Und dann gabs keines mehr

von Agatha Christie, Sabine Deitmer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Scherz
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 26/2003

Agatha Christies Klassiker "Zehn kleine Negerlein" von 1939 ist nun mit neuem Titel und in neuer Übersetzung wieder aufgelegt worden. Die politisch korrekte Kosmetik ändert jedoch nichts an der fragwürdigen Ideologie des Buches.

Unter neuem Namen ist im Scherz-Verlag eben ein Krimi-Klassiker erschienen: "Und dann gabs keines mehr" heißt jetzt, ziemlich schlapp, ein Buch, das von Agatha Christie stammt und als "Zehn kleine Negerlein" Furore gemacht hat. Vor einem Jahr nämlich erhob die Antidiskriminierungsstelle in Hannover im Verein mit African Action Einspruch gegen einen Titel, der geeignet sei, in Deutschland lebende Afrikaner zu diskriminieren. "Krimi-Titel wird zum Titel-Krimi", mokierte sich die Hannoversche Allgemeine; "Neger" sei laut Verfügung des Deutschen Presserats kein Schimpfwort, die ganze Erregung komme einem ein kleines bisschen albern vor.

Auf den Vorwurf der Humorlosigkeit muss gefasst sein, wer am gedankenlos Treuherzigen Anstoß nimmt: Auch die (von der Schließung bedrohte) österreichische Antirassismus-Beratungsstelle ZARA fand beispielsweise am "Negerbrot" keinen Geschmack. Trotzdem könnte die Titeländerung bloß politisch korrekter Etikettenschwindel sein. Um den Inhalt des Buches hat sich in der ganzen Debatte nämlich niemand gekümmert.

Der Titel-Krimi jedenfalls ist nicht neu, im Gegenteil. So fängt er an: 1939 erschienen Christies "Ten Little Niggers" im britischen Collins-Verlag. Der Titel zitierte einen berühmten Auszählreim, den ein gewisser Frank Green 1869 erfunden und ein Mark Mason vertont hatte. Populär wurden die Verse ausgerechnet in so genannten "nigger minstrel shows" mit schwarzen Darstellern:
"Ten little nigger boys went out to dine;
One choked his little self, and then there were
nine"
und so weiter bis:
"One little nigger boy's living all alone
He got married, and then there were none".
Eine der zahllosen deutschen Versionen geht dann so:
"Zehn kleine Negerlein, die fuhren übern Rhein
Das eine ist ins Wasser g'falln, da warens nur
noch neun"
und so wiederum durch alle Todesarten bis zum letzten kleinen Negerlein, das durch die Kutsch' rutscht und deswegen futsch ist.

Ein Jahr nach dem englischen Original erschien die amerikanische Ausgabe - und siehe da, mit einem anderen Titel: Aus Rücksicht auf die farbige Bevölkerung hieß das Buch in den USA "And Then There Were None" (1940). Drei Jahre später hatte Christie ihren Erfolgsroman dramatisiert; "Ten Little Niggers" gingen 1943 in London anstandslos über die Bühne. In New York hingegen verwandelten sie sich im Jahr darauf gar in "Ten Little Indians". Die amerikanischen Ureinwohner waren offenbar weniger schutzbedürftig, und so konnte man auf das US-Original des Kinderlieds zurückgreifen. Denn eigentlich hatte es der amerikanische Schriftsteller und Komponist Septimus Winner 1868 erfunden:
"Ten little Injuns standin' in a line,
One toddled home and then there were nine ...". Fortan erschienen die zahllosen Ausgaben des Textes unter allen drei englischen Titeln. Die erste amerikanische Verfilmung von 1945 hieß "And Then There Were None" (Regie: Rene Clair); die erste britische aus dem Jahr 1965 nannte sich dann vorsichtshalber auch schon "Ten Little Indians" (Regie: George Pollock). Eine deutsche ZDF-Adaptation von 1969 blieb unbefangen bei den "Zehn kleinen Negerlein" (Regie: Hans Quest), die Übersetzungen variierten Schwarz und Rot: "Dix petits nègres" und "Diez negritos" hießen sie, oder aber: "Dieci piccoli indiani".

Die Handlung wurde in der Tat weltberühmt: Zehn Personen werden auf einen Sommeraufenthalt auf eine kleine Insel vor der südenglischen Küste eingeladen, darunter eine Erzieherin und ein Arzt, eine alte Jungfer und ein Playboy, zwei Offiziere und ein Richter und so fort. Es findet sich kein Gastgeber, wohl aber eine Schallplatte mit einer Aufzeichnung, die jeden der Gäste eines ungesühnten Mordes beschuldigt: Die Gouvernante habe zum Beispiel ein Kind ertrinken lassen, der Doktor einen Kunstfehler begangen, die bigotte Dame ein schwangeres Dienstmädchen in den Tod getrieben et cetera. Und prompt fällt jeder von ihnen seinerseits einem rätselhaften Mord zum Opfer. Jedesmal verschwindet eines der kleinen Negerlein aus Porzellan, die auf dem Esszimmertisch stehen. Am Ende "gabs keines mehr": Als die Polizei auf der Insel ankommt, findet sie nur noch Leichen.

