Aufleuchtende Details
Memoiren eines Erzählers

von Péter Nádas

€ 41,10
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Christina Viragh
Verlag: Rowohlt
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 1280 Seiten
Erscheinungsdatum: 11.10.2017


Rezension aus FALTER 41/2017

Sternenkarte für einen finsteren Kosmos

In seinem jüngsten Riesenroman verdichtet Péter Nádas Familiengeschichte zu einer Milchstraße von Details

Sein Lebensthema sei der Übergang vom Schein zur Wirklichkeit, schreibt Péter Nádas in seinen Lebenserinnerungen, und bevor er sterbe, so ein paar Seiten weiter, wolle er nichts undokumentiert lassen, damit Schein und Wirklichkeit, Realität und Fantasie am Ende doch auseinandergehalten werden könnten. Versteckt im letzten Viertel eines Buchs von fast 1300 Seiten, klingt dieses Programm eigentlich nicht besonders ambitioniert: Solches haben sich einige Leute schon früher vorgenommen.
Wer jedoch die Zeit gefunden hat, sich für ein paar Wochen diesem Riesenwerk auszuliefern, erfährt, was es bedeutet, diesen Anspruch mit aller literarischen Konsequenz zu verfolgen. Als Ganzes ist die Wirklichkeit nicht zu fassen. Man kann sich nur an Einzelheiten halten, an jene „aufleuchtenden Details“ eben, die der Titel beschwört. Wie eine Sternenkarte versprechen sie Orientierung im unendlichen Universum der Menschen, Dinge, Geschichten und Kausalitäten.
In seinen beiden ebenfalls riesenhaften Romanen „Buch der Erinnerung“ (dt. 1999) und „Parallelgeschichten“ (dt. 2013) teilte Nádas den epischen Kosmos in drei bzw. zwei mehr oder weniger zwingend aufeinander bezogene Erzählstränge. Jetzt erzählt er nur noch aus einer Perspektive und nur einen Strang, die Geschichte seiner Familie nämlich und seiner Kindheit. Das Buch endet mit der Niederschlagung des ungarischen Aufstands von 1956. Da ist Nádas gerade 14 Jahre alt, seine Mutter war ein Jahr vorher an Krebs gestorben.
Zwei Jahre später wird sich sein Vater umbringen: Dass seine Genossen gegen ihn, der vor und während des Krieges im kommunistischen Untergrund und nach der Befreiung ein verdienter Funktionär war, eine Intrige angezettelt hatten, konnte er nicht verkraften. Von dieser elterlichen Tragödie erfahren wir in diversen Vorgriffen, sie bildet als private Katastrophe das Pendant zur politischen Katastrophe von 1956.
So viel muss hier zur Komposition dieses Epos gesagt werden, damit dessen Grundprinzip klar wird: Wir lesen uns durch ein Geflecht von Erinnerungen und Assoziationen, von recherchierten Fakten und Berichten aus zweiter Hand, durch ein dichtes Gewebe von Einzelheiten, die auf sehr unterschiedliche Weise miteinander verbunden sein können.

Wenn sich überhaupt ein Punkt ausmachen lässt, auf den all diese Fäden zulaufen, dann ist das der 14. Oktober 1942, der Tag, an dem Nádas in Budapest zur Welt kam. Es wird ihm später schwerfallen, diesen Tag zu feiern, immer wieder hadert er mit seinem Schicksal, geboren zu sein, erinnert er sich, wie nah er schon dem Selbstmord war. Minutiös hat er rekonstruiert, was anderswo passiert, als seine Mutter in den Wehen liegt: Viktor Klemperer stellt sich in Dresden vergeblich um Brot an, Anne Frank notiert in Amsterdam das Gewicht ihrer Angehörigen, ein Einsatzkommando liquidiert die Bewohner des Ghettos von Mizozc. Man darf darin wohl eine schwarze Kontrafaktur zu Goethes Lebenserinnerungen erkennen. Dem ist zuallererst wichtig, dass zur Stunde seiner Geburt, perfekt terminiert schlag zwölf Uhr mittags, die Sterne eine glückliche Konstellation eingenommen hatten: So traten früher literarische Genies in die Welt.
Nichts liegt Nádas ferner, als dem Lauf der Welt derart einen höheren Sinn zu unterstellen. Er will Schein und Wirklichkeit voneinander unterscheiden und nicht die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit auflösen. Wenn er also, um die Wirklichkeit seiner eigenen Biografie zu begreifen und zu beschreiben, weit in die Geschichte seiner Familie zurückgeht, dann nur, um die Voraussetzungen der eigenen Existenz zu klären. Dem Romancier Nádas kommt dabei freilich entgegen, dass diese Familie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts sehr unterschiedliche Charaktere hervorgebracht und angezogen hat, und weil viele dieser Vorfahren und Verwandten respektable Positionen im Staat und in der Wirtschaft eingenommen haben, ist die Behauptung nicht übertrieben, dass die Geschichte der Familie Nádas die jüngere Geschichte Ungarns widerspiegelt.

