Durchs wilde Kindistan
Zwischen Windeln und Wahnsinn

von Hans-Werner Meyer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Südwest Verlag
Erscheinungsdatum: 17.08.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Unterwegs in Vatistan und Kindistan

Väter: Zwei amüsante Abhandlungen über das Abenteuer Vaterschaft und die wilden Blüten der Babyindustrie

Sam Apple ist ein Mann mit einer Vielzahl von Was-wäre-wenn-Neurosen. "Was, wenn der komische Plastikgeruch, den ich gerade eingeatmet habe, einen bösartigen Gehirntumor hervorruft? Was, wenn der rote Fleck auf dem Muffin, den ich da esse, mit Aids infiziertes Blut ist?" So etwas erschwert den Alltag und ist nur mit Selbstironie zu bewältigen. Kombiniert mit der Aussicht auf werdende Vaterschaft kann die Sache leicht ins Exzessive kippen. Der New Yorker, Jahrgang 1975, debütierte vor zwei Jahren mit dem Reisebericht "Schlepping durch die Alpen", in dem ein großstädtischer, jüdischer Jungautor (also Sam Apple selbst) im absolut falschen Schuhwerk den letzten österreichischen Wanderschäfer durchs Mur-Mürz-Tal begleitet.
Kein Zweifel, Apple hat einen scharfen Blick fürs Skurrile. In seinem neuen Buch richtet er diesen nun aus Anlass der Schwangerschaft seiner Frau auf die wilden Blüten, die die Pränatal-, Geburts- und Babyindustrie so treibt, und versucht darüber eine Bestimmung der eigenen Jungvaterrolle. In Apple paaren sich journalistische Akribie und ernsthafte Neugier mit der Angst, irgendetwas falsch zu machen oder zu versäumen: Deshalb lässt er so gut wie nichts aus. Nicht einmal eine Botox-Gratis-Werbeveranstaltung für Schwangere und Jungmütter.
Er trifft eine Namensberaterin, besucht einen "Sing-and-Sang-Zeichensprachekurs für Babys" und eine "Baby-Loves-Disco-Party". Ein von ihm interviewter Pränatalpädagoge teilt ihm mit, dass "jedes Kind, das nicht pränatal stimuliert wird, eine weitere vergebene Möglichkeit" darstelle, und er selbst schließt eine Kindermädchenkandidatin als ungeeignet aus, weil diese als Handyklingelton "Sexual Healing" installiert hat. Ja, voller Selbstironie und echter Ratlosigkeit verheddert sich Apple zum Vergnügen des Lesers total und fördert dabei auch sehr interessante sozial- und kulturhistorische Aspekte rund ums Kinderkriegen zutage: etwa eine Bewegung im stalinistischen Russland, die durch Psychoprophylaxe mittels Atemtechniken, Massage und Hypnose die sowjetische Frau ein für alle Mal "vom Fluch der Geburtsschmerzen" befreien wollte und – wiewohl voller absurder Auswüchse – viel Vorarbeit für bis heute gültige Geburtsvorbereitungsmethoden geleistet hat.

Ein ganz anderes Register zieht da das Buch des deutschen Film- und TV-Schauspielers Hans-Werner Meyer ("Der Baader Meinhof Komplex"), Jahrgang 1964. Hier ist alles herber, männlicher und hemdsärmeliger. "Durchs wilde Kindistan" lautet der Titel. Folgerichtig und ebenfalls noch lustig ist es optisch dem klassischen grünen Karl-May-Cover mit zentralem Bild nachempfunden. Im Buchinneren geht Meyer dann aber die Metaphorik durch: In heiteren Karl-May-Gefilden mit Bezeichnungen wie "Zahnistan", "Saugland" und "Schlucht der Namensfindung" treibt er mit heillos überfrachteten Sätzen des Guten zu viel: "Du reitest auf deinem schon etwas ermatteten Euphorie-Gaul über die staubige Landstraße des Alltags, die sich durch die lieblichen Hügel Sauglands schlängelt." Ähem?!
Es gibt einen Vater-Effendi und einen noch unerfahrenen Vater-to-be-Reisenden, der in Dialogform unterwiesen wird: über Stolpersteine und Freuden, Hürden und Triumphe moderner Vaterschaft. Einiges davon kommt klischeehaft daher – wie die Behauptung, dass "die Dame deines Herzens" während der Schwangerschaft natürlich zur hormongesteuerten, unberechenbaren "Frau unter Einfluss" wird –, anderes ist gut beobachtet und durchdacht.
Hans-Werner Meyer hat Humor, und man muss unbedingt eine Lanze für ihn brechen, weil er ein so überzeugtes und überzeugendes Plädoyer für engagierte Vaterschaft von Anfang an hält. Er verspottet die Behaviouristen, die Müttern natürliche Vorsprünge und Instinkte attestieren, kämpft leidenschaftlich um gleiche Ansprüche und Pflichten und ist dabei letztlich ein großer Genießer.

Julia Kospach in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 44)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die merkwürdigen aber wahren Abenteuer des Sam Apple nach der Paarung (Sam Apple, Werner Löcher-Lawrence)

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