Die Ambassadorin

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Der junge Hugo Navratil muss zurück in die österreichische Provinz. Sein Großvater, mit dem ihn die Liebe zur Natur und der Tod eines kleinen Jagdhundes verband, ist gestorben, die Familie nimmt Abschied. Das burgenländische Dorf, der Wald, Freund und Feind, alles scheint wie immer. Doch auf der Beerdigung fallen Hugo zwei Frauen auf. Sie sind auf der Suche nach einer antiken Flinte – und sie glauben, dass Hugo weiß, wo sie ist. Je mehr Hugo es mit ihnen zu tun bekommt, desto besser versteht er, dass der alte Mann viele, durchaus schöne Gesichter hatte.Was hat es mit dem Verbund auf sich, der ihn und diese Frauen einst zusammenbrachte?«Die Ambassadorin» ist eine Ode an das Matriarchat und die Geschichte eines Antihelden, der unerschrockener kaum sein könnte. Sebastian Janatas Debüt ist humorvoll, skurril - und ganz und gar ajour.

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FALTER-Rezension

Die Klasse von 2020

In ihren späten Teenagerjahren hat Lena Johanna Hödl auf Biegen und Brechen versucht, die große Liebe zu finden. Durch Disney-Filme und die Popkultur geprägt, war sie der fixen Überzeugung: Nur so kann man glücklich werden. Sie stürzte sich in Affären und Beziehungen. Die Mehrzahl davon war toxisch, allesamt endeten katastrophal.

Die meisten Menschen behalten die herzzerreißenden bis schmutzigen Details solcher Geschichten für sich. Manche vertrauen sie ihrem Tagebuch oder der besten Freundin an. Die in Wien lebende Steirerin hingegen reißt das Fenster weit auf und schreit der Welt entgegen: Schau her, das alles ist mir passiert! „Emotionaler Leerstand im privaten Eigentum“ heißt ihr autobiografischer Debütroman.

Hödl gehört zu einer Gruppe von Autoren und Autorinnen, die 2020 mit Debütromanen aufzeigen. Hier präsentieren wir außerdem die Newcomer Sebastian Janata und Benjamin Quaderer. Es kommt noch mehr: Ende Juli erscheint der mit Spannung erwartete 782-Seiten-Ziegel „Die Forelle“ von Leander Fischer, Anfang September der mitten aus unserer Gegenwart erzählte Erstling von Mercedes Spannagel. Doch nun zurück zu Hödls „Leerstand“.

Der Roman erzählt anhand einer Liste von Liebhabern eine Coming-of-Age-Story und gehört zum Erfrischendsten, was die heimische Literaturszene in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Das Buch stürzt einen in ein Wechselbad der Gefühle. Manche Geschichten sind zugleich traurig, witzig, eklig und auf beinahe kitschige Weise schön. Geschrieben sind sie in einer sehr heutigen, rotzigen und vom Internet geprägten Sprache. Beinahe ließe sich dadurch übersehen, dass Hödl stilistisch einiges auf dem Kasten hat.

Zu ihren Vorbildern zählen die Emo-Literatin Charlotte Roche, der US-Autor David Sedaris und der schreibende Schauspieler Joachim Meyerhoff. So wie die deutsche Bestsellerautorin berichtet Hödl detailliert über ihr Sexleben, über psychische Probleme, Depressionen und Suizidversuche. Hödls Programm: „Schonungslose Ehrlichkeit, sich total nackt machen, um da-raus Stärke zu erlangen“, erklärt sie im Gespräch. Der US-Humorist Sedaris wiede-rum hat sie gelehrt, dass man nicht schon berühmt sein muss, um über sein Leben schreiben zu dürfen. „Er ist durch seine autobiografischen Texte erst bekannt geworden. Das hat mich sehr bestärkt, dass es so auch geht.“

Obwohl erst 24, hat die Autorin bereits einiges ausprobiert. Sie war jahrelang auf Poetry-Slams unterwegs, hat ein Schauspielstudium abgeschlossen, ganz kurz erwogen, Pornos zu drehen, wäre gern eine Internet-Berühmtheit und arbeitet an einem Kabarettprogramm. Kurz: Sie ist auf dem besten Weg, ein Gesamtkunstwerk zu werden.