Zu den Laborbedingungen des Plots gehört der abgeschlossene Raum ("locked room mystery"): Sturm kommt auf, niemand kann die Insel verlassen oder betreten. Dann tickt die Handlung nach der Vorgabe der Kinderverse ab: Nach der Zeile "Eines stach die Biene tot" muss das nächste Opfer natürlich an einer Giftspritze sterben. Eines wird "vom Bär zerquetscht": Da wird der Betreffende von einem herabstürzenden Marmorbären getroffen. Das völlig unwahrscheinliche künstliche Arrangement nimmt der Leser in den Kauf: Unheimlich und spannend ist ja eigentlich, wie sich die vertrauten Kinderverse eins zu eins in ein Killerritual verwandeln.

Diese Verse von den "Zehn kleinen Negerlein" müssen aber nach wie vor aufgesagt werden, und nach wie vor spielt die Geschichte auf "Nigger Island". Dafür entschuldigt sich der Verlag in einer Vorbemerkung: "Wir bitten daher um Verständnis für Bezeichnungen, die heute diskriminierend wirken." Außerdem ist still und leise am Text gewerkelt worden: Früher hieß es, dass der Umriss der Insel an einen "gigantischen Negerkopf" ("a giant negro's head") erinnere; der ist jetzt zum neutralen "Männerkopf" geschrumpft. Auch die "Neger-Tricks" ("nigger tricks") wurden gestrichen, ebenso die englische Redewendung vom "nigger in the woodpile", die bislang ohnehin etwas mühsam mit "der Neger im Holz-, äh, Heuhaufen" übersetzt worden war.

Allerdings gibt es auch noch Fleißaufgaben in politischer Korrektheit. Es geht gewissermaßen in einem Aufwaschen: Von einer jüdischen Figur heißt es im englischen Text, ein schwaches Lächeln umspiele ihre "thick Semitic lips". Die diskrete deutsche Übersetzung sprach schon bisher nur von "vollen Lippen". In der neuen Ausgabe wird schlicht nur mehr gelächelt: Verschiedene nationale und historische Grade des Schuldbewusstseins erzeugen offenbar verschiedene Empfindlichkeiten.

Die Lackmusprobe auf solche Sensibilitäten wäre allerdings die Handlung. Dass hier für zehn (noch dazu unbewiesene) Morde die Todesstrafe verhängt und als private Lynchjustiz vollzogen wird, ist aber offenbar noch niemand aufgefallen. Agatha Christies Haltung zur Hinrichtung war relativ eindeutig. In einem ebenfalls sehr berühmten Krimi, "4.50 from Paddington" (1957), wird der Mörder von der notorischen Miss Marple - im Film dargestellt von der unvergleichlichen Margaret Rutherford - zur Strecke gebracht. Und dann sagt diese flauschige alte Dame ("fluffy old lady"), es tue ihr wirklich Leid ("I am really very, very sorry"), dass man die Todesstrafe abgeschafft habe, denn der Killer verdiene es nun einmal, zu hängen.

Im Erscheinungsjahr des Buches war diese Bemerkung überaus aktuell: 1957 hatte sich die britische Regierung auf eine Kompromissgesetzgebung geeinigt. Der "Homicide Act" unterschied zwischen "capital" und "non-capital murder"; nur noch Mord ersten Grades wurde mit "capital punishment" geahndet. Die endgültige Abschaffung im United Kingdom wurde dann ein langwieriger und komplizierter legistischer Prozess. 1965 setzte man die Todesstrafe für eine Versuchsperiode von fünf Jahren aus; 1969 wurde daraus eine Dauereinrichtung. Aber erst 1973 trat das Gesetz auch in Nordirland in Kraft, und bis 1998 konnte man theoretisch unter Kriegsrecht hingerichtet werden.

Mit den "Zehn kleinen Negerlein" wird im Buch nicht lange gefackelt. Die letzte übrig gebliebene Figur, die Erzieherin, erhängt sich am Ende und bestätigt damit symbolisch die in Großbritannien übliche Exekutionsmethode. Die Aug-um-Aug-Zahn-um-Zahn-Gerechtigkeit entspricht natürlich den grundsätzlich reaktionären Tendenzen, die mit Agatha Christies Sozialmodell verbunden sind: Die britische Upper Middle Class regelt ihre Gewalttaten im Herrenhaus oder in der ländlichen Idylle unter sich. Dieses literarische Muster war überaus tröstlich für das englische Bürgertum, das seine ökonomische Basis bereits im Ersten Weltkrieg verloren hatte. Inzwischen hat sich das nostalgische Genre als weltweit attraktiv herausgestellt: Christies rund 70 Romane wurden inzwischen in 109 Sprachen übersetzt und hatten eine Weltauflage von rund zwei Milliarden; im Ranking der meistgelesenen Bücher stehen sie hinter der Bibel und Shakespeare an dritter Stelle. Allein an deutschen Ausgaben werden jährlich rund 750.000 Exemplare umgesetzt. Aus Christies kleinem englischen Dorf ist inzwischen ein Global Village geworden.

Solche internationale Popularität gewinnt offenbar nur ein Modell, das Sehnsüchte nach einer stabilen Sozialordnung und einem simplen Vergeltungsrecht befriedigt. In den "Zehn kleinen Negerlein" ist das Votum für die Todesstrafe durch die Harmlosigkeit der Kinderreime und ihren quasi-automatischen Countdown gerechtfertigt. Mit bloßer Titelkosmetik ist daran nichts zu ändern.

P.S. Der Mörder war natürlich der Richter. Als personifizierte Justiz und selbsternannter Rächer bringt er alle anderen um und stirbt dann durch Selbstmord - aber nur, weil er (und das trifft sich praktisch) unheilbar erkrankt ist.

Konstanze Fliedl in FALTER 26/2003 vom 27.06.2003 (S. 62)


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