Deutsche Zustände
Folge 7

von Wilhelm Heitmeyer

€ 11,40
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Suhrkamp
Format: Taschenbuch
Genre: Soziologie/Sozialstrukturforschung
Umfang: 328 Seiten
Erscheinungsdatum: 08.12.2008

Rezension aus FALTER 1-2/2012

Mit Hass in die Mitte - Neues vom rechten Rand

Strache, Wilders, Sarrazin: Tabuverletzungen und Hasspropaganda unterwandern schleichend unsere demokratische Kultur

Wie stabil, wie krisenfest sind unsere Demokratien? Okay, sie haben einige historische Stresstests überstanden, den Faschismus gestoppt, die Konfrontation mit dem Kommunismus gewonnen und sind auf dem Mond gelandet.
Andererseits: Die labile Weimarer Demokratie war von innen her erstickt worden und dem autoritären Regime der Austrofaschisten waren auch schon einige demokratische Wahlen vorausgegangen. Der mörderische Bürgerkrieg auf dem Balkan wurde erst nach dem "Sieg" des Kapitalismus im Kalten Krieg möglich. Dem Genozid von Ruanda war die auf westlichen Druck hin erfolgte Einführung des Mehrparteiensystems vorausgegangen. Und die Regierung, die in Ungarn auf eine autoritäre Restauration zusteuert, hat immerhin in freien Wahlen eine Zweidrittelmehrheit bekommen. Was also spricht dafür, dass die Demokratien die innere Aushöhlung durch die Akteure des "Raubtierkapitalismus" verhindern werden? Und dass sie das Vordringen der verrohten Ideologie der Fremden- und Demokratiefeindlichkeit in die Mitte der Gesellschaft stoppen können?

Die Führerkultfiguren sind zwar fast überall noch dieselben. Die sozialpopulistischen Maulhelden mit ihren völkischen Sprüchen gehören nach wie vor zum Stammpersonal der Mediendemokratien. Sie haben sich aber nicht nur gut gehalten. Sie sind inzwischen in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen.
Ihre hartnäckig vorgebrachte Propaganda gegen Zuwanderer und Asylbewerber im Allgemeinen, Moslems im Besonderen und nicht zuletzt gegen die "Multikulti-Linke" in der Zivilgesellschaft ist salonfähig geworden. Die Anfälligkeit der etablierten Parteien – nicht nur der Konservativen – für die Parolen der Populisten ist gestiegen.
Parallel zur verschärften Rhetorik an den Stammtischen steigt draußen, unter den Extremisten, die Gewaltbereitschaft. Dafür stehen inzwischen zwei symbolische Ortsnamen: Utøya in Norwegen, Schauplatz des Massakers eines durchgeknallten rassistischen Norwegers am 22. Juli 2011 unter jungen "Multikulti"-Sozialdemokraten. Und das bis vor kurzem ebenfalls weithin unbekannte Zwickau in Sachsen, wo drei Neonazis als Normalbürger untergetaucht waren, zwei Männer und eine Frau, denen zehn Morde an Ausländern, zwei Sprengstoffanschläge und mehrere Banküberfälle zur Last gelegt werden. Die Männer haben inzwischen Selbstmord begangen, die Frau ist in Haft.
Zwickau und Utøya: Alarmzeichen wie zehn Jahre zuvor der 11. September der Al-Kaida oder später der 15. September 2008 mit dem Zusammenbruch der Lehman Brothers?

