Vom Guten, Wahren und Schönen
Frankfurter und Zürcher Poetikvorlesungen

von Sibylle Lewitscharoff

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 200 Seiten
Erscheinungsdatum: 20.05.2012


Rezension aus FALTER 43/2013

"Ich habe Schlingensief sofort geohrfeigt"

Die deutsche Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff spricht über ihre Liebe zur Ordnung, ihre Liebe zu Wien und über ihren Hass auf den grassierenden Hässlichkeitskult

Es ist ein herrlicher Spätsommertag im September. Seit Februar bewohnt Sibylle Lewitscharoff – Tür an Tür mit einem halben Dutzend anderer deutscher Künstlerstipendiaten – eines der großzügig dimensionierten Ateliers der Villa Massimo. "Niemand dabei, der sich komisch benimmt oder komisches Zeug macht – sehr, sehr angenehm. Für mich ist das das Schönste, was man mir je geschenkt hat."
Lewitscharoff hat eine der lässigsten literarischen Karrieren im deutschen Sprachraum hingelegt. 1998, als sie mit "Pong" den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann, war sie völlig unbekannt, aber mit 44 Jahren zu alt, um noch als "Fräuleinwunder" gehypt zu werden. Mit Romanen wie "Consummatus" (2006), "Apostoloff" (2009) und zuletzt dem mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichneten "Blumenberg" (2011) hat sie sich in die erste Reihe der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur geschrieben. Am 26. Oktober wird ihr der mit 50.000 Euro dotierte Büchnerpreis verliehen.
Das über zwei Stunden dauernde Interview findet bei Tee und Keksen im "Privatgärtlein" des Ateliers statt und wird akustisch kaum beeinträchtigt. Nur die Papageigeschwader, die hin und wieder vorbeiziehen, machen einen gehörigen Wirbel.

Falter: Wie lebt sich's hier in Rom? Ist das noch immer ein Sehnsuchtsort für deutsche Dichter?
Sibylle Lewitscharoff: Für mich schon. Als ich vor zehn, elf Jahren für drei Monate ein Stipendium hier hatte, war ich völlig euphorisiert und bin täglich vier Stunden rumgelaufen. Jetzt ist es gesetzter.

Sie kommen aus Stuttgart-Degerloch. Das stellt man sich in etwa wie das Gegenteil von Rom vor.
Lewitscharoff: Degerloch ist doppelt gemoppelt: Es gibt die sehr reiche Villengegend am Fernsehturm, und es gibt ein Kleinbürgerviertel. Da stamme ich her, und es kommt in meinen Büchern ja auch unverhältnismäßig oft vor.

Es wurde Ihnen weitgehend konkurrenzlos überlassen.
Lewitscharoff: Alle Schriftsteller beleben irgendwann mal ihre Kindheit. Das ist ein durchgängiges Muster. Ich lebe gerne in Berlin, würde aber niemals über Berliner schreiben. Das ist vollkommen langweilig. Die Degerlocher hingegen – große Klasse!
Sie haben sich auch sprachlich-phonetisch der Assimilation erfolgreich verweigert.
Lewitscharoff: Oh, apropos Sprache. Das muss ich Ihnen erzählen: Die witzigste Schreiberfahrung meines Lebens – wun-der-bar! Vor eineinhalb Jahren habe ich ein Theaterstück über einen Oberkellner geschrieben, der im Jenseits bedient. Und das kann natürlich nur ein Wiener tun. Ich kann aber kein Wienerisch. Also habe ich meinem Freund Klaus Zeyringer (österr. Germanist und Literaturkritiker, Red.) den Text in schwäbischem Dialekt geschickt, und das Zeyringerle hat's verwienert. Als ich das zurückbekam, bin ich vor Lachen schier vom Stuhl gefallen. Die Dialektdifferenz ist hochinteressant! Das Schwäbische ist ein Kleinbürgerdialekt: Wir holen alles runter. Das Wienerische hingegen geht himmelhoch und kellertief. Das hat in der Gemeinheit, in der Metaphorik und den Sozialtemperaturen eine viel größere Spannbreite. Wenn man mir in früheren Jahren etwas in Wien angeboten hätte, hätte ich gerne zugegriffen. In Deutschland wäre etwas anderes als Berlin nicht infrage gekommen. Aber Wien? Mit Handkuss!
Woher kommt Ihre Wien-Liebe?
Lewitscharoff: Mein Vater hat dort studiert und davon erzählt. Und Doderer und Herzmanovsky-Orlando habe ich schon in meiner Schulzeit mit Begeisterung gelesen. Ich habe versucht, mit dem "Gaulschreck im Rosennetz" die ganze Klasse zu missionieren. Es hat halt nicht ganz geklappt.

Die österreichische Literatur liegt Ihnen?
Lewitscharoff: Ja, gerade weil sie anders ist als die deutsche Nachkriegsliteratur. Da wurde erst einmal der Krieg verarbeitet, dann jenes, dann die Frauenbewegung und dann wurde auch noch der große ­Mauerfallroman gefordert. Dieses stick­lufthafte Durcharbeiten hasse ich. Die Österreicher waren sowohl in der Bösartigkeit als auch im Spielerischen viel besser – selbst jemand wie Handke, der eigentlich kein großer Spieler ist. Bei Handke war ich sofort dabei, bei Thomas Bernhard hat's
etwas länger gebraucht. Aber auch Christine Lavant ist eine sagenhafte Dichterin! Was mich radikal begeistert, ist dieser Gottes­hader: total katholisch geprägt, aber zugleich das große Rütteln am Käfig. Von allem, was ich von Frauen kenne, begeistert mich die wohl am meisten. Mit der Bachmann hingegen kann ich gar nix anfangen.

Zu Elfriede Jelinek haben Sie sich auch kritisch geäußert. Deren Literatur hat Sie nie beeindruckt?
Lewitscharoff: Am Anfang fand ich das hochinteressant und habe es auch mit Feuereifer gelesen, hörte dann aber auch sehr plötzlich wieder auf. Und wenn diese Kalauermaschine angeworfen wird, ist die Aggression bei einer Enttäuschten wohl größer.

Insgesamt haben Sie aber nachgerade eine Affenliebe zu den Österreichern entwickelt: Sie finden ja bizarrerweise sogar die österreichischen "Tatorte" besser als die deutschen. Schauen Sie denn noch "Tatort"?
Lewitscharoff: In der Regel nicht. Das blöde Gebaren der Kommissare, die immer die Füße auf den Tisch legen und den Pappbecher in den Papierkorb schmeißen, fand ich immer so albern. Es sind auch so hässliche Kerle und Frauen, furchtbar!

Lena Odendahl ist doch keine unansehnliche Frau!
Lewitscharoff: Jaaa, 'