Gemeinschaften
Auf der Suche nach Sicherheit in einer bedrohlichen Welt

von Zygmunt Bauman

€ 15,50
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Übersetzung: Frank Jakubzik
Verlag: Suhrkamp
Format: Taschenbuch
Genre: Soziologie
Umfang: 180 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.01.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Immer wiederkehrende Sehnsucht nach Wärme

Ein 83-Jähriger auf der Höhe der zeitgenössischen Diskurse; ein jüdischer Pole der Vorkriegsgeneration mit größtem Verständnis für gegenwärtige Lebensformen; eine sprachliche Eleganz, die, unprätentiös und gelassen zugleich, jeglichen Jargon vermeidet: Zygmunt Baumann, der große alte Mann der Soziologie, hat ein neues Buch geschrieben: "Gemeinschaften. Auf der Suche nach Sicherheit in einer bedrohlichen Welt".
Es setzt mit einer Lobpreisung ländlicher und sonstiger Kleingemeinschaften ein, die den Leser ob so viel Gemeinschaftspathos den Kopf schütteln lässt. Aber gleich darauf, mit Einsetzen der "ursprünglichen Akkumulation" des Kapitals und beginnender Industrialisierung, ändert sich der Ton. Und nun versteht man erst, wozu Baumann die Romantisierung der Gemeinschaftsvorstellung dient: Er weist sie als unstillbare, immer wiederkehrende Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit aus. Die Urszene der Industrialisierung erscheint da wie eine Erbsünde, die uns endgültig aus dem Paradies der Gemeinschaften vertrieben hat, nach dem wir uns bis heute sehnen. In dem epischen Konflikt zwischen Schutz und Freiheit ist die "Suche nach Sicherheit" aus dem Untertitel ein bleibendes gesellschaftliches Movens.

Und dann kommt ein furioses Kapitel über die heutigen Eliten. Diese bestimmen sich wesentlich dadurch, dass sie die "Geschichte der großen Bindungen der Moderne, das Abenteuer der sozialen Lenkung durch Manager und Ingenieure" hinter sich gelassen haben. Die heutigen Eliten haben kein Interesse mehr daran, andere zu regulieren, so Baumanns Definition von Deregulierung. Statt zu herrschen, haben sie sich für die Abspaltung entschieden, statt die Massen zu binden, haben sie sich von ihnen verabschiedet und in die Exterritorialität eines elitären Kosmopolitismus zurückgezogen, in "eine soziokulturelle Blase" zwischen Tokio, New York, London und Los Angeles.

Auf diese Weise tritt der Gemeinschaftsbegriff an die Stelle der Kategorie "Klasse". Die flexiblen Eliten sind so individualisiert, dass sie nicht mehr als Klasse bestimmt werden können, was ja einen gewissen Grad an Kollektivität voraussetzt, sondern nur noch als "Gemeinschaft der Nichtzugehörigen, als Vereinigung der Einzelgänger". Was dieser Elite gegenübersteht, ist kein Proletariat, keine Klasse der Ausgebeuteten und Unterdrückten. In unserer "liquiden Moderne" ist auch die Masse zu keiner dauerhaften Gemeinschaftsbildung mehr fähig, die sie als politischer Akteur allerdings brauchen würde. Gemeinschaft wird im Verlauf des Buches immer mehr zu einer Kategorie, die ihre eigene Abwesenheit markiert. Aber was ist mit den ethnischen Gemeinschaften, die um ihre Anerkennung kämpfen – sind das keine politischen Akteure?

Baumann antwortet mit einer vehementen Abrechnung mit dem Multikulturalismus. Er sieht sehr wohl die Notwendigkeit solcher Kämpfe, gleichzeitig aber warnt er vor der Verabsolutierung der kulturellen Differenzen. Reine Identitätskämpfe sind für ihn gar nicht so demokratisch, wie das die Kulturlinke seit den 1970er-Jahren behauptet. Sie verbergen vielmehr einen fundamentalistischen Zug, wenn sie nur als Selbstverwirklichung betrieben werden, und gelten ihm nur dann emanzipatorisch, wenn sie im Kontext von Umverteilung geführt werden.
Baumanns zentrales Credo lautet: Gerechtigkeit lässt sich heute nur dann erzielen, wenn sie sich auf soziale Gerechtigkeit und Verteilungsgerechtigkeit beruft. Nur so führen Forderungen nach Anerkennung zu dem, worum es ihm zu tun ist und woran es heute mangelt: zu einer "ethischen Gemeinschaft", die sich durch Gleichheit der Ressourcen und durch kollektive Absicherung gegen individuelle Defizite und Schicksalsschläge auszeichnet.
Spätestens hier wird klar, warum das Fehlen des Jargons eingangs so gelobt wurde. Was Baumann hier vorlegt, ist ein Pamphlet gegen die Kulturlinke, das nicht hinter deren Errungenschaften zurückfällt. Ohne erhobenen Zeigefinger, ohne den Duktus der dogmatischen Linken bezieht er eindeutig Stellung für soziale Gerechtigkeit. Ein wirklich lesenswertes Buch.

Isolde Charim in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 45)


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