Herde der Rede
Poem

von Oswald Egger

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Verlag: Suhrkamp
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Lyrik
Umfang: 304 Seiten
Erscheinungsdatum: 23.08.1999

Rezension aus FALTER 36/1999

Süßnüsse & Zuckertannen

Der Südtiroler Dichter Oswald Egger legt, auf zwei Bücher und Verlage verteilt, ein mehr als 1800 Strophen umfassendes Megapoem vor - ein hermetisch-erotisches Hausbuch, das die Wurzeln der Dichtung freilegt und durch eine erträumte Natur streift.

Das Poem zeichnet das Bild des einsamen Dichters. Er kauert auf seiner Bettstatt, sucht Schlaf und dreht sich dabei der "Herde der Rede" zu. Wörter kommen auf leisen Pfoten geschlichen oder fliegen wie verschreckte Vögel auf. "Seltzame Namen" finden sich zuhauf, meist in bukolische Szenen eingepasst: Kernstein und Erdschlipf, Lichtmilchblüten und Bandel-Bäume, Glimpf-Tau und Winterzwirn.

Nicht nur die Dinge, auch die Landschaften seien erfunden, erklärt Oswald Egger im Gespräch. Er selbst, 1963 in Südtirol geboren und seit einigen Jahren in Wien ansässig, sei eigentlich nie bewusst in die Natur hinausgegangen, durch den Wald zu streifen fiele ihm nicht ein. Er denke sich die Landschaft aus und erträume sie; vom Schlafen sei deshalb sehr viel die Rede und übrigens auch vom Beischlaf.

So bringt das lyrische Ich der Geliebten die erträumten Gaben dar: Süßnüsse und Zuckertannen; Krehl-Hacken, Scharr-Karrner und Schleppgatter; Taupelgarn, Riffel und Ritze; Hummelblumen, Liguster und Kieferhonig. Ein barockes Übermaß, welches alles zu überlagern droht und dabei doch Platz lässt für intime Rückzugsrouten, an denen das Wortgeraffel zur Seite geräumt wird und die Sprache die Dinge verhüllt. "SECRETUM" hat der Autor einen dieser Orte genannt, dort "mohren wie geode Sippen Drusen von diskreter Stetigkeit".

Oswald Egger legt sein großes Gedicht in zwei Bänden bei zwei Verlagen vor. "Herde der Rede" ist soeben in der Edition Suhrkamp, "Der Rede Dreh. Poemanderm Schlaf" in der kleinen Zürcher Edition Howeg erschienen. Die beiden Bücher spielen zusammen wie das poetische Programm und seine Durchführung. So wird "Der Rede Dreh" als "Canevas" bezeichnet, als ein grobes Untergeflecht, auf dem dann die feingliedrige Stickerei des anderen Bandes aufsetzt. Die Herde der Rede, die sich in alle Richtungen zu zerstreuen droht, hat einen guten Hirten nötig; einen solchen hat Egger in der Figur des Poemander gefunden, die dem Corpus Hermeticum entlehnt ist, jener großen theosophischen Schriftensammlung des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts.

Das Schreibprojekt Eggers schließt programmatisch an die hermetische Tradition an. Die Dialektik des Zeigens und Verbergens fungiert als innere Dramaturgie des Textes, Dinge werden zum Erscheinen und im Erscheinen wieder zum Verschwinden gebracht, und dass der Autor mit manch einem seiner Begriffe (wie dem "Geraum", in dem sich Zeit und Raum mischen) ins Fahrwasser der heideggerschen Sprache gerät, stört ihn nicht. Schließlich habe er keine Zeile des Philosophen gelesen, außerdem handle es sich bei seiner Dichtung eben um Egger und nicht um Heidegger.

Solch bauern- oder hirtenschlauer Witz ist in dem poetischen Text punktuell eingesetzt, Ironie dagegen ist dem Megapoem fremd. Auch die wenigen lustigen Gestalten werden hier sehr, sehr ernst genommen, wie etwa das Ungeheuer aus dem Höllenkapitel "der rede interieur" ("Herde der Rede"). Das arme Monster, das da inmitten des "Ungrunds" steht, gibt sich "entzweit" und "zermorscht" als Mahnmal der Tortur zu erkennen, es vermittelt den Eindruck eines "eingetretenen Tores" zu einer anderen Welt:

"Auf den Schultern Riesiger saß als loser Schalk asyl / ein Stollen-Gnom, der vom Nacken Schnüre herunter- / geworfelt zu gelände, aber ihre oberen Lizenzen, während / die mitanderen, Borten unterhand, zu hellen Scharen / Tressen und ergriffen, zu zu tanzen tun ums Tun. Und / während Giebel-First ein Flochtkorb oder Körper / drehte sich umschnürt, scheinte es, als webe der Knabe / (der Wicht): Es muß, muß apart eine Wirklichkeit geben / und die Erinnerung des Traums an sein Erwachen."

