Irma

von Tex Rubinowitz

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Illustrationen: Max Müller
Verlag: Rowohlt
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 06.03.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Nena, U4, Watzmann und Teelichter

Alterswerk eines ewigen DJs: Bachmannpreis-Gewinner Tex Rubinowitz wartet in "Irma" darauf, dass es endlich losgeht

Spoilern ist eine üble Sache, aber es muss sein: Irma gibt es nicht. Gab es nie und gibt es nicht, zumindest nicht im Leben von Tex Rubinowitz. Das hält Irma nicht davon ab, ihm eine Freundschaftsanfrage via Facebook zu schicken. Vor 30 Jahren hat er sie im U4 aufgegabelt, dann hat sie kurz bei ihm gewohnt, Sex gab es aber nur, um ihre prämenstruellen Krämpfe zu lösen.
Das ist der Anfang von "Irma", dem Überraschungsgewinnertext der Tage der deutschsprachigen Literatur 2014, im Volksmund bekannt als Bachmannpreis. Keine komplizierte Prosa einer Nichtmuttersprachlerin, nichts metaphorisch Aufgeladenes über den Untergang des Stalinismus oder traumatische Erlebnisse während der Kindheit.
Einfach ein witziger und zugleich berührender Text über Irma, die vor dem Fernseher sitzt, Tierdokus schaut, an Batterien nuckelt und sich über den Autor lustig macht, der derweil in der Küche sitzt und einen Text schreibt, über eine Irma, die vorm Fernseher sitzt, Tierdokus schaut und an ...
Zehn Minuten hat Rubinowitz damals daraus vorgelesen, beiläufig, als hätte er sich das alles gerade ausgedacht, die Teilnahme am Wettbewerb und den Text selbst, um am Ende souverän den Preis abzuräumen. Und mit der gleichen Haltung hat er die Geschichte nun weitergesponnen, sie zu einem Buch ausgebaut, mit einer Irma, die es gar nicht gibt, am Anfang, und einem Lektor, der ihm sagt, dass das so nicht geht, zum Schluss.

Beiläufig liest sich das, scheinbar unstrukturiert, eine wilde Aneinanderreihung von Jugenderinnerungen, Frauen mit seltsamen Namen und viel Musik. Das Buch ist ein atemloser Trip in die Vergangenheit, die wir alle kennen, mit "Wir waren jung in den 80ern"-Klischees, inklusive Watzmann, Nenas Achselhaaren, selbstgedrehten Zigaretten und "Tee, aufgebrüht mittels einer Art brauner Socke in einem Tongeschirr, das auf einem kleinen, von einem sogenannten Teelicht beheizten Miniofen stand".
Mit knapp über 50 legt Tex Rubinowitz sein Alterswerk vor, das Alterswerk eines Multitalents oder, besser gesagt: eines Menschen, der sich nie festlegen wollte, was er sein will, oder vielleicht auch nie entscheiden konnte, was er ist. Es ist der Rückblick auf ein Leben, das mehr oder weniger bedeutungslos dahinrauscht, mit banalen Erinnerungen wie "erster Kuss, erste Eins, erste Fünf, erste Uhr, erste Wespe in der Coladose, erstes chinesisches Essen, erste Platte. (...) dieses Warten darauf, dass es endlich mal losgeht, egal was."
Jetzt sind wir über 50, immer noch DJs, tragen blauweiß gestreifte T-Shirts und Turnschuhe, hängen im Alt Wien rum und nehmen uns nicht ernst. Es geht wohl nicht mehr viel los, aber es ist okay.
Wer gerne einen richtigen Roman lesen möchte, mit einer Identifikationsfigur, einem Anfang und vielleicht sogar einer Pointe am Ende, der sollte die Finger von "Irma" lassen. Wer das alles aber nicht so ernst nimmt – nicht sein eigenes Leben oder das seiner Mitmenschen, nicht die Erinnerung daran und die Literatur darüber –, der wird großen Spaß haben: mit Tex Rubinowitz' Lebensgeschichte, die auf einer Irma aufbaut, die es nicht gibt.
Wahrscheinlich gibt es auch keinen Tex Rubinowitz – oder zumindest nicht das, was er als sein Leben beschreibt.

Petra Hartlieb in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 9)


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