Diese Eckdaten der jüngeren Geschichte nennt die Forschungsgruppe des Bielefelder Sozialwissenschaftlers Wilhelm Heitmeyer in ihrem soeben erschienenen 10. Bericht über "Deutsche Zustände" (Suhrkamp-Verlag) wegen ihrer besonderen Bedeutung "Signalereignisse". Mit ihrer außergewöhnlichen Wucht stünden sie symbolisch für diesen Zeitraum seit 2001: "das entsicherte Jahrzehnt".
Die Verdichtung der Krisen in dieser Dekade habe die gesamtgesellschaftliche Lage der Demokratien verändert. Ein neuer Standard sozialer Instabilität habe sich etabliert. Mit den Worten Heitmeyers: "Wir erleben (...) eine explosive Situation als Dauerzustand." Kein guter Boden für die demokratische Idee.
Drastisch deutlich wird das am ostdeutschen Beispiel einer sich ausbreitenden rechtsradikalen Gewaltkultur, deren Dreh- und Angelpunkt die unverhohlen rechtsex­tremistische NPD ist. In den dortigen "Modellregionen des Rechtsextremismus" habe das westliche Modell der demokratischen Parteienkultur keine Chance mehr.
Die Folge: "Viele engagierte Demokraten können inzwischen auf ein Jahrzehnt des Lebens in Angst zurückblicken." Zum Teil ziehen sie sich in ihre vier Wände zurück. Die Jüngeren, soweit sie nicht mit den Nazis kuscheln, wandern ab. Hier stelle sich "die Frage nach der Zukunft der Demokratie".
Utøya wiederum hat gezeigt, dass im Zeitalter des Internets der extremistische Wahnsinn sich auch in den besten Demokratien entfalten kann. Nazi-Rap, rassistische Alltagshetze, Hohn für die Demokratie, Propaganda und Aktionen gegen anders Aussehende und anders Denkende gibt es inzwischen quer durch Europa.
Aber neu ist das Phänomen des allmählichen Einsickerns dieser ideologischen Gülle in den Mainstream der öffentlichen Meinung. Ein Blick auf die Hasstiraden auf einschlägigen Websites im Internet lehrt einen das Gruseln. Aber weder kollektives Wegschauen noch belustigtes Ignorieren ist eine Antwort auf das Gefahrenpotenzial, das hier erkennbar wird.
Denn die Geschichte der Demokratien hat auch gelehrt: Der Verlust von Rechtsstaat, Minderheitenschutz, Menschenrecht und Demokratie ist selten über Nacht passiert. Begonnen hat es immer mit Tabuverletzung und Hasspropaganda. Auch Mörder haben klein angefangen, mit rhetorischer Verrohung. Der Balkankrieg hat gezeigt, wie daraus Völkermord werden kann.

Auch der Horror von Ruanda begann mit Hasspropaganda. Der Schweizer Regisseur Milo Rau vom International Institute of Political Murder (IIPM), hat darüber eindrucksvoll gearbeitet. Er ist Autor von "Hate Radio", dem viel beachteten historischen Reenactment-Projekt über den ruandischen Genozid und die Bedeutung eines beliebten Rock- und Popmusiksenders in jeder Phase dieses kollektiven Grauens.
Rau beschreibt Ruanda als Modell für die Eskalation vom Hass zum Genozid. Der Anfang sei das Schwierigste: Dinge, die vorher komplett verboten gewesen seien, müssten plötzlich als ganz normal gelten, "Rede- und Denkverbote müssen nachhaltig gebrochen werden". Das erfordert propagandistische Ausdauer. Rau sagt in einem Interview: "Gewisse Stereotypen müssen im öffentlichen Raum immer wieder wiederholt werden, es muss ein ‚Wir gegen sie'-Weltbild fest im gesellschaftlichen Diskurs verankert werden."
Gewiss trennen uns in Europa Welten von Situationen wie in Ruanda. Ist es aber nicht genau das, was sich bei uns am rechten Rand zurzeit abspielt, aber nicht mehr nur dort "draußen", unter den Irren?
Wirken die Tiraden des Niederländers Geert Wilders und die fröhlichen Hasswahlreime der Disco-affinen FPÖ nicht wie eine erste Stufe der kulturellen Offensive gegen die Demokratie und gegen "die Anderen"? Auch Thilo Sarrazins ressentimentgeladener Bestseller – über eine Million Exemplare verkauft – über die Gefahren, die der deutschen Intelligenzgesellschaft durch die Zuwanderer aus einem minderwertigen Genpool drohen, ist kein übler Anfang für diesen Einstieg in die Hassspirale. Beim Lesen bitte Popmusik hören. Oder Wagner. Da kommt die rechte Stimmung auf.

