Das Geheimnis der verlorenen Zeit

von John Wray

€ 27,80
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Übersetzung: Bernhard Robben
Verlag: Rowohlt
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 736 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.09.2016

Rezension aus FALTER 41/2016

Die Zeit ist eine krumme Gewürzgurke

Auf seinem bizarren Parforceritt durch das 20. Jahrhundert schaut John Wray auch mal kurz in Wien vorbei

New York, 109th Street, Ecke Fifth Avenue, das geräumige Bibliothekszimmer eines verfallenen Stadthauses am gutbürgerlichen Ende des Central Parks. Das Gebäude trägt den Namen „The General“. Als der Protagonist von John Wrays „Das Geheimnis der verlorenen Zeit“ eines Morgens um 8 Uhr 47 erwacht, ist er aus der Zeit gefallen. Wie er dorthin gekommen ist, versucht Walter „Waldy“ Tolliver in Briefen an eine ominöse Mrs. Haven und als verschlungene Familiengeschichte über vier Genrationen und zwei Kontinente hinweg herauszufinden. Der Erzähler hält sich dabei an die von ihm selbst aufgestellte Maxime: „Chronologie ist eine Lüge, eine zweckdienliche Fiktion, Propagandawerk, eine seit Jesu Geburt von einem Interessenkollektiv propagierte Mär.“

Das Ganze beginnt effektvoll: Ottokar Gottfriedens Toula, Gewürzgurkenbauer im mährischen Znojmo und Waldys Urgroßvater, wird im Jahre 1903 auf dem Weg zu seiner Geliebten, der Metzgersgattin Martha, von einem Daimler überfahren. Sein Vermächtnis ist ein durch die Luft fliegender Zettel mit den mysteriösen Worten: „Heute ist es passiert. Die verlorene Zeit. Habt Erbarmen mit uns allen.“ Hunderte Seiten später erkennen Ottokars in Wien studierende Söhne Kaspar und Waldemar, dass ihr Vater ein Jahrhunderträtsel gelöst hat: „Es war eine Gewürzgurke, die den alten Schleimbeutel auf den Gedanken brachte, dass die Zeit krumm ist.“
John Wray, der einen amerikanischen Vater und eine österreichische Mutter hat, versetzt die Frage nach dem Wesen der Zeit, wie sie schon den heiligen Augustinus umgetrieben hat, mit Einstein, Esoterik und Zeitmaschinen in einen rasanten erzählerischen Wirbel.
Einfacher wird die Familiengeschichte der Toulas/Tollivers dadurch nicht. Allein der eindringlich klare Erzählduktus erzeugt den Eindruck, es handle sich bei diesem Fakten und Fiktionen gegeneinander ausspielenden Jahrhundertepos tatsächlich um einen leicht lesbaren Roman.
Das Porträt von Kakaniens Hauptstadt, in dem auch Wittgensteins Salon und Klimt nicht fehlen dürfen, ist zwar bildungsbürgerliche Kulturgeschichte, stellenweise aber dennoch imposant. Selbstredend steht deren politische Atmosphäre im Zentrum: Antisemitismus lag im Wien der 1920/30er-Jahre „wie eine Rauchwolke in der Luft, wie der Moschusgeruch der von Pferden gezogenen Fiaker, und die Wiener sogen ihn mit jedem Atemzug ein; ja, selbst die Juden waren nicht frei davon.“
Als die Brüder Toula von den Erkenntnissen eines Mitarbeiters des Berner Patentamts namens Einstein erfahren, legen sie ihre eigenen Forschungen kurzerhand ad acta; ihre Weg trennen sich. Kaspar heiratet Sonja Silbermann, die Tochter seines Physikprofessors, zeugt die Zwillinge Enzian und Gentian und emigriert in die USA. Bei einem letzten Blick aus dem Zugfenster am Weg nach Genua ziehen „die Alpengipfel wie im Gänsemarsch an ihnen vorbei“.

Die Nazis sind in Europa an der Macht, und Waldemar dient sich diesen mit der obskuren Schrift „Darwins Protokolle: Über die natürliche wie unnatürliche Auslese“ an. Er nimmt an der Wannsee-Konferenz teil und leitet schließlich ein Konzentrationslager in Weißrussland. Nicht zufällig wird er seinem Großneffen Waldy später in New York als Gespenst erscheinen und die provokante Frage stellen: „Wer würde denn seine Vorfahren nicht gerne für ihre Sünden zur Verantwortung ziehen wollen?“ Des Erzählers Großvaters Kasper, der eine Einladung nach Los Alamos zum Bau der Atombombe abgelehnt hatte, vermag im August 1945, nach deren erstem Einsatz seinerseits die Frage „Was haben wir getan, Papa?“ nicht zu beantworten; immerhin beschäftigt er sich von da an nicht mehr mit Physik.
Die Leidenschaft, das Geheimnis der Zeit zu ergründen, teilen auch Enzian und Gentian, die in ihrer geräumigen Wohnung am Central Park legendäre Mittwochabend-Empfänge veranstalten, zu denen „der Abschaum und die Elite Manhattans“ eingeladen werden. Von Aga Khana bis Charles Mingus, Buckminster Fuller und Joan Didion ist alles da, was im New York zwischen 1960er- und 1980er-Jahren Rang und Namen hat. Die beiden erweisen sich als Messies und haben ihre Wohnung mit Tonnen an Tageszeitungen vollgestopft, unter denen sie schließlich vertrocknen.
Last but not least ist da Orson, Waldys Vater, Science-Fiction-Autor und Verfasser eines „Sternenpornos“, der zum Bestseller avanciert und als Inspirationsquelle für die „Kirche der Synchronologie“ dient. Mit ihm kommen der Esoteriker Ouspensky, ein tschechischer Verkäufer von Tarot-Karten, sowie ein Sektengründer und Finanzexperte, der irgendetwas mit dem Scientology-Gründer Ron Hubbard zu tun hat, ins Spiel. Und da ist auch noch das verzwickte Verhältnis des Erzählers zu seiner Adressatin Mrs. Haven. Diese scheint der einzige Fixpunkt in diesem erzählerischen Spiegelspiel zu sein, wird selbst aber auch nicht so recht fassbar: „Bei Tag wirkte Dein Körper makellos, fast, als wärst Du gerade erst erschaffen worden, und bei Nacht hast Du geglüht wie Sternenstaub.“

John Wrays transatlantischer und skurrilitätsversessener Parforceritt durch das 20. Jahrhundert endet in einem furiosen Finalsatz am Ursprung von Raum und Zeit. Wie leicht zu erraten ist, erwacht der Erzähler, der aus der Zeit gefallen ist, in diesem Moment: Es ist 8 Uhr 47 morgens.
John Wray gelingt, was er einem seiner Protagonisten attestiert: Er hat „keine antiseptische Etüde, keine halbgare, wissenschaftliche, mit erzählerischem Zuckerguss garnierte Abhandlung“ geschrieben. Dennoch wird man nach siebenhundertfünfunddreißig Seiten das Gefühl nicht ganz los, einem Geheimnis nachgelesen zu haben, das eher verlorene Zeit war.

Erich Klein in FALTER 41/2016 vom 14.10.2016 (S. 13)


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