Groß geworden ist Hödl in einem Dorf unweit von Graz. Die drei älteren Schwestern haben das Elternhaus früh verlassen, sie wuchs quasi als Einzelkind auf. Die Beschreibung der Stille ihrer überbehüteten Kindheit, die nur durch die Geräusche des Staubsaugers unterbrochen wurde, zählt trotz der Schilderungen von hartem Sex, Drogen und Nervenzusammenbrüchen zu den eindrücklichsten Kapiteln.

Der Vater bläute ihr ein, streng zu sich zu sein und sich ja nicht zu sehr wie ein Mädchen zu verhalten. Unter dem von ihm propagierten Frauenbild leidet sie bis heute: „Ich wollte immer stark sein und keine Gefühle zeigen. Als Reaktion habe ich Musik von Frauen lange überhaupt nicht ertragen. Ich habe nur Deutsch-Rap gehört, wo’s ständig drum geht, wie Frauen vergewaltigt werden.“

Später entdeckte die Autorin Musikerinnen wie Lana Del Rey, deren Songs von vergifteten Beziehungen mit gewalttätigen Männern handeln. Beim R&B-Popstar Ariana Grande, die auf dem Album „Thank U, Next“ über alle ihre Exfreunde singt, schaute sie sich das Konzept ihres Romans ab. Die schrille Rapperin Nicki Minaj schließlich lehrte sie, sich nix zu scheißen: „Die wackelt im Video mit ihrem Arsch und erzählt davon, wie viele Drogendealer sie schon gefickt hat. Wahrscheinlich ist ihr egal, was ihre Eltern darüber denken.“

Nur ist Hödl nicht in einem New Yorker Problembezirk aufgewachsen, sondern als privilegiertes Mittelschichtskind. Daher war sie sich doch nicht ganz sicher: Darf ich das alles so aufschreiben und veröffentlichen? Sie darf. Ihr Vater, der sie erfolglos zu einem Chemiestudium bewegen wollte, interessiert sich nicht für ihre künstlerische Arbeit. Die Mutter bekam das Buch vorher zu lesen und reagierte unerwartet positiv. In Gesprächen offenbarte sie sogar, dass sie in ihrer Jugend ebenfalls wild unterwegs war und ähnliche Dinge erlebt hat.

Das Schreiben hat wie eine Therapie gewirkt. Inzwischen kommt Hödl alleine ganz gut klar und muss sich nicht mehr jedem zweiten Kleinkriminellen mit Charme an den Hals werfen. In kreativer Hinsicht ist das gute Leben mit Spazierengehen, Netflix und höchstens ein wenig Kiffen leider wenig ergiebig: „Richtig schlimme Sachen passieren mir nicht mehr, seit ich nicht mehr mit Drogensüchtigen zusammen bin. Blöderweise habe ich schon viele gute Geschichten rausgehaut. Vielleicht schreibe ich als nächstes über meine Familie. Jede Familie hat etwas Abgefucktes, meine ganz besonders.“

Womöglich kann Lena Johanna Hödl ja dem urösterreichischen Genre des Anti-Heimatromans noch neue Facetten abringen. Etwas dazu zu sagen hätte sie auf jeden Fall: „Alles, was mit Heimat, Dirndl und Dialekt zu tun hat, ist mir ekelhaft. Ich behaupte, es ist nicht möglich, Österreich zu lieben, wenn man vom Land kommt.“

Das Landleben spielt im Debütroman von Sebastian Janata eine bedeutende Rolle. Die Geschichte führt nach Berlin, Wien und Schwechat und macht einen Abstecher nach Chicago, ist aber in erster Linie im Burgenland angesiedelt. In einer Schlüsselszene defäkiert der Held herzhaft vor dem Kriegerdenkmal am Fuße der Dorfkirche.

