Die Prozedur

von Harry Mulisch, Chantal Mouffe

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Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/1999

Biochemie und Tafelspitz

In seinem anrührend erzählten Mythen-, Wissenschafts- und Familienroman "Die Prozedur" verfolgt Harry Mulisch die Gentechnologie bis hin zur biblischen Schopfungsgeschichte zurück.
Der Mann mit Namen Victor Werker (nomen est omen) ist weltberühmt und fliegt doch hochst unglücklich von einem Konferenzort zum anderen. Am Hohepunkt der beruflichen Karriere des nobelpreisverdächtigen Biochemikers wird eine innere Leere offenbar, holt ihn die Vergangenheit ein. Was folgt, ist Arbeit an der eigenen Biografie, die niedergeschriebene Auseinandersetzung mit der Geschichte seiner Familie und der unglücklichen Trennung von seiner Frau. Werker schreibt lange, sehnsuchtsvolle Briefe an die totgeborene Tochter, schildert sein wissenschaftsbegeistertes Leben, referiert die Geschichte der Eltern (Kriegszeit und Nachkriegszeit) und führt ein in die Geschichte seiner Wissenschaftsdisziplin. Das macht den Hauptteil des Romans aus.
Harry Mulisch jüngster Roman "Die Prozedur" ist so anrührend erzählt, ist auch dramaturgisch so geschickt aufgebaut, daß die Leser ständig in Spannung gehalten werden. Und einmal mehr wird hier die bewundernswerte Souveränität von Mulischs erzählerischen Mitteln unter Beweis gestellt. Zuletzt führt der Autor seinen Familien- und Wissenschaftsroman ins Fahrwasser eines Thrillers. Der arme, verlassene Victor Werker darf nicht nur das Elend der Welt spüren, sondern wird von geheimnisvollen Mächten in die Enge getrieben.
Die Perspektive des Erzählers ist starken Schwankungen unterworfen. Einmal ist er seinem Victor Werker ganz nah, sieht ihm über die Schulter zu und nimmt Einsicht in seine Gefühlsanwandlungen. Dann wiederum erhebt er sich in die Hohe der Geschichtsschreibung und abendländischen Mythen- und Literaturtradition. Mulisch geht sofort aufs Ganze. Ehe der Roman richtig begonnen hat, hält er sich schon erläuternd-reflektierend bei Adam und Eva auf und stellt seinen Victor Werker in den großen, prunkvollen Rahmen der Tradition.
Das Verfahren des Schopfergottes, die Phantasie der Dichter und die Anstrengungen der Biochemiker haben ja viele Gemeinsamkeiten. Durch Worter, mit Hilfe von Buchstabenkombinationen und -permutationen, hat Gott Tiere, Pflanzen und Gegenstände geschaffen, die Dichter machen es ihm nach, und auch die Genlaborarbeiter haben im Grunde eine ähnliche Arbeitsweise. Rabbi Low hat in Prag mit beschworenden Formeln den Lehm bearbeitet, aus dem der Golem ersteht. Auch Gretta, Victor Werkers Mutter, mußte zärtliche Wortgewalt anwenden, um ihren soldatischen Ehemann zwecks Zeugung eines Nachkommens ins Bett zu holen.
Die Erschaffung des Menschen war eine komplizierte Angelegenheit. Darüber, wie das vor sich ging, herrscht noch immer Unklarheit, nicht nur in biologischen, sondern auch in theologischen Kreisen." Pointiert und leichtfüßig erzählend und räsonierend kommt Mulisch zu dem Schluß, daß sich die Geschopfe dem Schopfer entziehen, die Adams und Golems ihre eigenen Wege gehen. Gott ist unglücklich über die Menschen, Rabbi Low über sein Menschele, die Kreationen des Frankenstein in Mary Shelleys gleichnamigem Roman waren auch nicht eben vertrauenserweckend. Was darf die Welt, bei aller Freude über Fortschritt und Forschung, von den Versuchen mit künstlichem Leben erwarten? Harry Mulisch zieht mit seiner Überschau jedenfalls eine lange Traditionslinie des Scheiterns nach. Vielleicht ist der Mythos schuld; Lilith, die erste Frau an der Seite Adams, geht jedenfalls, wie Victor Werker einsehen muß, bis heute ihren morderischen Weg und "macht Jagd auf alleinstehende Männer und erwürgt Neugeborene in der Wiege".
Klischeehaft die Rolle Wiens in der "Prozedur". Hier, in der Phäakenmetropole, lebt der neue Partner von Victor Werkers Frau, der frohliche Bariton Dietrich Jäger-Jena, und ißt in einem der barocken, mit rotem Plüsch ausstaffierten Speisesäle aus zwei duftenden Tellern Tafelspitz.

Alfred Pfoser in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 12)


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