Da finden sich ein Kämpfer für die Emanzipation der Juden, ein Chemiefabrikant und ein gescheiterter Gutsbesitzer, ein Fernmeldeingenieur (Nádas’ Vater) und eine engagierte Frauenrechtlerin (Nádas’ Mutter). Da gibt es Juden und Christen, Sozialdemokraten und Kommunisten, ein Zweig der Familie kommt vielleicht aus Deutschland, ein anderer aus Wien, ein dritter war schon immer in Ungarn zu Hause. Es gibt intensive Verbindungen zum linksliberalen Galilei-Kreis und zu den Zirkeln um Georg Lukács. Wir erleben das Leben auf dem Land, in den gründerzeitlichen Wohnungen am Térez-Ring, in den schlichten Bauhaus-Villen am Stadtrand und in den Ghettos der Parteielite. In solchen Passagen zeigt sich Nádas als meisterhafter Erzähler der traditionellen Art, dem ein paar kleine Beobachtungen genügen, um eine Figur, ein Zimmer, eine Landschaft unverwechselbar zu machen.
Nun werden all diese aufleuchtenden Details von Nádas nicht in chronologischer Ordnung präsentiert. Über weite Strecken knüpft er sie assoziativ aneinander und erst nach und nach wird eine zeitliche Linie erkennbar. So aber entwickelt sich auch unsere Erinnerung vom kleinen Kind zum Jugendlichen: in den ersten, frühen Jahren unscharfe, ungeordnete Bilder, bis sich die Fähigkeit ausbildet, aus ihnen Kausalitäten und eine Chronologie zu entwickeln. Dazu braucht es Begriffe, und Nádas muss sich noch sehr genau daran erinnern, wie lange es manchmal dauert, bis ein Kind mit einem Wort dessen Bedeutung zu verbinden vermag, wie viele Missverständnisse vorher geklärt werden müssen. An diesen Stellen übrigens zeigt die Übersetzerin Christine Viragh auch Lesern, die des Ungarischen nicht mächtig sind, ihre ganze Meisterschaft.
Diese Geschichte unseres erwachenden Bewusstseins ist der einzige rote Faden, der in diesem Riesenroman zu finden ist. Die Menschen und die Gesellschaft hingegen bewegen sich auf kein erkennbares Ziel zu. Im Gegenteil: Ideologen, die ein solches Ziel zu kennen glaubten, haben Europa bekanntlich in den Abgrund geführt.

Nádas’ große Kunst besteht darin, seinen Entwicklungsroman und den historischen Roman Europas in einer einzigen großen Erzählung zusammenzuführen. Eine tiefe Traurigkeit geht von dieser aus, schon angesichts der Opfer der europäischen Katastrophe. Im Innersten aber lässt sie die Aussichtslosigkeit spüren, in einer solchen Welt eine Linie zu finden, der das eigene Leben folgen könnte.
Mit elf Jahren beschließt Péter Nádas, Schriftsteller zu werden. Er ahnt, dass er sich damit lächerlich machen könnte und hält seinen Plan geheim. Tatsächlich arbeitet er zunächst als Fotograf – auch eine Technik, die Wirklichkeit festzuhalten –, bis er zuletzt über den Journalismus zur Literatur findet. Seine Lebenserinnerungen wollen den Widerspruch zwischen der individuellen und der großen Geschichte gar nicht auflösen, sondern vielmehr auf die Spitze treiben, in immer neuen Anläufen die Unmöglichkeit einer Versöhnung von Ich und Welt demonstrieren.
Das verlangt im Zeitalter der Ideologien, das für Nádas in der Gegenwart des Neoliberalismus noch nicht zu Ende gegangen ist, auf der Unterscheidung von Schein und Wirklichkeit, Realität und Lüge zu bestehen, nichts zu vergessen, nichts zu beschönigen. Die großen Geschichten, die uns die Welt so schön geordnet und in denen wir es uns so bequem eingerichtet haben, gehen dabei zuschanden. An ihre Stelle setzt sich ein Roman, dessen erzählerische Konsequenz und Kompromisslosigkeit geradezu anachronistisch wirkt. In dieser Zumutung aber steckt die Möglichkeit, Distanz zur Gegenwart zu gewinnen – und ihrer Wirklichkeit ein Stück näher zu kommen.

Tobias Heyl in FALTER 41/2017 vom 13.10.2017 (S. 30)


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