Mason & Dixon

von Thomas Pynchon, Udo Göttlich

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Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Thomas Pynchon greift in seinem jüngsten Roman "Mason & Dixon" auf Altbekanntes und alte Bekannte zurück.

Das zweite Grundgesetz der Thermodynamik ist Thema und strukturelle Dominante von "Gravity's Rainbow", Thomas Pynchons Roman über den Zweiten Weltkrieg. Es besagt im Wesentlichen, dass jedes System das Bestreben hat, sich immer höher zu organisieren, und schließlich einen Grad an Komplexität erreicht, ab dem es zerfällt. Als Metapher für diesen Prozess wählte Pynchon die V2-Rakete, die mit der Erzählung bis zu ihrem Zenit hochschießt und auf deren Einschlag der Leser am Ende wartet. In seinem neuen Roman "Mason & Dixon" führt Pynchon die Erzählung über den Scheitelpunkt der Raketenflugbahn hinaus in den Weltraum: Die beiden englischen Astronomen Mason & Dixon blicken in die Sterne. Mithilfe ihres kosmologischen Rüstzeugs erfüllen sie eine irdische Aufgabe, die Berechnung einer Grenze zwischen den Staaten Pennsylvania und Maryland. Die "Mason-Dixon-Line" wurde zur Bruchstelle der amerikanischen Geschichte, an ihr schieden sich Nord- und Südstaaten. In Pynchons Roman "lesen" Mason & Dixon ihre Linie aus dem Kosmos – das Universum selbst teilt Amerika in seine unversöhnlichen Teile. Es ist die Geschichte von der Vermessung der Erde über den Umweg in den Himmel und mithilfe des Himmels.
Mason & Dixon begegnen einander bei den Vorbereitungen einer Reise nach Sumatra zur Beobachtung eines Venus-Durchgangs. Nach einigen Verwicklungen, zu denen auch eine Seeschlacht gehört, landen sie schließlich in Kapstadt unter Holländern und deren zahlreichen Frauen, in einem veritablen Venusberg mithin, gegen dessen Verführungen sich die beiden tapfer wehren. Im Verlauf ihrer gemeinsamen Tätigkeit entwickeln sie sich zu einer Art Stan & Ollie der Kosmologie. Ständig liegen sie miteinander im Streit und kommen doch nicht voneinander los.
Erzählt wird die Geschichte von einem gewissen Revd, der die beiden in Kapstadt und schließlich in Philadelphia getroffen hat, wohin Mason & Dixon zur Vermessung der Grenze zwischen Pennsylvania und Maryland beordert wurden. Der Revd spricht das typisch pynchonsche Idiom: endlos lange Sätze mit eingesprengten Floskeln, Schimpfwörtern, Namen und selten gebrauchten Eigenschaftswörtern.
Statt der V2-Rakete aus "Gravity's Rainbow" bietet uns der Autor diesmal eine Kutsche als Transportmittel. Schon am Beginn der Reise kommt die erste aus früheren Werken vertraute Figur in Sicht, Seaman "Pig" Bodine im Kostüm des 18. Jahrhunderts. Ihm folgt der denkende Hund aus "Gravity's Rainbow", der diesmal sogar sprechen kann. Wir hören Pynchons Lieder und lesen von merkwürdigen Begebenheiten – es ist wie in "Gravity' s Rainbow", nur langatmiger. Pynchons Kunst ist dafür bekannt, eine Unmenge an Detailwissen in unterhaltsame Sätze zu packen und auf diese Weise eine ungewöhnlich dichte Atmosphäre zu schaffen. Gespannt folgt man den verschlungenen Pfaden der Handlung, obwohl sich diese nie zu einem Plot verknüpfen, sondern immer weiter auseinander laufen. Hinter all den Details spürt man die imaginative Kraft des Dichters, die einen durch alle Nebensätze und Nebensächlichkeiten treibt. Auch in "Mason & Dixon" gelingen dem Autor immer wieder eindrucksvolle Szenen. Aber es scheint, als habe ihn seine imaginative Kraft verlassen, seine Detailbesessenheit wird zum Selbstzweck. In einem eingeschneiten Wirtshaus bei Philadelphia lernen wir zum Beispiel eine mechanische Ente kennen, die plötzlich zu fliegen gelernt hat und einen französischen Koch verfolgt. Sie erinnert an Byron, die unsterbliche Baby(glüh)birne aus "Gravity's Rainbow". Babybirne Byron wurde durch die witzige Erzählung seiner Gedanken lebendig, die mechanische Ente wirkt im direkten Vergleich nur wie ein müder Abklatsch.

Am ehesten gleicht "Mason & Dixon" einem Roadmovie, in dem die Reisenden mit zurückgelegtem Kopf auf die Sterne starren. "Schon deutet ein stummer Geselle in dunkler Livree an, dass es an der Zeit sei, die Kutsche wieder zu besteigen und die Reise fortzusetzen. Überdies wird der Wagen lange vor seiner Bestimmung jäh zum Stehen kommen ... von Furcht beklommen werden wir den Schlag öffnen, um uns mit dem Kutscher zu besprechen, und feststellen, dass es keinen Kutscher gibt ... keine Pferde ... nur den bereits dahinschwindenden Wagen und eine Prärie von verzweifelter Unermesslichkeit ..."
Verzweifelte Unermesslichkeit – darauf läuft es in Pynchons jüngstem Roman hinaus: Wir blicken auf ein Universum, in dem sich Tausende kleiner Energieimpulse entladen, ohne dass es jemals wirklich kracht oder ein Blitz die Szenerie erhellt. "Mason & Dixon" – ein verglühender literarischer Meteoritenhagel.

Christian Zillner in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 10)


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