Die Wahrheit über die Lüge
Warum wir den Irrtum brauchen und die Lüge lieben

von Wolf Schneider

€ 20,60
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Verlag: Rowohlt
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 288 Seiten
Erscheinungsdatum: 20.07.2012


Rezension aus FALTER 41/2012

Mogeln und lügen, bis sich die Balken biegen

Sprachpsychologie: Nach 65 Jahren im Dienst der Wahrheit begibt sich Wolf Schneider auf die Spur der Lüge

Mit Falschem beschäftigen wir uns mehr als mit Wahrem. Gegenüber bloß 15 Wörtern für Wahrheit und Ehrlichkeit zählt Wolf Schneider die erstaunliche Anzahl von 130 Wörtern im Reich der Lügen. Da wird geflunkert, geschummelt, gemogelt, Meineid geleistet und verleumdet, bis sich die sprichwörtlichen Balken biegen.
Fließend gestalten sich die Grenzen zwischen Irrtum und Lüge. Und auch bei Letzterer lernen wir Unterschiede kennen: etwa in Form einer vergessenen Vokabel des Renaissance-Philosophen Hugo Grotius: mendacium, die Lüge zur Benachteiligung des Angelogenen, im Unterschied zu falsiloquium, der falschen Rede, der folgenlosen Verbreitung einer Unwahrheit.

Alles, was falsch ist, findet bei Schneider, Journalist und Autor von 28 Sachbüchern zum schreiberischen Handwerk sowie seit spätestens 1995 Parade-Sprachkritiker und -lehrer des deutschsprachigen Journalismus, den rechten Platz.
Entlang der Grenze zwischen versehentlicher Verkennung der Wahrheit und deren vorsätzlicher Verfälschung baut er seine kleine Artenlehre der Unwahrheiten auf. Er beginnt bei den harmlosen, wohlmeinenden Irrtümern unseres Alltags, lässt "törichte" und "zwielichtige" Irrtümer folgen und landet erst erstaunlich spät bei der echten, der vorsätzlichen Lüge.
Für all diese Arten bringt Schneider Beispiele, die er in freier Wildbahn beobachtet hat. Als Journalist hatte er seit 1947 ausreichend Gelegenheit, sie zu sammeln. Wer erinnert sich etwa noch an die Täuschungen von Günter Guillaume? Der DDR-Spion, der 1974 Willy Brandt zu Fall brachte, betrog diesen noch erfolgreich, nachdem er vom westdeutschen Sicherheitsdienst bereits entlarvt worden war.
Daneben hat Schneider einige wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema gesammelt, etwa jene Untersuchung, die zeigte, dass Entscheidungen von Richtern keineswegs nur vom Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit abhängen, sondern zu einem guten Teil davon, wie lange zuvor sie etwas gegessen haben.
Auch Vordenker kommen zu Ehren, etwa Henrik Ibsen mit Betrachtungen über die gesundheitserhaltende Kraft der Lebenslüge. Fleißig recherchiert hat Schneider, doch nicht immer ist er ganz exakt: Bei Fragen der Statistik hätte mehr wissenschaftliche Qualitätssicherung nicht geschadet. Aber den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt dieses locker zu lesende Lügen-Panoptikum sowieso nicht.
Stilistisch eröffnet sich hier ein Eldorado des journalistischen Kunsthandwerks, so kurz, prägnant und bildhaft erzählt Schneider seine Lügengeschichten. Nach 65 Jahren als Journalist – unter anderem beim Stern, bei der Süddeutschen und als Leiter der Hamburger Journalistenschule – zeigt er noch einmal, wie's gehen kann.
Dem Motto Arthur Schopenhauers "Gebrauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge", das er einst seinem Ratgeber "Deutsch für Profis" voranstellte, macht der 87-Jährige alle Ehre. Von Altersmüdigkeit ist da nichts zu merken – eher von gelassener Verschmitztheit, mit der ein Großmeister auf die Wirren der Welt zurückblickt – und vor allem auf ihr Irren.
Als Rezensent sucht man oft lange
nach geeigneten Zitaten, die dem Buchbesprechungs- und potenziellen Buchleser eine geeignete Kostprobe geben können, ohne dass man diese eine halbe Seite lang erklären müsste. Schneiders Lügenbuch quillt über von solchen zitablen Aphorismen.
Teils beruft er sich auf ältere Bonmots zum Thema, wie etwa auf die angeblich irische Kaufmannsregel: "Das Geheimnis des Geschäftserfolgs ist Ehrlichkeit. Wer die vortäuschen kann, ist ein gemachter Mann!" Teils steuert er eigene Zuspitzungen bei: "Die Irrtümer in unseren privaten Vermutungen über die Zukunft nennen wir Erwartungen; die veröffentlichten Irrtümer über die Zukunft nennen wir Prognosen."

Auch zu aktuellen Übertreibungen liefert er treffende Analysen. So stellt er etwa zum Phänomen Burnout fest, dass dieses "einen gewissen sozialen Rang erworben hat, und das noble Etikett mit seiner Aura von Kernphysik, Wall Street, unerhörter Wichtigkeit verführt dazu, es sich wie einen Orden anzuheften". Ein wenig lang wird's lediglich bei den immer wieder eingestreuten Aufzählungen, etwa der Liste aller landläufigen Arten von Aberglauben.
Als Fazit stellt Schneider die Unwahrheit in ihren bunten Formen unter Naturschutz. Ingeborg Bachmanns Diktum, dass die Wahrheit dem Menschen zumutbar sei, widerspricht er klar: "Die totale Ehrlichkeit wäre eine Last, unter der die Menschheit zusammenbrechen würde." Man kann davon ausgehen, dass sich die meisten Menschen seiner Meinung anschließen würden. Wenn sie ehrlich wären.

Andreas Kremla in FALTER 41/2012 vom 12.10.2012 (S. 41)


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