Werner Perger in FALTER 1-2/2012 vom 13.01.2012 (S. 16)


Rezension aus FALTER 6/2009

Die unhübschen Narben, die Willy Brandt fürchtete

Willy Brandts berühmter Satz wurde verstümmelt, und auf diese Feststellung legt Wilhelm Heitmeyer großen Wert. Vergessen würden bei dem schlichten "Nun wächst zusammen, was zusammengehört" die Bedingungen, unter denen das passieren kann, sagt der Sozialwissenschaftler.
Es geht eben nicht so einfach. 20 Jahre nach dem Mauerfall schreibt Heitmeyer in seinem neuen Buch: "Wir leben immer noch in zwei Gesellschaften." Vorurteile und Stereotypen haben sich nicht verringert. Ost- und Westdeutschland sind noch nicht zusammengewachsen. Das ist im siebenten Band der Reihe "Deutsche Zustände", einer Langzeitstudie der Uni Bielefeld, nachzulesen.

Die halboffene Gesellschaft
Dass sich viele Ostdeutsche nicht eingebunden fühlen, liegt freilich an der wirtschaftlichen Situation, schreiben Heitmeyer und seine Co-Autoren. Die Arbeitslosigkeit ist in den neuen Bundesländern hoch, das Lohnniveau niedrig; die Gründe für die Unzufriedenheit sind, so die Autoren, vor allem ökonomischer Natur: Ist man integriert ins Berufsleben, hat man einen Ausbildungsplatz? Wie sehr man sich eingebunden sieht, liegt aber auch daran, wie offen einem andere entgegenkommen.
Das geht schön aus dem angefügten Gespräch, das Heitmeyer und der Zeit-Redakteur Gunter Hofmann mit dem einstigen DDR-Oppositionellen Friedrich Schorlem­mer geführt haben, hervor: "Wir haben zwar eine offene Gesellschaft, aber wenn man sagen will, die DDR-Ganztagsschule war nicht übel, dann findet man kein Gehör. Deswegen muss man noch lange kein Freund Margot Honeckers gewesen sein", sagt Schorlemmer.
Was aber heißt das für Deutschland? Wilhelm Heitmeyer spricht von einer "labilen gesellschaftlichen Situation", die sich aus dem Auseinanderdriften, zumindest Nichtzusammenwachsen, ergibt – und das sei auch kein guter Nährboden für das Zusammenleben mit Fremden und schwachen Gruppen. Heitmeyer spinnt damit Brandts Rede – die mit dem verstümmelten Satz – weiter. Der SPD-Ehrenvorsitzende sagte 1990: "Die wirtschaftliche Aufforstung und soziale Absicherung liegen nicht außerhalb unseres Leistungsvermögens. Die Überbrückung geistig-kultureller Hemmschwellen und seelischer Barrieren mag schwieriger sein. Aber mit Takt und Respekt vor dem Selbstwertgefühl der bisher von uns getrennten Landsleute wird es möglich sein, dass ohne entstellende Narben zusammenwächst, was zusammengehört." Auf Achtung vor dem "anderen" Deutschen folgt nach Heitmeyer also Achtung vor dem "Fremden"; wer sich integriert fühlt, schließt andere nicht so leicht aus.
Das Ausschließen aber, die "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit", ist nicht weniger geworden. Das geht von Vorurteilen Muslimen gegenüber (besonders in jenen Regionen, wo kaum welche leben) bis hin zu vermutlich rechtsextremen Gewalttaten wie zuletzt dem Mordanschlag auf den Passauer Polizeichef im Dezember 2008 oder der Hetzjagd auf Inder 2007 in Mügeln, Nordsachsen.

Blühende Landschaften
Die mentale Mauer werde im Laufe der Zeit abbröckeln, besonders wenn Leute aus dem Westen sich abgewöhnten, Ossis als undankbare und untüchtige Wohlfahrtsempfänger zu behandeln, meinte der Historiker Eric Hobsbawm einmal. Wolfgang Thierse, Bundestagsvizepräsident und "Ossi", warnt seine Landsleute aus dem Osten vor dem Selbstbeurteilungsklischee "Wir sind Deutsche zweiter Klasse".
Diese Haltung sieht Heitmeyer allerdings durch die Versprechen ("blühende Landschaften") gefördert: "Die Ostdeutschen haben sich von Anfang an mit den Westdeutschen verglichen und nicht zum Beispiel in ökonomischer Hinsicht mit den Polen oder den Ungarn, was ein viel adäquaterer Vergleich gewesen wäre." Ob dann aber das Gefühl der Einheit schneller gekommen wäre?

Christine Zeiner in FALTER 6/2009 vom 06.02.2009 (S. 17)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb