Der Mensch
Eine Karriere

von Wolf Schneider

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.10.2008

Rezension aus FALTER 45/2008

Wenn Samenbanken im Permafrost auftauen

Wenn wir die Geschichte der Menschheit gleich 24 Stunden setzen, dann wäre der Homo sapiens sapiens um 23.28 Uhr in Erscheinung getreten, und Christi Geburt wäre auf 100 Sekunden vor Mitternacht gefallen. So kurz ist die Zeitspanne, in der wir aufgeregt herumfuchteln, als ob sie Weltgeschichte wäre", schreibt Wolf Schneider eingangs zu seinem neuen Buch, in dem er sich aufmacht, "den Roman der Menschheit zu erzählen – die atemberaubende Geschichte, wie aus einem Häuflein überdurchschnittlich begabter Affen der Herr der Erde wurde."
Das ist eine literarisch wie wissenschaftlich komplexe Herausforderung, der sich bislang vor allem angloamerikanische Sachbuchautoren wie Bill Bryson mit seinem Bestseller "Eine kurze Geschichte von fast allem" gekonnt gestellt haben. Wolf Schneider ist als Nestor des deutschen Qualitätsjournalismus dazu ebenso berufen: Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Washington, Verlagsleiter beim stern, Chefredakteur der Tageszeitung Welt, Leiter der Hamburger Journalistenschule und Autor von 28 Sachbüchern. Für seine Leistungen auf dem Gebiet der Sprachpflege und Sprachkritik wurde Schneider mit dem "Medienpreis für Sprachkultur" ausgezeichnet.
Hier aber will er auf – für diese Aufgabe recht knappen – 500 Seiten eine Geschichte und Analyse der Menschheitsgeschichte schreiben, für die der Geschichtsphilosoph Arnold J. Toynbee in seiner herausragenden Studie über den Aufstieg und Fall der Zivilisationen zwölf Bände benötigt hat. Das Buch beginnt mit den unwahrscheinlichen astrophysikalischen Rahmenbedingungen für die Existenz von Leben auf unserem Planeten und der Evolutionsgeschichte des "lästigen Spätlings" Mensch. Schneider gibt einen sehr allgemeinen Stand der wissenschaftlichen Diskussion dazu wieder und tappt auch in die Popularisierungsfalle, wenn er evolutive Prozesse anhand schmaler Hüften beim "deutschen Fräuleinwunder" erklären will.
Das zweifellos schwierige Unterfangen, die unterschiedlichen Blickwinkel wie menschliche Entwicklungsgeschichte, historisch-politische Zusammenhänge, Umweltprobleme und rückblickende Zukunftsprognosen kompakt und noch lesbar darzustellen, mündet in kleinen Unschärfen und falschen Vereinfachungen. Wenn der Autor schreibt, "zu entdecken gibt es längst nichts mehr auf dieser Erde", dann blendet er den jüngst begonnenen politischen Kampf um polare Unterwasserregionen und die rezenten Neuentdeckungen von Wirbeltieren in den Urwäldern ­Asiens und Südamerikas einfach und einfachheitshalber aus. Auch bei der Sesshaftwerdung des Menschen und der Entwicklung der Agrargesellschaften entspricht seine Darstellung einer Überflussgesellschaft, die es sich aufgrund von jagdlichen Erfolgen leisten konnte, für längere Zeit an einem Ort zu verweilen, nicht dem Stand der Wissenschaft. Vielmehr waren die Frühmenschen durch Ressourcenmangel gezwungen, die Mühsal der Flächenbewirtschaftung aufzunehmen.
Der darauffolgende Abriss zur Kolonialisierung der Erde und den damit verbundenen gewaltsamen Menschenverfrachtungen ist – und das gilt für das ganze Buch – in geschliffener und eleganter Sprache verfasst, aber – und auch hier gilt pars pro toto – der Text erhebt sich nie wirklich über eine Beschreibung der jeweiligen Entwicklungen und lässt die viel spannendere Analyse der Ursachen und Zusammenhänge vermissen.
Wenn das Buch in der unmittelbaren Gegenwart ankommt, dann ist es stellenweise schwer nachvollziehbar, welche Positionen sich ein gebildeter Humanist wie Schneider zu eigen macht: Die internationalen Positionen zum Klimawandel hält er für eine "Übertreibung", "weltfremd" sind für ihn die politischen Bemühungen, der Klimaerwärmung entgegenzutreten, und die Zunahme von Naturkatastrophen wischt der Autor mit dem Argument " gab es schon immer" vom Tisch.
Ganz aufs Niveau der Diskussion an den Bierstammtischen begibt sich Schneider, wenn er den globalen Temperaturanstieg dem Frösteln der Mitteleuropäer gegenüberstellt: "An Kälte sind bisher mehr Menschen als an Hitze gestorben." Dann zieht er den nicht unumstrittenen dänischen Buchautor Björn Lomberg heran, der von der "Klimalüge" spricht. Auch zum Thema Naturschutz fällt dem Autor nicht mehr ein, als das norwegische Projekt einer Samenbank im Permafrost auf Spitzbergen als Leistung der menschlichen Zivilisation darzustellen. Dumm daran ist nur, dass in diesem Sommer aufgrund der globalen Erwärmung der Permafrostboden dort so weit aufgetaut ist, dass nun doch eine energiebetriebene Kühlung notwendig wird. Auch zur Atomenergie wird im Buch eine unhaltbare Position vertreten: "Billiger, mit weniger Luftverschmutzung, mit weniger Verunstaltung der Erdoberfläche können wir Energie nicht haben." Da will Schneider wohl auf beiden Augen blind sein.
Spätestens im letzten Viertel des Buchs gleitet der Text in einen von subjektiver Empirie gefärbten Essay ab, der das ursprüngliche Ziel, einen Roman der Menschheit zu erzählen, nicht mehr weiterverfolgt, sondern sich mit brachialer Kausalität manchmal auch unter dem Niveau des Wirtshaustisches bewegt: "Ja, so sind wir: Schnitzel essen, aber um Gottes willen nicht ins Schlachthaus gehen."
Lösungen für die umfassend aufgezeigten Menschheitsprobleme bekommt der Leser auch auf den letzten 100 Seiten nicht zu lesen. Womit wird man nach vielen Seiten schöner Sprache entlassen: "Leben lohnt sich. Tun wir was, damit die Erde denen, die nach uns kommen, noch eine Weile eine Bleibe ist." Bloß, wie das funktionieren soll, will Wolf Schneider uns in diesem Buch nicht sagen.

Peter Iwaniewicz in FALTER 45/2008 vom 07.11.2008 (S. 22)


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