Frl. Ursula
Mit einem Nachwort von Norbert Niemann

von Heiner Link

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 12/2003

"Frl. Ursula", der nachgelassene Roman des im Vorjahr verunglückten Heiner Link, widmet sich mit barockem Erzählfuror jenen, denen außer Sex und Saufen nicht viel bleibt.

Frl. Ursula sitzt an der Kasse des Supermarkts, und sie ist das, was man ein Superweib nennt. So etwas sagt man natürlich nicht in unseren Kreisen, wohl aber in den Vororten beispielsweise von München, und weil Frl. Ursula in einem solchen Vorort arbeitet, sollte es ausnahmsweise auch einmal hier erlaubt sein, über Superweiber zu schreiben - Frl. Ursula hätte vermutlich nichts dagegen. Sie hat ein Verhältnis mit einem Studenten, der noch bei seinen Eltern wohnt in einem dieser Einfamilienhäuser, die sich hinter Thujenhecken verschanzen. Dieser junge Mann ist der Held in Heiner Links letztem Roman.

Es ist ein kurzer, schneller Roman, der vom Kontrast lebt zwischen der öden Kulisse eines Vororts, wie man ihn in unseren Breiten in der Peripherie jeder Großstadt finden kann, und dem unglücklich-ungehemmten Triebleben der Menschen, die dort leben. Es ist also ein Roman, der sehr gut in jene Tradition bayerisch-österreichischer Literatur passt, die seit Oskar Maria Graf und Ödön von Horváth kleinbürgerliche Wohlanständigkeit entlarvt.

Aber es bedeutet eben einen großen Unterschied, ob man zu Beginn oder am Ende des 20. Jahrhunderts auf dem Land zu Hause ist. Und weil sich die öffentliche Moral in den vergangenen hundert Jahren gründlich gewandelt hat, ist es auch gar nicht mehr so einfach, sich jenseits des kabarettistischen Gratismuts mit dem Kleinbürgertum anzulegen.

Von Heiner Link wird erzählt, dass er seine eigene Herkunft aus einem durch und durch mittelmäßigen Münchner Vorort nie verleugnet habe. Vielleicht musste deshalb gerade er diesen Roman schreiben, der sich wie ein Requiem auf die so genannten kleinen Leute liest - die es im Grunde gar nicht mehr gibt. Die es nicht mehr gibt, weil sich zwischen den Arrivierten und den Deklassierten ein riesiger Raum aufgetan hat, in dem sich allenfalls noch notdürftige soziale Orientierungszeichen finden: bestimmte Automarken, italienisches Essen, Tennis und Golf, das mühsam ersparte Eigenheim und der Sohn, der studiert. Wer will da noch ernsthaft von einem kleinbürgerlichen Milieu sprechen?

In diesem Vakuum bewegen sich Links Figuren. Er stattet sie mit besten literarischen Referenzen aus - Goethes "Werther" etwa oder Eichendorffs "Aus dem Leben eines Taugenichts". Er übertreibt schamlos, bis zu einem furiosen Finale in Havanna, wohin die Freunde des Golfclubs reisen (ob im Traum oder in der erzählten Wirklichkeit, bleibt unklar), wo es Frauen gibt und Alkohol bis zum Abwinken. Link hat wohl sehr genau gespürt, wie leicht eine realistische Schilderung seiner Figuren und ihrer Welt als Denunziation verstanden werden könnte - und er ist diesem Risiko mit geradezu barockem erzählerischem Furor entkommen.

Getrunken, gegessen und gevögelt wird auf diesen wenigen Seiten, dass es eine Art hat. Link mochte die Komik gerne derb, das gehörte sozusagen zu seiner Erzählstrategie. Aber diese, nennen wir sie: forcierte Körperlichkeit steht eben auch für die tragische Kehrseite einer solchen Komik, auf sie reduziert sich die Existenz von Biografien, die ansonsten ununterbrochen um ihre soziale Identität kämpfen müssen.

Was bedeutet es schon, als Vertriebsleiter einer Bäckereikette Westschwaben zu betreuen? Wie man sich darstellt, wie man sich von anderen unterscheidet: All das ist beliebig verfügbar und austauschbar. Man geht in den Golfclub, aber man fühlt sich dort unglücklich, weil man ja gar nicht weiß, wie man sich dort benehmen muss.

Heiner Link hatte das Manuskript zu diesem Roman gerade abgeschlossen, als er im Mai 2002, 42 Jahre alt, mit seiner Harley Davidson auf einer Landstraße bei München tödlich verunglückte. Gemeinsam mit seiner Witwe haben seine Freunde Norbert Niemann und Georg M. Oswald das Manuskript behutsam lektoriert und in Druck gegeben.

Tobias Heyl in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 12)


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