Celebration
Texte und Bilder zur Nacht

von Rainald Goetz

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/1999

Man lebt nur zweimal

Mit "Celebration" setzt der Münchner Autor und Raver Rainald Goetz seine Sammlung von "Texten und Bildern zur Nacht" fort und fügt damit einen weiteren Teil in seine ambitionierte Gesamterzählung zum Phänomen Techno ein.
Er sah sich auf Mission; von sehr weit hergekommen, aus den Tiefen ferner Märchen, Mythen und Geschichten; im Dienste der jeweils kommenden, neuesten Nacht." Die Rede ist von Sven Väth. Väth ist DJ und internationales Aushängeschild der Techno-Bewegung und geht um 4 Uhr 11 gewohnlich irgendwo auf diesem Planeten hinter Plattenspielern und Mischpult seiner Arbeit nach.
"Heute morgen, um 4 Uhr 11, als ich von den Wiesen zurückkam, wo ich den Tau aufgelesen habe" nennt Rainald Goetz sein jüngstes Werk, dessen eben erschienener Band "Celebration" den vierten Teil dieses groß angelegten Projekts zum Lebensgefühl Techno darstellt. Im letzten Jahr sorgten die Erzählung "Rave" und das Stück "Jeff Koons", vor allem aber das mittlerweile eingestellte Internet-Tagebuch "Abfall für alle" für Aufsehen. In Arbeit befinden sich neben weiteren Büchern auch noch eine siebenteilige 12-Inch-Serie und eine CD-ROM mit dem gesammelten "Abfall".
Rainald Goetz ist also ein vielbeschäftigter Mann, widmet er sich doch neben seiner Arbeit als Autor auch noch ziemlich professionell dem Ausgehen. Und so verwundert der Titel des Projekts - eine Phrase aus der Anfangszeit der "Harald-Schmidt-Show" - nur wenig: Um 4 Uhr 11 nämlich, wenn Sven Väth die Club-Besucher noch tanzen macht, hat Goetz bereits den Heimweg hinter sich und beginnt seinen Arbeitstag als, ja, Chronist des deutschen Techno, wohlgemerkt des Mainstreams dieser Bewegung. Mit "Techno" meint Goetz schlicht "Pop", und so stoßen experimentelle elektronische Klänge bei ihm auf keine offenen Ohren, sondern allenfalls auf Verachtung.
Auffällig daran ist zunächst einmal, daß es sich bei Rainald Goetz nicht um einen dancefloorbegeisterten Jungspund, sondern um einen 45jährigen Intellektuellen, promovierten Historiker und Mediziner handelt, der seine Schriftstellerkarriere Anfang der achtziger Jahre beim Bachmann-Wettbewerb mit dem berüchtigten Rasiermesserschnitt in die Stirn beforderte. Immerhin hatte er nach der Lesung einen Vertrag mit dem Suhrkamp Verlag in der Tasche. In den darauffolgenden Jahren wurde er jedoch mit seinem Schreiben zunehmend unzufriedener, produzierte eigenen Aussagen zufolge "immer finsterere, wahrere und doch zugleich insgesamt wohl falschere Texte".
Den Ausweg wies das Nachtleben, in dem Goetz 1988 - nach einer kurzen Punk-Phase Anfang der Achtziger - endgültig aufging. Ausloser waren House und Techno, die München über den noch heute tonangebenden DJ Hell erreichten. Und: "Seither habe ich mit dem Ausgehen nie mehr aufgehort." 1994 setzte sich der Autor erstmals auch in seiner Arbeit mit dem Lebensprinzip Rave auseinander. Auf der CD "Word" verlieh er - begleitet von elektronischem Geblubber professioneller Musiker - den Glücksgefühlen des Ravers Rainald Goetz Ausdruck und veroffentlichte den Text "Sven Väth" über einen Tokio-Aufenthalt mit der Techno-Ikone. Eine Mischung aus Reisebericht und Gespräch findet sich auch am Anfang der vorliegenden Sammlung. Und dort, wo sonst der Klappentext des Verlags steht, umreißt Goetz die Motivation für "Celebration": "Feiern, trinken, reden sowieso. In Montreux, in Tokio, in New York und San Francisco, Parties, Reisen, Interviews, all over the world. So war das Gefühl, rock'n'roll-style-mäßig, zu Beginn der Mitte der 90er Jahre. Als man nicht mehr daran dachte, war das Jahrzehnt auf einmal da und ereignete sich. Der Ort dieser Zeit war die Nacht. Und der Augenblick, als uns bewußt wurde, was wir da dauernd erlebten, war auch der Einfall der Krise, der Beginn der Arbeit am Text."
Der Schreibtisch hatte ihn wieder. Goetz ist aber nicht nur der Chronist des deutschen Techno. Seine Verherrlichung der "Banalität des Prolligen" ist lediglich der - letztlich erfolglose - Versuch, Bildungsballast abzuwerfen, und hindert den Autor keineswegs daran, Techno auch zu reflektieren. Freilich mit anderen Mitteln, als dies im deutschen Kulturghetto um Zeitschriften wie Spex oder Texte zur Kunst geschieht. "Celebration" enthält denn auch ein Streitgespräch mit zwei TzK-Redakteurinnen, deren Elitismus Goetz die Techno-Knaller eines Westbam und die Massenerfahrung auf der Berliner Love Parade entgegensetzt. An das eigene Schaffen stellt er die gleichen Ansprüche auf allgemeine Zugänglichkeit: "Erste Forderung für mich. Schon eine der allerschwierigsten, weil meine ganze Selbstkompliziertheit und die Kompliziertheit meiner Sicht der Dinge dem so wahnsinnig widerstrebt, daß das für mich eine absolute Radikalforderung ist."
"Celebration" setzt dieses Vorhaben ziemlich überzeugend um. Stets befindet sich Goetz auf "der Suche nach einem Buch, das man eigentlich nicht mehr lesen muß. Das einfach so rumliegt, in dem man bißchen blättert, das einen angenehm anweht, fertig." Der Gebrauchsanweisung folgt man gerne. Man liest hier ein paar Seiten, geht häuslichen Tätigkeiten nach, liest weiter und amüsiert sich dabei - ein wenig Interesse für das dargestellte Milieu vorausgesetzt - eimal etwas mehr, einmal weniger.
Vor gut zehn Jahren begann das "zweite" Leben des Rainald Goetz. Ob er auch 2010 als dann wohl dienstältester Raver Deutschlands noch im Amt ist, wird sich weisen. Bis auf Widerruf gilt jedenfalls: "We'll never stop living this way!"

Sebastian Fasthuber in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 10)


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