Drachen, Doppelgänger und Dämonen
Über Menschen mit Halluzinationen

von Oliver Sacks

€ 23,60
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Übersetzung: Hainer Kober
Verlag: Rowohlt
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Angewandte Psychologie
Umfang: 352 Seiten
Erscheinungsdatum: 08.03.2013


Rezension aus FALTER 11/2013

Macht ein Delirium Spaß? Und ist es informativ?

Neurologie: Oliver Sacks legt ein weiteres faszinierendes Buch vor. Es handelt von Menschen mit Halluzinationen

Im Sommer 1966 begann der britische Neurologe Oliver Sacks mit Migränepatienten in einer New Yorker Klinik zu arbeiten, was ihn überaus interessierte und in der Hoffnung auf "Intensivierung dieser seelisch-geistigen Höhenflüge" zu Amphetaminen greifen ließ. Schon davor hatte er erkenntnisgetriebene Drogenselbstversuchen gemacht: mit Cannabis und LSD, Meskalin und Prunkwindensamen, Medikamentencocktails und Morphium.
Dabei hatte er etwa eine befreundete Psychoanalytikerin für eine Kopie ihrer selbst gehalten, 96 Stunden lang seine Mitmenschen als insektenäugige Monster und seinen Kaffee grün-lila wahrgenommen oder mit einer Spinne an der Küchenwand über analytische Philosophie geredet.

Drogen und Hirnforschung
"Würde ein Delirium Spaß machen? Oder informativ sein? Würde man noch in der Lage sein, die anomale Arbeitsweise des eigenen Gehirns zu beobachten – und seine magischen Veränderungen zu würdigen?" Auf die Fragen, die der junge Sacks sich stellte, fand er unterschiedliche Antworten. Dass er es mit den Drogen übertrieben und es damals auch mit heftigen inneren Konflikten zu tun hatte, räumt der große britische Neurologe und Schriftsteller in der Rückschau bereitwillig ein.
Doch zuvor hatte Sacks 1967 noch ein amphetamingesteuertes Leseerlebnis von großer Tragweite. Vollkommen high las er das Buch eines viktorianischen Mediziners namens Liveing über Migräne und fragte sich schließlich, wer von den Wissenschaftlern der Gegenwart mit einer vergleichbaren "Mischung aus naturwissenschaftlichen Kenntnissen und humanem Engagement" ausgestattet war, um der "Liveing unserer Zeit" werden zu können? "Und plötzlich sagte eine sehr laute innere Stimme zu mir: ‚Du blöder Sack! Du bist der Mann!'"
Es ist das Heurekaerlebnis des Oliver Sacks und eine der rührendsten Szenen in seinem neuen Buch "Drachen, Doppelgänger und Dämonen. Über Menschen mit Halluzinationen". Das Grandiose an diesem wie auch an allen anderen von Sacks' Büchern ist, dass er ständig aus seinem riesigen Reservoir an Wissen schöpft und Querverbindungen nach dorthin und dahin herstellt, während er freundlich, teilnahmsvoll und klug Fallgeschichte an Fallgeschichte reiht und präzise in medizinhistorische als auch in neueste wissenschaftliche Kontexte bettet.
Wie ein Kaleidoskop eröffnet das Buch das weite Feld der menschlichen Halluzinationen und der sie auslösenden und begleitenden Vorgänge im Gehirn. Die Quellen von Halluzinationen sind vielfältig, und sie stehen gar nicht – wie oft geglaubt und diagnostiziert – meistens in Zusammenhang mit Schizophrenie. Auch ist der Großteil der Menschen, die Stimmen hören, nicht schizophren.
Die meisten Halluzinationen tauchen als Begleiterscheinungen von Migräne, Epilepsie, Parkinson, Narkolepsie, Drogenkonsum oder Verletzungen bestimmter Hirnregionen auf. Sie können Nebenerscheinungen von Medikamenten (oder des Absetzens von Medikamenten) sein, und die allermeisten sind vorübergehend.

Phantomschmerz und Prothesen
In einem der fesselndsten Kapitel des Buches befasst sich Sacks mit Amputationen, Phantomgliedern und Phantomschmerzen. Bekannt ist, dass die Aktivität in den Hirnregionen, in denen die Empfindungen und Bewegungen verlorener Gliedmaßen repräsentiert werden, nach Amputationen fortdauert. Deshalb entwickelt praktisch jeder Amputierte ein Phantomglied, also Wahrnehmungen, "die in der Außenwelt nicht vorhanden sind".
Im Unterschied zu anderen Halluzinationen können Phantomglieder willkürlich bewegt werden. Dabei schlüpfen viele Patienten "wie eine Hand in einen Handschuh", wenn sie ihre Prothese anlegen. Doch konnte man lange Zeit nicht erklären, warum Phantomglieder mit der Zeit häufig schrumpfen, sich schmerzhaft verkrampfen, erstarren und die Fähigkeit zu willkürlicher Bewegung verlieren.
Erst in den 1990er-Jahren fand man die Lösung: eine Spiegelbox, in die Patienten so hineinsehen konnten, dass sie die Illusion hatten, wieder beide – zum Beispiel – Arme zu besitzen. Das "visuelle Spiegelfeedback" erlaubte es dem Gehirn, "die erlernte Lähmung zu ‚verlernen'".
Unser Körperbild ist längst nicht so stabil, wie wir immer denken – Sacks' faszinierendes Buch kann diesen Umstand eindrucksvoll belegen.

Julia Kospach in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 44)


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