Der unmittelbare Auslöser ist kein politischer, sondern übermäßiger Genuss von Sturm in der Buschenschank. Doch der Ort, an dem es Hugo Navratil förmlich zerreißt, ist nicht zufällig gewählt. Der Protagonist hat noch eine Rechnung offen mit seinem Herkunftsort und dem dortigen Umgang mit der Vergangenheit („Mein Opa ist in Stalingrad gefallen!“, brüllt ihn ein alter Schulkollege an).

„Die Ambassadorin“ heißt der Erstling des österreichischen Musikers Janata, der als Mitglied des eigenwilligen Bandkollektivs Ja, Panik bekannt wurde. Der Roman ist in doppelter Hinsicht überraschend. Zum einen galt in der Gruppe Sänger Andreas Spechtl als der Mann des Wortes, weshalb man weit eher von ihm einen Roman erwartet hätte. Und dann entpuppt sich dieses Buch auch noch als Wundertüte, das zeitgemäße Themen wie Gender mit einem extravaganten Plot kombiniert und unerwartete Haken schlägt.

Hugo kommt aus Berlin zurück in sein Heimatdorf, um den Nachbarn seiner Eltern zu beerdigen. Schnell entgleitet dem Helden die Kontrolle über die Dinge. Im Grunde weiß er nicht, wer dieser maulfaule Sonderling war, den er als Kind bei der Jagd begleiten durfte. In noch mehr Verwirrung stoßen ihn rätselhafte Frauen, die seine Wege kreuzen. Sie scheinen über großen Einfluss zu verfügen. Herrscht im Burgenland ein geheimes Matriarchat?

„Wir Männer wissen normalerweise alles“, sagt Sebastian Janata über seine Motivation. „Ich wollte einen Erzähler, der vom Bild des männlichen Helden abweicht. Er hat keinen blassen Schimmer, was ihm passiert, er kugelt durch die Geschichte und ist auf das Ganze nicht mal neugierig. Er will nur heim nach Berlin und seine Ruhe haben. Aber er muss da durch.“

Janata ist literarisch ein völlig unbeschriebenes Blatt, als Schreiber hat er bislang nur seine Beiträge zum Ja,-Panik-Gemeinschaftswerk „Futur II“ (2016) vorzuweisen. Während der Lesetour zu dem Buch sprach ihn die Rowohlt-Lektorin Diana Stübs an und fragte, ob er einen Roman in der Schublade habe. Hatte er nicht, aber umso mehr Lust, einfach einmal drauflos zu schreiben.

Da war kein großer Plan, nur: einfach machen. Janata hält den Ball flach, das zeichnet auch sein Buch aus, denn es riecht nicht nach Schreibseminar. Viele Debüts wollen den Leser beeindrucken, seines liest sich angenehm unverkrampft. „Beim nächsten Mal werde ich es mir aber leichter machen und vorher ein paar Eckpunkte abstecken“, sagt der Autor. „Ich hatte nichts, woran ich mich anhalten konnte.“

An die Einsamkeit der Schreibstube muss er sich noch gewöhnen. Der Austausch, wie er ihn vom Musizieren kennt, fehlte: „Das Schönste ist, wenn man bei Bier oder Wein zusammensitzt und gemeinsam was ausheckt. Man wird deppert, wenn man nur allein arbeitet.“ Dafür hat der Literaturbetrieb gegenüber dem Popgeschäft karrieremäßig Vorteile. Die Auftrittsgage muss nicht durch vier geteilt werden und es gibt ein gutes Stipendiensystem.

Sebastian Janata hat noch dazu das Glück, von der privilegierten Position eines großen deutschen Verlags aus zu starten. Woran andere zehn Jahre und drei Bücher lang arbeiten, das ist ihm volley geglückt. Rowohlt ließ ihm sogar untypisch viele Austriazismen und Dialektausdrücke wie „Erdäpfelsalat“ und „Goschen“ durchgehen.

