Die bezaubernde Florentinerin

von Salman Rushdie, Bernhard Robben

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Rowohlt Berlin
Erscheinungsdatum: 18.03.2009

Rezension aus FALTER 18/2009

Worum geht es eigentlich in Salman Rushdies Romanen? Im Grunde erzählt der Anglo-Inder pakistanisch-kaschmirischer Herkunft lauter "Paradise Lost"-Geschichten, Geschichten vom leider verlorenen Paradies der multiethnischen Mischungen, in dem die Menschen ursprünglich in interkultureller Pluralität zusammenlebten – friedlich, konfliktfrei, glücklich, tolerant, synkretistisch. Diese Idylle der Integration ist zerstört (sofern es sie je gegeben hat), doch die Sehnsucht danach befeuert Rushdies Romane ein ums andere Mal.
Ost trifft West, und West trifft Ost: Auf diese Kurzformel lassen sich seine Prosaerzählungen bringen, von seinem gefeierten (und immer noch besten) Roman "Mitternachtskinder" über "Des Mauren letzter Seufzer", das Hohelied der Orient-Okzident-Verschmelzung, das in den 1990er-Jahren, zur Boomzeit des multikulturellen Überschwangs, als Leselabsal gerade recht kam, bis hin zu "Shalimar der Narr", der Wehklage um das verschwundene Eden namens Kaschmir.

Die Trauer um verlorene Paradiese verführt zum Märchenton. Salman Rushdie gibt dieser Verführung neuerdings immer ungehemmter nach. Im "Es war einmal"-Modus beschwört er einen fiktiven einstigen Glückszustand, als die Kulturen des Ostens und des Westens sich innig mischten, in seligen indoeuropäischen Amalgamierungen. Dabei wusste Rushdie es schon einmal besser und anders: Die "Satanischen Verse" etwa sind außer ein lebensgefährliches Ayatollah-Ärgernis vor allem eine Auseinandersetzung mit den tragischen Identitätskonflikten und Ichspaltungen von Migranten, die zwischen Anpassungszwängen und Ausgrenzungen hin und her taumeln, als verunsicherte und nirgends zugehörige Wanderer zwischen den Kulturen.
Damals, vor 20 Jahren, hielt Rushdie noch fest, dass Migration meist wenig mit dem Glück multikultureller Selbstintensivierung und der Lust an der Bereicherung durch hybride Mischungen zu tun hat, aber viel mit dem Leiden am Selbstverlust in der Fremde.
Davon scheint der Autor heute nicht mehr viel wissen zu wollen. Inzwischen geadelt und damit im Oberhaus der englischen Literatur angekommen, gibt sich Sir Salman in seinem jüngsten Roman "Die bezaubernde Florentinerin" einer märchenhaften Verklärung von Geschichte hin, indem er das Florenz der Medici und das Indien der Großmoguln aufeinandertreffen lässt, um sein Lebensthema ein weiteres Mal schwelgerisch zu feiern: den Traum von der kulturellen Melange aus Orient und Okzident. Diesmal spinnt er sein fantastisches Garn um fabelhafte Kulturkontakte zwischen Fatehpur Sikri, der rosig-güldenen, kurzlebigen Residenzstadt des Großmoguls Akbar, und dem Florenz der Hochrenaissance.
Florenz und Fatehpur Sikri im 16. Jahrhundert sind als wechselseitige Spiegelungen arrangiert: Sie sollen nicht zeigen, wie fremd, sondern vielmehr veranschaulichen, wie ähnlich die beiden Kulturen einander sind. In beiden Städten herrscht künstlerischer, intellektueller und politischer Hochbetrieb. Auch der Hedonismus und die sinnliche Hochstimmung sind hier wie dort ähnlich: In beiden Städten wird eine überzüchtete Kurtisanenkultur gepflegt, und in der Gestalt der gebildeten Hetäre kann Rushdie sein besonderes Interesse – seine Faszination und zugleich seine Verachtung – für erotisch mächtige Frauen am zweideutigsten feiern.

In diesem Roman werden zwei große ­Reisen unternommen. Die erste führt eine Mogulprinzessin aus dem Orient immer weiter nach Westen, über Persien und Italien bis in die Neue Welt. Ein halbes Jahrhundert später, in den 1570er-Jahren, reist ein blonder, junger Florentiner, der sich Nicco­lò Vespucci nennt, aber auch andere ­Namen trägt, in die Gegenrichtung: Seine Reise führt von Italien nach Indien, wo er sich Zugang verschafft zum Hof des Kaisers ­Akbar in Fatehpur Sikri, mit der Behauptung, er sei der Sohn jener verschollenen Prinzessin – und daher mit dem Herrscher verwandt, nämlich dessen leibhaftiger Onkel.
Der junge Mann in seinem buntscheckigen Zaubermantel (oder Narrenkleid?) ist ein Gaukler, Magier, Betrüger, Scharlatan, Märchenerzähler, kurz: ein Künstler, Fabulierer und Fantast, ein Genie der Sprache und der Erfindung (auch der Selbsterfindung); und es gelingt ihm sofort, Kaiser Akbar mit seinen abenteuerlichen Geschichten über die verschollene Prinzessin zu bezaubern und für sich einzunehmen – eine männliche Scheherazade.
Akbar seinerseits ist ein mal grausamer, mal menschenfreundlicher Despot, ein Philosoph auf dem Thron, ein Melancholiker, Grübler und Skeptiker, der davon träumt, sein Reich harmonisch zu ­regieren, im friedlichen ­Nebeneinander aller Reli­gionen und Ethnien. So antwortet bei Rushdie auf das Florenz der Renaissance mit seinen wilden, skrupellosen und kriegerischen Machtmenschen eine ganz andere Renaissance im Orient, in der Gestalt des aufgeklärten und toleranten Mogulherrschers.

