Der Augenblick der Liebe

von Martin Walser

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Verlag: Rowohlt
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 23.07.2004

Rezension aus FALTER 30/2004

Martin Walser assoziiert in seinem Roman "Der Augenblick der Liebe" zu Theorien und Praktiken von Liebe und Sex im 21. Jahrhundert.

Die Geschichte spielt am Bodensee, ihr Personal, in den besten Jahren, wie man so schön sagt, hat seine wichtigsten Erfahrungen hinter sich mit der Liebe, dem Sex und dem Alkohol, verfügt über Geld, Haus und Segelboot. So ist das eben bei Martin Walser, warum nicht auch in seinem neuen Roman "Der Augenblick der Liebe"? Eigenartig, dass man ihn liest (oder lesen kann), als hätte es all die politischen und moralischen Vorwürfe, auch den spektakulären Wechsel von Suhrkamp zu Rowohlt überhaupt nicht gegeben: An der kleinen Walser-Welt, wie sie im Laufe von bald fünfzig Jahren im Südwesten Deutschlands entstanden ist, ziehen solche Stürme vorbei und machen sich bestenfalls in einem Nebensatz bemerkbar.

Also wieder ein nicht ganz junges Ehepaar, sie makelt erfolgreich Immobilien, er kümmert sich mehr ums Büro. Eines Tages bekommen sie Besuch von einer jungen, attraktiven Dame aus Amerika, die den Herrn des Hauses kennen lernen will, denn der hat vor vielen Jahren zwei Aufsätze über den französischen Philosophen Julien Offray de la Mettrie (1709-1751) publiziert. Auch sie arbeitet über La Mettrie, und wer sich ein bisschen in der Ideengeschichte der Aufklärung auskennt, ahnt, was nun passiert. Für alle anderen: La Mettrie formulierte einen Naturbegriff, der die Materie an die Stelle Gottes setzte und sich den Menschen als Maschine dachte. Daran geht freilich jedes moralische Gesetz zu schanden, und so verbanden sich mit dem Namen La Mettrie schon bald alle möglichen Fantasien erotischer Libertinage.

Die amerikanische Doktorandin also bricht in das Seniorenidyll am Bodensee ein, verführt den Kollegen zum Besuch eines Kongresses in den USA, am Ende kehrt er zu seiner Anna nach Deutschland zurück - das alles ist nicht besonders erwähneswert, weil es schon oft so ähnlich erzählt wurde.

La Mettrie jedoch ist mehr als nur der Katalysator dieser Liebesgeschichte. Walser, der wunderbare Assoziierer, kommt von ihm zu Freud und dessen großen und kleinen Epigonen, versammelt in vielen Nebenhandlungen, wie Liebe und Sex zu Beginn des 21. Jahrhunderts fantasiert, theoretisiert und praktiziert werden: Und am Ende triumphiert der alte La Mettrie, immer noch unterschätzt als der Begründer eines entspannten, aufgeklärten Umgangs mit dem Körper, dessen Materialismus den Körper gerade nicht zur Gerätschaft sexueller Erregung reduziert, der ihn aber auch gegen weltliche und geistliche Moral verteidigt, die Kontrolle über ihn gewinnen will. Unausgesprochen wird in dieser romangewordenen Huldigung an La Mettrie berechtigter Zweifel darüber laut, ob die Aufklärung durch die Psychoanalyse nun tatsächlich gewonnen habe - es gibt Stellen in diesem Buch, da kommt es einem so vor, als läge die Traumdeutung weiter zurück als die quasi selbstorganisierten Organismen La Mettries.

So viel zum Gerüst. Es gibt Stellen in diesem Roman, an denen einen die Angst überfällt, der Erzählstrom könne über die Ufer treten. Aber die sind selten, und auch diesmal muss Walser wieder gepriesen werden für seine Fähigkeit, noch die kleinsten Erschütterungen in einer Figur oder in einer Beziehung wahrzunehmen und in eine zwingende Wendung zu bringen. Diesen Ton, von raunend bis durchgedreht-plappernd, macht ihm bis heute niemand nach. An seinen besten Stellen klärt sich da etwas über den Menschen und seine Verhältnisse auf, wie es prägnanter keiner Psychologie gelingt. Das sind Augenblicke, da triumphiert die Literatur.

Tobias Heyl in FALTER 30/2004 vom 23.07.2004 (S. 55)


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