Luftgitarren
Bowie, Springsteen und all die anderen

von Roel Bentz van den Berg

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Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

An und für sich ist das alles einfach wie eine Ohrfeige. Bilder, die auch nur einen einzigen Menschen zu einem anderen führen können, sind heilig und stellen ein Mysterium dar. Bilder, die mit einer anderen Absicht herumgezeigt werden, sind dagegen unheilig und gehören zum Götzendienst. Andere Kulturen, in denen Menschendarstellungen untersagt sind, haben gerade als Problem wahrgenommen, worauf wir, zwischen Götzendienst und Mysterium hin- und hergerissen, mittlerweile pfeifen."
Was unter der Eintragung "Zur Theologie des Bildes" in dem wunderschönen Band "Etwas Licht" zu lesen ist, stammt von einem der wichtigsten und bekanntesten ungarischen Schriftsteller der Gegenwart, dem 1942 in Budapest geborenen Péter Nádas. Noch bevor 1965 dessen erste Erzählung erschien, arbeitete er als Zeitschriftenfotograf und – bis zum Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes – als Journalist in Budapest.
Noch keine sechzehn, bekam Nádas von einem Onkel eine Spiegelreflexkamera geliehen – der Beginn einer fotografischen Karriere, die den Schriftsteller/Fotografen zu einem, wie er selbst meint, bescheidenen Verständnis der "Zusammenhänge zwischen Lichtmenge, Blende, Tiefenschärfe und Belichtungszeit" führte. Mehr braucht es aber offenbar auch nicht. Denn es ist schwer vorstellbar, dass sich ein Betrachter des Bandes von keinem der zahlreichen Fotos spontan angesprochen fühlt – seien es die Impressionen dörflichen Lebens mit ihren kleinen, undurchschaubaren Dramen; seien es die Brücken, Konzertsäle, Cafés und Straßen der Stadt; die Porträts – Gesichter von einem berührend sanftmütigen Ernst (schwer sich nicht zu verlieben: in das leichte Lächeln und die niedergeschlagenen Augen von Kata Tolmár oder den unverwandt wachen Blick von Gabriella Hajós); seien es all die leeren Zimmer, kargen Räume, verlassenen Landschaften mit ihrer unkontrolliert und üppig wuchernden Vegetation.
So wie es "geheimnisvoll" bleibt, "wo das Physikalische einer Fotografie aufhört und seine Metaphysik beginnt", so haben auch viele Fotos ihr Geheimnis, und manche der fast immer ruhig und melancholisch wirkenden Bilder (aber Fotografie ist ja auch ein Medium der Melancholie) haben eine Geschichte, die Nádas in seinen kurzen Texten erzählt. Über den alten Mann mit der Pelzmütze und den mächtigen Schnurrbart wissen wir nur, dass er Nádas um Geld bat, als dieser ihn fragte, ob er ihn fotografieren dürfe: "Er dankte weder für das Geld, noch erwiderte er meinen Gruß. Er dreht mir den Rücken zu und stapfte über den verschneiten Marktplatz geradewegs auf das Lebensmittelgeschäft zu."
Zudringlichkeit und Distanzierung – zwischen diesen beiden Polen ereignet sich Fotografie. Auf die von Péter Nádas werden sie in dieser Beilage übrigens noch des öfteren stoßen. Viel Spass beim Lesen und Schauen.Zum Blättern und Querlesen lädt auch der Band "Die Luftgitarre. Bowie, Springsteen und all die anderen" des Amsterdamer Musikjournalisten Roel Bentz van den Berg ein. Er versammelt kurze Betrachtungen über Neil Young, Phil Spector oder ZZ Top und ihre Songs, die ursprünglich als Kolumnen im NRC Handelsblad publiziert wurden. Die Stärke van den Bergs ist seine klare, unprätentiöse und voraussetzungslose Schreibe, die dem Leser auch so manchen ihm unbekannten Künstler schnell vertraut wirken lässt. Das größte Kompliment an den Autor kommt von Greil Marcus, der zehn Jahre seines Lebens geben würde, "um so frei denken zu können wie van den Berg, sei es über Musik oder sonst was".

Klaus Nüchtern in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 3)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Etwas Licht (Péter Nádas, Zsuzsanna Gahse)

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