Um der Herde der Rede Herr zu werden, hat Egger seine Sprache in Neunzeiler gestanzt - so wie man einen Teig aussticht, um Kekse zu backen. Mehr als 1800 Strophen hat der Autor in den beiden Bänden zusammengetragen, jede Buchseite ist zudem von einem Trennstrich durchzogen, der eine zusätzliche Parallelführung herstellt. Auch mit hermetischen Konstruktionsmustern spart der Autor nicht: Der Suhrkamp-Band ist mit kleinen Emblemen ausgestattet, die auf den Wechsel der Beschreibungsebenen hinweisen; "Der Rede Dreh" folgt einem mathematischen Algorithmus und ist einem aus einzelnen Fasern gewundenen Seil vergleichbar.

Die mythische Figur des Oknos, die eine ähnliche Schnur knüpft, führt Egger als eine seiner wichtigsten Quellen an; in ihr begegnet uns eine wenig bekannte Variante des Sisyphus-Mythos. Oknos sitzt am Rande der Hölle inmitten eines Schilfwaldes und dreht aus dem Gewächs ein Seil, das am anderen Ende von einem Esel gefressen wird - ein Bild, das an die Arbeit des Schriftstellers denken lässt, außerdem weist auch die Etymologie des Wortes "Autor" auf Oknos hin. An einer Stelle des Gedichts wird dann aber doch mit dem gefräßigen Vieh Schluss gemacht: "Hier ruht", so heißt es in der gebotenen Kürze, "- asinus - ein Esel."

Der ursprüngliche Schreibantrieb des Autors freilich speiste sich aus einer anderen Quelle. Es war ein Zyklus von zwölf Monatsbildern, den er literarisch illustrieren wollte. Eine neue Georgica sollte das Langgedicht werden, ein Lehrbuch der Jahreszeit. Ein Hausbuch ist "Herde der Rede" trotz der anderen, hermetisch-erotischen Richtung, die es genommen hat, geblieben. Gerne stellt Egger sich vor, dass man das Buch in der Stube liegen hat und bei Gelegenheit einen Blick hineinwirft, um sich in einem der geschilderten Räume umzusehen oder sich darin vielleicht sogar ein klein bisschen zu verlieren.

Die beste Zugangsmöglichkeit zur Textlandschaft bieten ohne Zweifel die Lesungen des Autors. Die Buchvorlage dient hierbei über Strecken nur mehr als grobes Raster, Egger improvisiert über den Text und ist auch dort, wo er ihn wörtlich liest, ganz im Jetzt präsent, wodurch es ihm gelingt, eine ungemein dichte Atmosphäre zu schaffen, der sich kaum jemand entziehen kann.

Vollends tritt in den Lesungen die eigentliche Qualität der eggerschen Dichtung zutage, nämlich sich Sanftmut zu erhalten, ohne intellektuelle Schärfe zu verlieren. Zu Zeiten, da Poeten zu Marktschreiern ihrer selbst geworden sind, fällt diese Eigenschaft umso stärker ins Gewicht. Das Werk Eggers setzt leise um, was andere lautstark von sich behaupten, die "Herde der Rede" legt die Wurzeln der Dichtkunst bloß und eröffnet einen neuen poetischen Raum.

Mit polemischen Tönen gegen unrein dichtende oder übersetzende Zeitgenossen hält sich der Autor zurück. Gegen Ende unseres Gespräches fällt ihm aber auch zu dieser Sache das passende Bildnis ein: Während andere mit ihren smarten Brettern im Hafen surfen, fährt er halt mit vollen Segeln aufs offene Meer hinaus.

Klaus Kastberger in FALTER 36/1999 vom 10.09.1999 (S. 59)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Der Rede Dreh (Oswald Egger)

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