet: "Sie fragen sich, warum so vieles nicht geht, lieber Herr? Weil ein Mensch vieles sein will. Er will viel sein. Vielfältig. Möchte mehrere Leben. Aber nur oberflächlich, nicht im Tiefsten. Das letzte Drängen, lieber Freund, zielt darauf, eins zu sein. Mit sich, mit allem."

Zwischen diesen beiden konträren Sehnsüchten der Menschen - der nach Vervielfältigung der eigenen Existenz und der nach Einssein mit sich und allem - spannt Daniel Kehlmann seine neun neuen Geschichten auf, lauter Variationen zum Thema Selbstintensivierung entweder durch Mehrfachleben oder durch Rückzug ins eigene, allerdings kosmisch geweitete Ich.

Die neun Erzählungen sind zyklisch angeordnet, mit allerlei vertrackten Binnenbezügen und raffinierten Spiegelungen; gemeinsam fügen sie sich zu einem Roman namens "Ruhm". Die Poetik, nach der dieser Roman konstruiert ist, wird vom Autor unverzüglich offengelegt: "Ein Roman ohne Hauptfigur! Verstehst du? Die Komposition, die Verbindungen, der Bogen, aber kein Protagonist, kein durchgehender Held."

In "Ruhm" sind vor allem zwei der Figuren berühmt, beides Schriftsteller: Leo Richter und Miguel Auristos Blancos. Sie sind das demiurgische Kontrastpaar, das jeweils eine der menschlichen Sehnsüchte nach Intensivleben zu repräsentieren (und hervorzubringen) hat. Richter ist zu Ruhm gekommen als "Autor vertrackter Kurzgeschichten voller Spiegelungen und unerwartbarer Volten von einer leicht sterilen Brillanz", wie Kehlmann spöttisch anmerkt, damit wir ja wissen, an wen er denkt.

Auristos Blancos wiederum ist ein berühmter Autor von Lebenshilfebüchern mit einer Millionenleserschaft in aller Welt, einem Penthouse in Rio de Janeiro, einem Landhaus bei Parati, einem Chalet in der Schweiz und einem ehemaligen Olympiasieger als persönlichem Fitnesstrainer. Er wird "vom halben Planeten hoch verehrt und vom halben milde verachtet" als "Autor von Büchern über Gelassenheit, innere Anmut und die Suche nach Lebenssinn beim Wandern über hügeligen Wiesengrund". Für jene, die jetzt noch nicht wissen, an wen sie denken sollen, schiebt Kehlmann einige Buchtitel nach, die den Pseudotiefsinn des Brasilianers sanft verulken: "Frieden, komm tief in uns", "Frag den Kosmos, er wird sprechen", "Der Weg des Selbst zu seinem Selbst" sowie, in der französischen Ausgabe, "L'art d'être soi-même".

Leo Richter liebt es, sich in seinen Figuren zu vervielfältigen, mit dem Möglichkeitssinn literarisch zu spielen, mit erfundenen Identitäten zu jonglieren und dem Unwahrscheinlichen probeweise Wahrscheinlichkeit zuzuschreiben. Daniel Kehlmann wiederum liebt es, sich in Leo Richter und dessen Figuren zu vervielfältigen. Für ihn ist Literatur ein göttliches Allmachtsspiel: "Schon war er überall und hinter den Dingen und über dem Himmel und unter der Erde wie ein zweitklassiger Gott."

Daher sind die meisten dieser neun Geschichten Identitäts- und Rollenspielereien und handeln von Leuten, die sich selbst abhandenkommen und ihrer Identität verlustig gehen, sich im Spiegel nicht wiedererkennen, für jemand anders gehalten oder von Doppelgängern aus dem eigenen Leben verdrängt werden, sich selbst in einem Doppelleben verlieren oder sich in zwei Möglichkeiten ein und desselben Lebens aufspalten.

Da der Autor, dieser zweitklassige Gott, immer erkennbar mitspielt und eingreift (oder dreinpfuscht?), verschiebt sich auch das Thema der Erzählungen alsbald ins innerliterarische Terrain und bewegt sich fortan zwischen den bewährten Polen Fiktion und Realität, dem Möglichkeitssinn und dem Wirklichkeitssinn, zwischen literarischer Erfindung und realem Leben. Auf diesem schlüpfrigen Gelände kennt sich Kehlmann erwiesenermaßen bestens aus, da kann er mit Verve, Spielfreude und Einfallsreichtum, aber auch mit einer beängstigend routinierten Brillanz dem Fiktionsträchtigen der Wirklichkeit nachspüren und den Realitätsbegriff durch unsere unheimlichen neuen Maschinen aushebeln.

