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Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.01.2004

Rezension aus FALTER 31/2004

Der Brite David Mitchell empfiehlt sich mit dem ungewöhnlichen Wälzer "Chaos" als Autor der Zukunft.

Der beachtliche Umfang des Buches führt in die Irre: David Mitchell ist nicht der 734. Autor, der sich am großen amerikanischen Roman versucht. Wie denn auch, schließlich stammt der weltenbummelnde Schriftsteller aus England. Aber auch sonst unterscheidet sich sein Buch angenehm von den am Reißbrett entworfenen Familientableaus, die einem zuletzt als erzählerische Meisterleistungen verkauft wurden.

"Chaos" dagegen fährt überwiegend Figuren auf, die sich einzelkämpferisch durchs Leben schlagen und tagelang nur mit der Stimme im eigenen Kopf kommunizieren. Was womöglich näher an der heutigen Wirklichkeit dran ist als so mancher so genannte realistische Roman, in dem noch die kaputtesten Typen in den unmöglichsten Situationen tiefsinnige Dialoge über alle nur erdenklichen Themen führen.

Obwohl das Personal in dem neunteiligen Episodenroman also vorwiegend ins Selbstgespräch vertieft ist, hat es einiges zu erzählen. Über das Führen einer selten frequentierten Raststätte im hintersten Winkel Chinas etwa, über geheime Geldverschiebungen im internationalen Finanzwesen, oder auch nur vom erfolglosen Dasein als Autor. Das klingt jetzt vielleicht unspektakulär. Tatsächlich jedoch legt Mitchell noch hinter vordergründig recht eindimensionalen Existenzen überraschende Untiefen frei.

Der 35-jährige Engländer ist ein Romancier von heute, der die einzelnen, nur lose verbundenen Abschnitte seines Buchs quer über den Globus und durch sämtliche soziale Schichten verstreut. Er hat die Postmoderne verinnerlicht und seinen DeLillo zweifellos gut gelesen. Mitchell ist zugleich aber auch ein ziemlich altmodischer Schriftsteller. Als passionierter Weltenbummler legt er sich in fernen - am liebsten in asiatischen - Ländern auf die Lauer, um etwas über das Leben dort zu erfahren. Er setzt sich in die Lokale der Einheimischen, sperrt die Ohren auf und notiert, bis der Block voll ist.

Dann begibt er sich an seinen Uni-Schreibtisch in Hiroshima, wo er Vergleichende Literaturwissenschaft unterrichtet, denkt die erlauschten Geschichten von jungen Jazzfreaks in Tokio und Hotelangestellten in der Mongolei weiter und arbeitet sie erzählerisch aus. Zusammen ergibt das ein kunterbuntes Panorama völlig disparater, letztlich aber doch irgendwie ähnlicher Lebensformen am Beginn des 21. Jahrhunderts.

Für den Leser von "Chaos" ist angenehm, dass er das Buch nicht unbedingt von Seite 1 bis 592 durchackern muss. Genauso gut lässt es sich als Sammlung überlanger Kurzgeschichten betrachten, die auch kreuz und quer gelesen durchaus Sinn und Spaß machen. Erfrischend auch der Tonlagenwechsel mit jedem neuen Kapitel: Da stört es kaum, wenn der Stil mitunter ins Epigonale kippt und einzelne Stellen aus den asiatischen Kapiteln an Murakami oder die Londoner Episode an Nick Hornby erinnert.

Mit fortlaufender Dauer wird "Chaos" allerdings etwas mühsam. Mitchell ergeht sich in ausufernden Passagen über Seelenwanderung und neuartige Massenvernichtungswaffen, die zwar von großer Belesenheit zeugen, aber nirgendwo hinführen. Doch vermutlich ist das einfach so, wenn man in jungen Jahren ein derart ambitioniertes literarisches Projekt angeht. Selbst Thomas Pynchon weiß heute angeblich nicht mehr so genau, was im letzten Drittel seines Romanmonsters "Gravity's Rainbow" (1973) eigentlich passiert.

Sebastian Fasthuber in FALTER 31/2004 vom 30.07.2004 (S. 53)


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