Alle, alle lieben dich

von Stewart O'Nan

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Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.01.2009

Rezension aus FALTER 5/2009

Ein Gesang für die Vermissten

Unter den Kollegen in seiner Liga (und das sind nicht viele) ist Stewart O'Nan vielleicht der amerikanischste. Diese Vermutung drängt sich jedenfalls auf, wenn man das Schicksal der deutschen Übersetzungen betrachtet: "A Prayer for the Dying" (1999) mutierte zu "Das Glück der anderen"; "Songs for the Missing" (2008) ist nun unter dem Titel "Alle, alle lieben dich" auf den Markt gekommen, und "The ­Names of the Dead" (1996) ist nach wie vor unübersetzt. Ja selbst O'Nans Opus magnum, der denkbar schlicht betitelte Familienroman "Wish You Were Here" (2002), erfährt eine Entpersonalisierung, die durch Exotismus kompensiert wird: "Abschied von Chautauqua".

Alles, was mit Sterben und Verlust zu tun hat, wurde getilgt. Oder sollten es die religiösen Anklänge, die "Gebete" und "Gesänge" sein, die dem Rowohlt Verlag im ach so aufgeklärten und säkularen Deutschland änderungsbedürftig schienen?
Aber es hat wohl schon seine höhere Richtigkeit: Einer wie O'Nan ist als deutsch(sprachig)er Autor schwer denkbar. In "Ganz alltägliche Leute" ("Every­day People", 2001) beschreibt er das Leben in East Liberty, einem armen Schwarzenviertel seiner Heimatstadt Pittsburgh. Würde sich ein weißer deutscher Mittelstandsautor der türkischen Community in, sagen wir, Neukölln annehmen, würde er vermutlich eine breite Debatte über Authentizität und Legitimität seines Unterfangens auslösen.
O'Nan aber ist weniger an der Gesellschaft als vielmehr an der Gemeinschaft interessiert. Auch das ist möglicherweise ziemlich amerikanisch. Kommunitaristisches Gedankengut hat in den Staaten eine andere Wirkungsmacht als im alten Europa, und der Begriff selbst ist hier spätestens durch die "Volksgemeinschaft" in argen Misskredit geraten.

Ehe, Familie, Nachbarschaft, Suburbia – all diese Instanzen werden von O'Nan weder beschönigt oder gar verherrlicht noch entlarvt oder dekonstruiert, sondern schlicht vorausgesetzt. Apotheose oder Abschaffung sind keine Alternativen, es geht ihm allein darum, wie sich die Menschen verhalten, woher sie die Kraft nehmen weiterzumachen (siehe Interview auf Seite 28). "Eine gute Ehefrau" ("The Good Wife", 2005) ist ein völlig unironischer Titel und erzählt davon, wie die Titelheldin 28 Jahre lang darauf wartet, dass ihr wegen Mordes (im Zuge eines schiefgelaufenen Einbruchs) verurteilter Mann wieder aus der Haft entlassen wird.
Mord und Totschlag, Krankheit und Katastrophe waren O'Nans Themen von Anfang an. Insofern wahrte er stets eine gewisse Nähe zum Horrorgenre, dem er mit der aus der Sicht dreier tödlich verunfallter Buben erzählten Gespenstergeschichte "Halloween" ("The Night Country", 2003) am nächsten kam.
"Das Glück der anderen" handelt von einer historisch verbürgten Diphtherieepidemie, die eine Kleinstadt in Angst und Schrecken versetzt – genauso wie der große Zirkusbrand vom 6. Juli 1944, der 167 Bewohner von Hartford, Connecticut, das Leben kostete. O'Nan ist den Auswirkungen der größten Katastrophe des Bundesstaats in dem penibel recherchierten Sachbuch "Der Zirkusbrand" ("The Circus Fire", 2001) bis in die Gegenwart gefolgt.

Den absoluten Horror aller Eltern hat O'Nan dem jüngsten seiner zusehends leiser werdenden Bücher zugrunde gelegt. Im Juli 2005 verschwindet die 18-jährige Kim spurlos. Ein Gewaltverbrechen wird schnell vermutet, bleibt aber lange ungewiss. Familie und Freundeskreis geraten unter beträchtlichen Druck. Aus wechselnder Perspektive schildert der Roman, wie die Protagonisten mit ihm fertig werden (was auch immer das heißt). Verzweiflung und Verdrängung, Verrat und Versöhnung hängen in der Luft, aber es fällt auch jede Menge Verwaltungsaufwand an. Das Leben nach und mit der Katastrophe produziert seine eigene Normalität. Von ihr erzählt Stewart O'Nan: fast beiläufig und doch präzise, unsentimental und doch voller Empathie.

Klaus Nüchtern in FALTER 5/2009 vom 30.01.2009 (S. 29)


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