Das Glück der anderen

von Stewart O'Nan, Thomas Gunkel

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 40/2001

Stewart O'Nans apokalyptischer Roman "Das Glück der anderen" zeigt, wie der Überlebenskampf zur Verwaltung des Todes wird.

Viel war dieser Tage vom Einbruch des Realen in eine Kultur die Rede, die den eigenen Phantasmen von der Virtualisierung auf den Leim gegangen sei. Mitunter musste man angesichts der kursierenden Kommentare den Eindruck gewinnen, die USA hätten eigentlich dankbar zu sein für den therapeutischen Schock des Attentats auf das World Trade Center, durch welches sie von Terroristen gleichsam in die Wirklichkeit zurückgebombt wurden: Schau einer an, man stirbt also doch!

Am 11. September ist die deutsche Ausgabe des jüngsten Romans von Stewart O'Nan ausgeliefert worden, und seltsamerweise ist während des Exportes aus den angeblich so todesvergessenen USA der Tod verloren gegangen. Aus dem Titel, der im Original "A Prayer for the Dying" (also "Ein Gebet für die Sterbenden") lautet, wurde in der deutschen Übersetzung "Das Glück der anderen". Befürchtet der Rowohlt Verlag, dass im deutschsprachigen Buchhandel kein Geschäft mit dem Tod zu machen ist, oder nimmt man eher an, das Gebet schrecke den säkularen Leser ab?

Der deutsche Titel ist übrigens keineswegs widersinnig oder missglückt. Er verweist auf eine Passage, in der Jacob Hansen, der in der amerikanischen Kleinstadt Friendship die Funktionen von Leichenbestatter, Pastor und Sheriff in einer Person verkörpert, überlegt, ob die rapide voranschreitende Krankheit mittlerweile auch andernorts wütet: "Du fragst dich, ob bei Bart schon ein paar Fälle eingetreten sind, hoffst, dass es nicht so ist. Aber wenn das bedeutet, dass Friendship verschont bleibt? Du würdest das Glück eines anderen nicht gegen dein eigenes eintauschen, nein, aber wenn du dich wirklich entscheiden müsstest? Das musst du nicht. Und daran klammerst du dich (...)."

In Wahrheit verlangt die rapide um sich greifende Diphterie-Epidemie Hansen in immer irrsinniger werdendem Tempo ab, über Leben und Tod zu entscheiden. Das Gesetz des Handelns wird ihm aufgedrängt, und es nicht anzunehmen würde bedeuten, das Schicksal des ganzen Landes dem blindwütigen Zufall zu überlassen. Neben Hansen, der den Roman in introspektivem Dialog - sozusagen auf Du und Du mit dem eigenen Über-Ich - durchgängig in der zweiten Person Einzahl erzählt, stellt der Arzt die entscheidende Kontrollinstanz von Friendship dar. So ganz nebenbei tragen die beiden einen kleinen Kulturkampf aus, denn der Arzt ist - und das sicher nicht nur aus hygienischen Gründen - mit Hansens Gewohnheit, die Leichen ausbluten zu lassen und anschließend einer postmortalen Kosmetik zu unterziehen, keineswegs einverstanden. Wobei Hansen diesen Dienst an den Toten, der schließlich extreme Formen annimmt - er konserviert die Leiche seiner noch im Säuglingsalter befindlichen Tochter und seiner Frau -, nicht so sehr als beschönigende Serviceleistung für die Hinterbliebenen, sondern als Respektsbezeugung versteht: "Wenn du durch deine Arbeit irgendetwas gelernt hast, dann das, dass man den Tod ernst nehmen, ihm den gleichen Respekt erweisen muss wie der Liebe."

Der Roman ist in einem seltsam sanftmütigen Tonfall erzählt; geschrieben aus der Perspektive eines Mannes, dem man Nekrophilie nicht vorwerfen kann und der allenfalls - nicht zuletzt durch den Krieg, in dem er einen siechen norwegischen Gefreiten mit rohem Pferdefleisch durchfüttert - ein professionelles Verhältnis zum Tod entwickelt hat. Und je ungehemmter dieser durch Friendship tobt, umso stärker sehen sich Sheriff Hansen und Doc Guterson einer Rationalität unterworfen, die das Unglück der Bewohner von Friendship ungerührt verwaltet, weil sie das Glück der anderen zur Maxime des Handelns erhoben hat: das Glück all jener, die mit der hoch infektiösen Krankheit nicht in Berührung gekommen sind. Damit das auch so bleibt, haben Arzt und Sheriff zunächst einzelne Häuser, dann die ganze Stadt unter Quarantäne gestellt: Wer aus ihr flieht, läuft Gefahr, erschossen zu werden.

Zusehends verwandelt sich Friendship in eine Todesfalle: Die von Erkrankten bewohnten Häuser werden zwangsverriegelt und angezündet; gleichzeitig droht der sich drehende Wind ein an der Peripherie ausgebrochenes Feuer direkt auf die Stadt zuzutreiben und diese endgültig in Asche zu legen.



Stewart O'Nans Roman schnürt einem bei der Lektüre das Herz zu. Und doch kann man sich auch dem Faszinosum, das vom Furor der entfesselten Apokalypse ausgeht, nicht entziehen: "Eine Fensterscheibe zerspringt, eine Zaunlatte trudelt vorbei, dazu der ständige Ascheregen. Du verspürst einen Schmerz am Kopf und greifst nach oben, merkst, dass deine Haare in Flammen stehen. Du schlägst sie aus und fängst an zu laufen. Fentons Laden brennt lichterloh, genau wie Soderholms Apotheke, wo das Platschen und Klirren explodierender Flaschen zu hören ist. Die Fensterscheiben schmelzen wie Karamelbonbons."

Schwer zu sagen, woran es liegt, aber selbst nachdem Hansens Anstrengungen, ein paar vermutlich noch gesunde Bewohner in einem Güterwagon aus Friendship zu retten, gescheitert sind, hat man nicht das Gefühl, mit der Verzweiflung allein gelassen oder zur Komplizenschaft mit dem Tod genötigt zu werden. Auch wenn Hansens Versuch, sich selbst zu trösten und aus der Verantwortung zu entlassen, leicht zu durchschauen ist: "Und doch ist es keine Niederlage. Trotz alledem kannst du gerettet werden (...); es hängt nicht von dir ab. Es ist stets Gottes Entscheidung gewesen."

Vielleicht liegt im Einbekenntnis, dass es etwas gibt - nennen wir es bequemlichkeitshalber Schicksal -, dem kein Mensch gewachsen sein kann, ja ein Funken von Humanität. Es gibt einen Punkt, an dem sogar der Altruismus ein mörderisches Antlitz zeigt. Glücklich, wer nie so weit gelangt - das den Philosophen des Ernstfalls ins Stammbuch geschrieben.

Klaus Nüchtern in FALTER 40/2001 vom 05.10.2001 (S. 67)


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