Der Fremdling
Roman

von Yakup Kadri, Erhard Stölting

€ 7,20
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Übersetzung: Max Schultz-Berlin
Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 246 Seiten
Erscheinungsdatum: 30.01.1989

Rezension aus FALTER 42/2008

Geburt einer Nation, die keine sein wollte

Einer der interessantesten türkischen Romane, die ich kenne, stammt von einem Funktionär der kemalistischen Staatspartei und ist im Original schon vor 75 Jahren erschienen. Verfasst hat ihn der 1974 hochbetagt verstorbene Yakup Kadri.
"Der Fremdling", ein trotz seiner Handlungsarmut ungemein fesselnder Roman, der bald nach der Erstauflage von 1932 in viele Sprachen übersetzt wurde, war sein größter internationaler Erfolg. 1939, zu Zeiten nationalsozialistischer Bücherzensur, konnte der Roman sogar in Deutschland erscheinen, wo Kadri als "völkischer Autor" galt und "Der Fremdling" zum Dokument eines großen nationalen Ringens umgefälscht wurde.

Wie gewaltsam diese Lesart war, kann man an der Neuauflage der alten Übersetzung von Max Schultz-Berlin studieren. Anstelle von dessen Vorwort, das vom nazistischen Zeitgeist nicht eben unberührt war, weist sie eine sachkundige, allerdings auch schon wieder 20 Jahre alte Nachbemerkung von Erhard Stölting auf.
Ein westlich gebildeter und leidenschaftlich den Zielen Mustafa Kemal Atatürks verpflichteter Offizier hat im Ersten Weltkrieg einen Arm und damit seine Diensttauglichkeit verloren. Des oberflächlichen Lebens in Istanbul überdrüssig, folgt er nach Kriegsende seinem Burschen, um in dessen anatolischem Dorf wieder zur Ruhe zu kommen und aus der Begegnung mit dem "türkischen Volk", den analphabetischen Bauern, neue Kraft und Zuversicht zu schöpfen.
Doch das Volk hält nicht, was sich der glühende Nationalist von ihm versprach: Durch keine Belehrung und keinen flammenden Appell ist es für die große nationale Sache, für den türkischen Staat, für das Werk Atatürks zu interessieren, und noch die heiligsten Ideale des Nationalismus sind ihm gänzlich fremd. Der Offizier, so verzweifelt er sich bemüht, findet im Dorf keinen Freund, keinen Zuhörer, er steht vor schweigenden Menschen, denen sein Bemühen völlig unbegreiflich ist und die ihn daher als verrückten Fremdling zu verachten beginnen: "Die Seele des türkischen Bauern ist ein stehendes und tiefes Gewässer. Was es auf seinem Grunde gibt – einen schroffen Felsen, einen Lehmhügel, eine lockere Sandschicht – das herauszufinden ist unmöglich. Rede ich sie an, so blicken sie mir einfältig ins Gesicht, als verstünden sie kein Wort. Dann murmeln sie irgendetwas untereinander. Und ich fühle, dass sie meine Worte wohl verstanden haben, aber sie nicht billigen. Mitunter merke ich auch, dass sie heimlich über mich lachen."
Während in den großen Städten der aus türkischer Sicht so bezeichnete "nationale Befreiungskrieg" beginnt, der mit dem Sieg über die griechischen Truppen, der Austreibung der seit Jahrhunderten im Westen des Landes lebenden griechischen Bevölkerung und dem Aufbau eines modernen Staatswesens endet, erlebt der Offizier den Zusammenbruch seines Weltbilds. Was er liebt, ist eine Abstraktion, die reine Idee der türkischen Nation – was er findet, sind Menschen, die ihn in ihrer dumpfen Rohheit, in ihrer Unwissenheit, aus der sie nicht zu entrinnen versuchen, abstoßen; und doch sind sie es, die den Baustoff der Nation abgeben müssten, die er sich groß und aufgeklärt und mächtig erträumt.

Den anatolischen Bauern ist der türkische ­Offizier, der sie für den patriotischen "Befreiungskrieg" begeistern will, gerade so verdächtig wie der griechische Leutnant, der seine Truppen gegen ihr Dorf aufmarschieren lässt. Als "Türken" wollen sie, die in einer in Jahrhunderten gehärteten Tradition leben, sich keineswegs fühlen, und wenn ihnen die Frage nach einer übergreifenden Identität überhaupt aufgeht, so ­beantworten sie sie damit, rechtgläubige Muslime zu sein.
Kadris Roman seziert mit unerbittlicher Präzision jenen Widerspruch, der an der Wiege des modernen türkischen Staates stand – und bis heute manch verheerende Folgen zeitigt: Da steht eine dünne Schicht von gebildeten Offizieren und Intellektuellen gegen das Volk, in dessen Namen sie die Bildung einer Nation proklamiert und die Reform des Staates mit autoritären Mitteln von oben durchsetzt.
Die Türkei ist nicht entstanden, weil die unterdrückten Massen den feudalen Staat der Osmanen hinwegfegten, sondern weil sich eine Elite, die ihre Ideen aus dem Westen bezog, in den Besitz der Staatsgewalt setzte. Die Ungleichzeitigkeit ist ein Merkmal des türkischen Staates geblieben, und was Kadri 1932 schrieb, gilt heute nicht minder: "Der Unterschied zwischen einem gebürtigen Istanbuler, der die Schule besucht hat, und einem anatolischen Bauern ist gewaltiger als der Unterschied zwischen einem Engländer aus London und ­einem Inder aus dem Pandschab."

Es ist ein kluger Kunstgriff Kadris gewesen, den Roman in die Form eines Tagebuchs zu gießen, das der Offizier vom Tage seiner hochgemuten Ankunft bis zu seinem Untergang in Schrecken führt. Alles Geschehen ist so aus der Perspektive eines gleichermaßen verzweifelten wie bornierten Idealisten geschrieben, der mit dem untergeht, was er für seine Ideale hält.
Das Tagebuch mit dem ihm eigenen Anspruch auf Authentizität und Unmittelbarkeit mag die Leser zunächst dazu verführen, sich mit dessen Verfasser zu identifizieren, seine politisch und persönlich verengte Sicht zwingt sie aber in zunehmende Distanz.
So hat Kadri, der jahrzehntelang für Atatürks Partei im Parlament saß, die Deutung dessen, was im Tagebuch über die Geburt einer Nation berichtet wird, die keine sein möchte, den Lesern überlassen. Manchmal ist aus alten Büchern erstaunlich viel über die Gegenwart zu erfahren.

Karl-Markus Gauß in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 7)


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