Das Schwarzlicht-Terrarium

von Thor Kunkel

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 33/2000

Beim letztjährigen Bachmann-Wettbewerb wurde Thor Kunkel für einen Ausschnitt aus "Das Schwarzlicht-Terrarium" mit dem Ernst-Willner-Preis ausgezeichnet.Nun ist sein ausufernder Loser-Roman in leicht verstümmelter Form erschienen. Der Wermutstropfen vorweg: Das Rowohlt-Lektorat hat bei Thor Kunkels Debütroman kräftig gestrichen. 900 Seiten zählte "Das Schwarzlicht-Terrarium" in seiner ursprünglichen Fassung (die Rohfassung gar 1400), 260 mussten für die Buchveröffentlichung dran glauben. Und es fehlt ausgerechnet der Schlussteil, in dem sich der Held nach sinnlosem Morden und der Entwendung eines Geldkoffers auf den Bahamas mit einem Pornostar vergnügen darf.
Auf den verbliebenen 640 Seiten geht es alles andere als idyllisch zu. Ort der Handlung ist die tristeste Gegend Frankfurts, der Stadtteil namens Kamerun, in dem auch der Autor aufgewachsen ist. Kuhl, Rio, Eddie und Sonny heißen die Helden, und dementsprechend uncool sind sie denn auch: Hier werden keine "Trainspotting"-Figuren präsentiert, sondern echte Loser, "Connaisseure der Narkose", die eine Eisdiele zum Treffpunkt haben und sich dort eine lächerliche und letztlich, wie alles, was sie angehen, erfolglose Disco-Strip-Show ("Superjocks") ausdenken.
Disco signalisiert, in welcher Zeit wir uns befinden. "Das Schwarzlicht-Terrarium" ist ein Siebziger-Jahre-Text, der aber schon auch von der Gegenwart handelt, wie Kunkel im Falter-Gespräch am Rande des vorjährigen Bachmann-Wettbewerbs betonte1: "Für mich reichen die Siebziger bis in die heutige Zeit rein. Die Drogenproblematik, die Mode - das ist ja nur ein Aufguss von damals. Charaktere wie Kuhl gibts heute genauso, nur nehmen sie statt Valium eben Ecstasy." Kunkels glücklose Protagonisten müssen sowieso nehmen, was sie kriegen können.
Thor Kunkel kennt das alles aus seiner eigenen Jugend. Was hier übers Drogeneinwerfen und Zeittotschlagen erzählt wird, ist zu einem nicht geringen Teil autobiografisch. "Ich schreib nur das, was ich kenne", meint der Autor und gibt zu, dass das auch mit Bequemlichkeit zu tun habe. Eines wolle er aber auf keinen Fall: Das Leben seiner Protagonisten abfeiern. Und überhaupt sehe er keinen Zusammenhang mit Irvine Welshs Büchern mit vergleichbaren Thematiken.
Mit dem Schotten teilt er lediglich den Hang zu einem Realismus, den man als Kamerun-Unkundiger nicht sofort als solchen erkennt und der sozusagen den Keim der Zukunft in sich trägt: "Das Buch beschreibt nicht die Endzeit, sondern das, was auf uns zukommt. Wir werden alle einmal in einem Narkostaat leben." Das sagt der Wahl-Amsterdamer beinahe beiläufig und mit einer Stimme, die ein wenig nach Helge Schneider klingt, wenn dieser gerade nicht lustig sein muss. Ganz schlecht findet Kunkel diese Aussicht jedenfalls nicht: "Wenn jemand andauernd ausrastet und seine Frau schlägt - dann gib dem Mann doch Prozac! Klar, früher war auch bei mir ,Clockwork Orange' angesagt, aber da hat sich meine Einstellung umgedreht. Das Böse muss nicht romantisiert werden. Es hat biochemische Ursachen - wie das Gute auch."

Sebastian Fasthuber in FALTER 33/2000 vom 18.08.2000 (S. 52)


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