Österreich. Berichte aus Quarantanien

von Isolde Charim, Doron Rabinovici

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Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 26/2000

Fünfzehn österreichische Schriftsteller haben ihre Gedanken zur Lage der Nation nun zu einem Buch zusammengefasst.Ein Sammelband zu altbekannten Themen.
"Wir Österreicher wählen, wen wir wollen", sagt er sich einerseits. Sein jüdischer Teil in ihm schläft aber nicht. "Nun, kein Problem", antwortet ihm dieser, "und wir Israeli haben eben diplomatische Kontakte, mit wem wir wollen." - Seit die Sanktionen der EU 14 in Kraft getreten sind, schlagen in Doron Rabinovicis Brust zwei Herzen: Der in Wien lebende Schriftsteller, in Tel Aviv geboren, fühlt sich nun mehr denn je als "kulturelles Zwitterwesen".
Mit der internationalen Ächtung Österreichs hat auch der in Paris lebende Autor Peter Stephan Jungk persönliche Erfahrungen gemacht. Nicht die Benzinpumpe und auch nicht der Auspuff seien das Problem an seinem Auto, erklärte ihm ein Mechaniker nach einem Autoservice im Februar. Sondern sein Nummernschild. Obwohl Jungk seit Jahren in Frankreich lebt, hat er bis heute ein Wiener Kennzeichen. Bei seiner Zahnärztin, Madame G., platzte ihm schließlich der Kragen. Während die Dentistin Jungk behandelte, hieß sie die Maßnahmen der belgischen Regierung gut, den wallonischen und flämischen Schülern den Austausch mit österreichischen Jugendlichen zu untersagen. Obwohl ihr am Behandlungsstuhl ausgeliefert, widersprach Jungk heftig.
Nicht nur wilde Widerstandsgedanken, sondern auch jede Menge patriotische Befindlichkeiten kommen in dem soeben erschienenen Sammelband "Berichte aus Quarantanien" - manchmal mehr, meist aber weniger humorig - zur Sprache. Fünfzehn österreichische Schriftsteller und Journalisten machen sich darin wieder einmal Gedanken zur aktuellen Lage der Nation. Manche in Form von subjektiven Kurzgeschichten, andere in Form von analytischen Essays.
Elfriede Jelinek etwa geht in ihrem Beitrag "Moment! Aufnahme! 5.10.99" mit den Versprechungen und Sparmaßnahmen der schwarz-blauen Regierung ins Gericht: "Hauptsache, das ,erstarrte politische System' wird endlich aufgebrochen (...), das festgefügte System der Sozialpartnerschaft mit dem Presslufthammer zertrümmert", kritisiert sie und kommt zu folgendem Schluss: Anteilnahme für die Schwachen sei "den Koalitionspartnern so gleichgültig wie der Mond". In dieselbe Kerbe schlägt ihre Kollegin Marlene Streeruwitz. "Bei uns muss niemand irgendetwas abfackeln", schreibt sie über die Rassismusvorwürfe gegen Österreich, die Integrationsfrage werde nun aber nur noch mit rigideren Gesetzen beantwortet: "Gewalt wird jetzt an den Erlediger delegiert, der sie dann sauber staatlich exekutiert. Ordentlich eben." Die Autoren wiederholen in ihren Aufsätzen einmal mehr, warum sich die FPÖ als Regierungspartei ständig disqualifiziert: Von Jörg Haiders NS-Sagern bis zu Thomas Prinzhorns Hormontheorie ("Gratispräparate für Ausländer"). Von der Künstlerhetze bis zu den ausländerfeindlichen Plakaten vor dem 3. Oktober. Wie die fünfzehn österreichischen Denker zu den Sanktionen der EU stehen, welche Gefahren und Chancen Österreichs Quarantäne für die Union haben könnten, diese Fragen werden eher spärlich behandelt. Dafür die Tage rund um die Großdemonstrationen vom 12. November und dem 19. Februar gepriesen. Ein neues Buch zu den Demos. Leider nicht mehr.

Nina Weissensteiner in FALTER 26/2000 vom 30.06.2000 (S. 12)


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