„Vielleicht wollten sie diesen Anstrich“, sagt Janata. „Beim Überarbeiten habe ich aus einem ,Gehsteig‘ einen ,Gehweg‘ gemacht. Meine Lektorin hat es wieder geändert.“

Weniger Glück hatte der liechtensteinische Autor Benjamin Quaderer. Sein erster Roman „Für immer die Alpen“ ist ein halbes Corona-Opfer. Er erschien am 9. März. Am Abend darauf erlebte er in Berlin noch seine feierliche Premiere. Am 11. März wurden alle Veranstaltungen abgesagt. Nicht weniger als 25 Lesungen fielen der Sperre zum Opfer.

„Es war schwierig“, sagt der 31-Jährige. „Endlich hatte ich diesen Text fertig. Ich habe mir die Lesereise als kleine Erlösung für die ganzen Strapazen vorgestellt. Beklagen darf ich mich nicht, denn ich habe gute Rezensionen bekommen. Aber anstatt zu reisen, bin ich wie bei der Arbeit am Roman erst recht wieder alleine zu Hause vor meinem Laptop gesessen.“

Quaderer ist in Feldkirch auf die Welt gekommen („Schwangere in Liechtenstein können sich entscheiden, ob sie hier, in der Schweiz oder in Österreich gebären möchten“) und ging nach dem Schulabschluss zum Studieren nach Wien. Er gehörte dem zweiten Jahrgang des Instituts für Sprachkunst an der Angewandten an, wo er bei Robert Schindel studierte. Beworben hat er sich mit Gedichten, eigentlich wollte er aber schon damals erzählen. Die Sprachkunst mit ihrem experimentellen Ansatz war die falsche Adresse dafür, nach einem Jahr wechselte er an die Schreibschule Hildesheim.

Für einen Erstling ist „Für immer die Alpen“ nicht nur ungemein ambitioniert und mit fast 600 Seiten verdammt umfangreich, er wirkt auch sehr ausgefeilt. Kein Wunder, der Autor hat fünf Jahre recherchiert, konzipiert und geschrieben. Die Grundidee lautete, mit leicht augenzwinkernder Anspielung auf die Great American Novel: „Ich will den großen Liechtenstein-Roman schreiben.“

Der kleine Staat kam in der Literatur bisher kaum vor. „Literatur über Liechtenstein wird meist von Leuten in Liechtenstein für Leute in Liechtenstein geschrieben“, erklärt Quaderer. Er wollte das Gegenteil machen und die Tür weit aufreißen. Die Geschichte von Heinrich Kieber kam ihm höchst gelegen. Als Mitarbeiter der LGT Treuhand Bank verkaufte dieser für 4,6 Millionen Euro die Daten mutmaßlicher Steuerhinterzieher an den deutschen Bundesnachrichtendienst. In Liechtenstein gilt er als Staatsfeind Nummer eins, er lebt mit neuer Identität an einem geheimen Ort.

Aus Heinrich Kieber wird in dem Roman Johann Kaiser. Er ist eine gleichermaßen einnehmende wie dubiose Figur, ein Hochstapler und Manipulator. Um sich gegen die Angriffe aus seiner Heimat zur Wehr zu setzen, schreibt er seine Geschichte auf – nichts als die Wahrheit, so behauptet er zumindest. „Für immer die Alpen“ schließt mit einem tatsächlich alles andere als glaubwürdigen Erzähler, zahlreichen Fußnoten und dem Jonglieren mit Quellen gekonnt an die Tradition des postmodernen Romans an. Dabei ist es nicht verkopft, sondern höchst vergnüglich.

Der nächste Roman soll dennoch ganz anders werden: „Ich habe keinen Bock, nochmal so was zu machen. Mit Sicherheit wird das Buch viel kürzer.“ Noch ist nichts spruchreif, im Corona-Frühling herrschte kreative Flaute.

Beim Schreiben ist Quaderers einziges Qualitätskriterium, „dass ich meinen Text nicht komplett scheiße finde. Dann habe ich die Hoffnung, es gibt andere Leute, denen es auch so geht. Aber in erster Linie schreibe ich für mich selbst.“

Sebastian Fasthuber in Falter 29/2020 vom 17.07.2020 (S. 24)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783498092030
Ausgabe 2. Auflage
Erscheinungsdatum 21.07.2020
Umfang 320 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Rowohlt
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