Retter der Welt

von John Wray, Peter Knecht

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.03.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Klimawandel und Geschlechtsverkehr

Die Welt braucht keinen Retter", sagt Lois Lane in "Superman Returns", und ich bin geneigt, ihr zuzustimmen. Der Rowohlt Verlag, der den Roman "Lowboy" des Amerikaners John Wray in der Übersetzung von Peter Knecht herausbringt, scheint anderer Meinung zu sein. Er nennt das Buch "Retter der Welt". Erzählt wird die Geschichte eines 16-jährigen schizophrenen Burschen namens Will Heller, der aus der Anstalt flieht und sich in der New Yorker U-Bahn herumtreibt. Sein fester Vorsatz ist es, die Welt zu retten.

In der Anstalt unterzogen ihn die Ärzte Behandlungen mit Medikamenten, bei denen es ihm "immer heißer" wurde. Er erblickt darin eine Analogie zur Erwärmung des Weltklimas und fasst einen Plan, wie er die Welt vor Überhitzung bewahren könnte. Dazu braucht er eine Frau, und um die zu finden, macht er sich auf den Weg durch das U-Bahn-System von New York.
Als abgängig gemeldet, wird Will vom afroamerikanischen Polizisten Ali Lateef verfolgt, der eigentlich lieber seinen echten Namen Rufus Lamarck White beibehalten hätte, von seinem Vater jedoch umbenannt wurde. Er verfügt über ein Talent im Aufspüren vermisster Personen, muss sich in seinem Job aber damit abfinden, dass die meisten Fälle ungelöst bleiben. Als ersten Schritt auf seiner Suche nach Will befragt er dessen Mutter.

"Zorn und Zurückhaltung machten Lateef zu einem Einzelgänger", schreibt Wray. Das trifft auch auf Will, seine Mutter und seine Freundin Emily zu. Ihr Einzelgängertum – sie werden im Roman weitgehend ohne Kontext geschildert – macht es schwer, sie einzuordnen. Im Fall von Will ist das besonders irritierend. Ihm fehlt das Umfeld, das seinem Denken und Sprechen den Hintergrund gäbe und vor dem es sich abheben könnte. So fragt man sich beim Lesen von Anfang an, warum es sich bei Will um einen 16-Jährigen handeln soll. Kein guter Anfang.
Zur Errettung der Welt braucht Will, dem ein Leidensgenosse in der Anstalt den Spitznamen "Lowboy" gegeben hat (was eine Art Beistelltischchen bezeichnet), eine Frau. Mit ihr will er "seinen Körper abkühlen" – kurz gesagt: ficken. Als ersten Engel der Erlösung fasst er eine Obdachlose namens Rafa bzw. Heather Covington (als welche sie sich ihm vorstellt) ins Auge. Es funktioniert dann in einem Lüftungsschacht der U-Bahn aber doch nicht. Will redet sich auf den Einfluss von Medikamenten hinaus, außerdem riecht die Dame nicht sehr gut.
Will sinnt also auf eine Alternative und erinnert sich seiner ehemaligen Freundin Emily. Zwar hatte er sie seinerzeit in einem schizophrenen Schub auf die U-Bahn-Gleise gestoßen (was zu seiner Einweisung geführt hat), aber Will hofft, dass Emily mitt- lerweile bereit ist, ihm zu verzeihen. Vor ihrer Schule spürt er sie auf und erklärt ihr sein Anliegen; Emily ist einverstanden. Der Rettungsakt soll in einer aufgelassenen U-Bahn-Station unter der City-Hall stattfinden.
Inzwischen reden Ali Lateef und Frau Heller in langwierigen Befragungen aneinander vorbei. In Ermangelung substanzieller Ermittlungsergebnisse verliebt sich der Polizist in die Mutter. Sie stammt aus Österreich und ist, wie sich allmählich herausstellt, selbst geistig krank, kann es aber besser kaschieren als ihr Sohn. Mit ihrer Hilfe versucht Lateef, den Burschen zu fangen, verfehlt ihn jedoch immer wieder, bis es dann schließlich zu spät ist.

Den Protagonisten fehlt freilich nicht nur der Kontext, sondern auch eine Sprache, die sie voneinander unterscheidbar und als Persönlichkeiten wahrnehmbar machen würde. Emily spricht in Sätzen wie "Mein Gott, Heller, Scheiße, Mann" oder "Mach den Mund weiter auf, lass deine Zunge rüberkommen". Die Behauptung, sie sei etwas ganz Besonderes und anders als Menschen ihres Alters, wird dadurch entschieden untergraben. "Retter der Welt" leidet darunter, dass sein Schöpfer eine originellskurrile Geschichte erfinden wollte und darüber darauf vergessen hat, sich seinen Figuren zu widmen.

Christian Zillner in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 8)


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