Der deutsche Titel verfälscht übrigens das Thema und den Anspruch von Rushdies Roman: "The Enchantress of Florence" handelt keineswegs von einer bezaubernden oder sonst wie charmanten Florentinerin; vielmehr ist Rushdies Titelheldin eine in allerlei Zauberkünsten bewanderte, Männer verhexende, über alle Maßen schöne indische Prinzessin, eine Nachfahrin von Dschingis Khan und Vorfahrin von Kaiser Akbar. Sie tritt erst unter dem Namen Qara Köz (Prinzessin Schwarzauge) auf; im Westen nennt sie sich dann Angelica, und sie ist eine Femme fatale und Abenteurerin – weniger aus eigenem Antrieb als vielmehr aus Überlebenskalkül.
Sie gibt sich jeweils dem erfolgreichsten Kriegsherrn hin, der sie zu erobern weiß. Ihre Karriere als erotische Trophäe führt sie von Indien an die Seite des Schah von Persien und über das Osmanische Reich ins Florenz der Medici. Dorthin ist sie ­einem Glücksritter und Freund Machiavellis gefolgt, und dort schlägt sie zeitweilig die ganze Stadt in ihren Zauberbann –
was sie aber noch lange nicht zur bezaubernden Florentinerin macht. Ihre Spur verliert sich schließlich im neuentdeckten Amerika.

Unschwer zu erkennen: Diese Heldin ist eine fleischgewordene Männerfantasie, wie man sie aus Rushdies Romanen gewöhnt ist. Der Autor zeichnet Frauen nie als autonome Gestalten, sondern stets aus männlicher Traum- und Albtraumperspektive – als überlebensgroße und übermächtige, fast schon burleske Sehnsuchts- oder Angstklischees, als Zauberinnen, Verführerinnen, Verderberinnen, solange sie jung sind, und, wenn ihre erotische Faszination nachlässt, als Furien und alte Hexen, bestenfalls als königliche Vetteln.
Rushdie möchte seinem Buch das Gepränge eines historischen Romans geben, indem er allerlei Prominenzen der Epoche auftreten lässt – von Andrea Doria über Niccolò Machiavelli und Amerigo Vespucci bis zu den Medici-Herrschern, einschließlich des Medici-Papstes Leo X. Sogar Vlad der Pfähler, das blutrünstige siebenbürgische Ungeheuer, treibt am Rande sein Unwesen.
Andererseits bekommt man es mit einem solchen Übermaß an märchenhaften Kinkerlitzchen zu tun, dass man sich fast an "Harry Potter" erinnert fühlt: Es wimmelt nur so von Zaubertränken und -kräutern, von magischen Spiegeln, Hexenflüchen, bösen Omina, düsteren Prophezeiungen, Liebestränken, Wundersalben und -parfüms. Auch Rushdies erdachtes Romanpersonal – all diese Albino-Riesen und bösen Königinnen, Giftmischerinnen und intriganten Eunuchen – scheint eher den Märchen- als den Geschichtsbüchern verpflichtet. Kurzum: "The Enchantress of Florence" ist allenfalls eine historische Romanze, aber kein historischer Roman geworden.
Historischer Roman und historische Romanze vertragen sich bekanntlich schlecht – umso weniger, als Rushdie sich nicht recht entscheiden kann, welche Erzählhaltung er nun eigentlich einnehmen will. Der historische Roman legt ihn fest auf die italienische Renaissance, eine leider sehr gründlich erforschte, bestens bekannte und literarisch überreich belegte Epoche, die der frei schweifenden Fantasie nicht allzu viel Raum lässt.

Die Romanze hingegen braucht das Aroma
der Fantastik, den erzählerischen Pomp, das dekorative Geschnörkel, das Brimborium der einander überbietenden Ein-
fälle, den exotischen Märchenton; sie drängt den Autor zu mancherlei bizarren Ab- und Ausschweifungen, zu bombastischer Rhetorik, zu allerhand kitschigem, orientalisierendem Schnickschnack. Letztlich landet Rushdie bei einem Mix aus Ariosts "Rasendem Roland" und Bollywood in Breitwand und Technicolor. Da die Hyperbel ohnehin das ständige Idiom dieses Autors ist, frönt er naturgemäß auch diesmal seinem Hang zur exotisch opulenten Prunkrede. Dass sich der Leser daran überfressen könnte, hat Rushdie noch nie gekümmert.

Sigrid Löffler in FALTER 18/2009 vom 01.05.2009 (S. 28)


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