Seltsame Materie

von Terézia Mora

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Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 7/2000

Bachmann-Preisträgerin Terezia Mora überzeugt mit ihrem Erzählband "Seltsame Materie".
Mit ihrer Erzählung "Der Fall Ophelia" hat sich die 1971 in Sopron geborene und heute in Berlin lebende Terezia Mora den Ingeborg-Bachmann-Preis erlesen. Die unprätentiöse und doch poetische Geschichte erzählt von einem Mädchen, das sich gegen seine dörfliche Außenseiterexistenz - ihrer Sprache wegen werden sie und ihre Angehörigen wahlweise als Faschisten oder Kommunisten beschimpft - wappnet, indem es sie zugleich bekräftigt: Unter der Anleitung eines biertrinkenden Schwimmlehrers trainiert sie ihren fragilen Körper im Kaltwasserbecken; der Rest des Dorfes hockt im dampfenden Heilwasser: "Das Wasser ist gut, gut wie Hühnersuppe. Es hat die Farbe davon und den Geschmack."
"Der Fall Ophelia" ist eine von insgesamt elf Erzählungen, die in dem Band "Seltsame Materie" versammelt sind und über eine Reihe von Gemeinsamkeiten verfügen: Alle sind in der ersten Person Einzahl (in den meisten Fällen ein Mädchen oder eine junge Frau) erzählt; alle spielen in derselben Gegend, in der sich Fuchs und Hase - oder in diesem Fall wohl eher: Aal und Storch - gute Nacht sagen und in denen das Schicksal der Menschen ganz wesentlich durch die Topographie bestimmt wird; und alle sind vom gleichen Interesse für die physischen Aspekte der Außenwelt geprägt. Ob es sich dabei nun um den weichen Asphalt unter den Füßen, um weißes, weiches Mutterfleisch oder die Melasse handelt, deren Geruch aus der Zuckerfabrik das Dorf überströmt - stets gilt die Aufmerksamkeit der Autorin den taktilen und olfaktorischen Qualitäten einer gar nicht so seltsamen Materie, die weniger mit Adjektiven überschüttet als benannt und aufgerufen wird: "An der Gegend ist nichts Besonderes, schon gar nichts Gutes, steinig, moorig, alles voller Regen, Kalk, Schlamm, Insekten (...)."
Auf diese Weise gelingen Mora einige ganz wunderbare, völlig in ihrer Kargheit ruhende Schilderungen; etwa in "Der See", wo beschrieben wird, wie die Bauern den schlammigen Grund des Sees umpflügen und parzellieren, bis das Wasser wieder alles in Besitz nimmt, die Aale in die Gärten spült und das Schilf aus der Schlafzimmerwand treibt.
Wie sie im Interview mit dem Falter (26/99) bekannte, bevorzugt es Mora, "die Art der Konstruktion des Textes durchsichtig" zu machen; sie liebt Motiv-Doppelungen und Wiederholungen, die den Texten Konsistenz verleihen - Leitmotive diesseits des Symbolischen. Unaufdringlich beschreibt Mora das Dorf als Kosmos, ohne sich im Exemplarischen zu verlieren. "Alles hier ist Grenze", heißt es einmal trocken, aber im konkreten Einzelfall kann das vieles bedeuten. Die Grenze schließt die einen aus, die anderen zusammen. Dass beides nicht dämonisiert wird, gehört zu den großen Vorzügen dieses beachtlichen Debüts.
"Drei Jahre Verlobung und kein Platz zum Vögeln, nichts Menschliches, die Hütte, ich bitte dich, Pferdedecken", nennt die Ex-Verlobte die Gründe, warum es dann doch nicht geklappt hat. Dass das mehrfach angeschlagene Inzest-Motiv just in der erwähnten Hütte kulminiert, ist nur konsequent. "Buffet", die Erzählung von einer jungen Frau und ihrem "Försterbruder", ist die längste und vielleicht beste des Bandes. Hier können die Protagonistin und der Leser auch einmal durchatmen, denn am höchsten Punkt des Nationalparks, wo sich das Buffet befindet, in dem die junge Erzählerin arbeitet, rückt die dörfliche Enge etwas auf Distanz: "Es ist gut, woanders zu sein, nicht immer im Dorf, fünfhundert Seelen, fünfhundert Schritte bis zur Zuckerfabrik und zurück, bis zur Schule sogar nur fünfzig."

Klaus Nüchtern in FALTER 7/2000 vom 18.02.2000 (S. 66)


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