Als dämonische Zersetzer des Wirklichkeitssinns bieten sich vor allem das Handy und das Internet an - zwei Apparaturen, in denen sich Technik und Magie ungut vermischen. Sie finde das Mobiltelefon unheimlich, bemerkt eine Romanfigur: "Es nimmt die Wirklichkeit aus allem." Wie real etwa kann sich ein Mensch noch fühlen, den keiner mehr anruft? Wer ist man, wenn der Akku des Mobiltelefons leer ist, man das Ladegerät daheim vergessen hat und wenn man, wie die Schriftstellerin Maria Rubinstein in der Erzählung "Osten", ganz allein irgendwo in Zentralasien (Turkmenistan? Usbekistan?) verlorenging, wo einen niemand kennt und man sich in keiner Sprache verständigen kann?

Tatsächlich, das Handy versetzt uns "in eine Welt ohne feste Orte", ohne "wirkliche und festgesteckte Plätze im Raum", lässt uns aus einem unüberprüfbaren Nirgendwo sprechen und macht uns somit unwirklich für uns selbst und andere. Das muss auch der Möchtegernbigamist in der Erzählung "Wie ich log und starb" peinvoll erfahren, der sich in der Ortlosigkeit, die ihm das bewegliche Fernsprechgerät ermöglicht, hoffnungslos verirrt.

Ironischerweise ist der Mann von Beruf Leiter der Abteilung für Nummernverwaltung und Nummernzuweisung in einer großen Telekommunikationsfirma. Noch ironischer: In seiner privaten Verwirrung unterläuft seiner Abteilung ein Fehler, den es gar nicht geben dürfte - schon zugewiesene Handynummern werden auch an Neukunden vergeben. So wird der Computertechniker Ebling plötzlich mit Anrufen überschüttet, die, wie er allmählich merkt, eigentlich dem berühmten Filmschauspieler Ralf Tanner gelten.

Das hat fabelhaft fatale Auswirkungen auf das Leben und den Wirklichkeitssinn beider und liefert Kehlmann den Stoff für gleich zwei Geschichten. Das heißt, eigentlich für drei. Denn der Hauptschuldige an dem Schlamassel mit den doppelt vergebenen Handynummern ist ein Computer-Nerd, der fette Mollwitz, der vor der unerquicklichen Realität seines Lebens in die imaginären Welten der Internetforen ausweicht, als besessener Chatter. Zufällig lernt er den Autor Leo Richter kennen und hat von da weg nur ein Ziel: Er will als Figur in eine von Richters Geschichten eingehen, er möchte von dem Autor, dem literarischen Schöpfergott, ins Fiktive "transformiert" werden. Das klappt natürlich nicht, und Mollwitz muss erkennen, dass er zu lebenslanger Haft in der Wirklichkeit verdammt ist: "In einer Geschichte werde ich nie sein. Reality wird alles sein, was es für mich gibt."

Zwei der neun Geschichten haben denselben Titel -"In Gefahr" - und denselben Helden: den sehr Kehlmann-haften Autor Leo Richter. In ihnen werden die bekannten Gefährdungen, Anfechtungen und Versuchungen von Schriftstellern aufs Neue durchdekliniert: fiktive Spiele mit der realen Umwelt, Selbststilisierung zu Romanhelden oder Heldenautoren à la Hemingway, jedenfalls zu Statthaltern ihrer selbst. Das ist nicht unamüsant, aber ohne besonderen Zugewinn an Erkenntnis.

Kehlmanns Problem besteht darin, dass er eine Menschenwelt, mit der sich so gut spielen lässt, nicht ganz ernst nehmen kann. Paradoxerweise zieht gerade die Doppelbödigkeit des ironischen Erzählverfahrens seinen Figuren den existenziellen Boden unter den Füßen weg und macht sie eindimensional. Andererseits hat Kehlmann auch für metaphysische Sinnstiftungsprosa à la Paulo Coelho nur verheerenden Sarkasmus übrig - nicht ohne Bosheit schickt er seinen verlogenen Harmonieprediger Auristos Blancos in seine private Hölle des Nihilismus. Wiederum andererseits, das zeigt die beklemmende Geschichte "Rosalie geht sterben", ist sich Daniel Kehlmann bewusst, dass all seine virtuosen Fiktionen letztlich der Ablenkung und Selbstbeschwichtigung dienen. Denn: "Egal, wie das Leben war, am Ende steht immer Entsetzen."

Auch wenn das finale Entsetzen als Taxifahrer mit roter Schirmmütze auftritt, so ist dieser doch kein anderer als Charon, der Fährmann des Todes.

Sigrid Löffler in FALTER 1-3/2009 vom 16.01.2009 (S. 28)


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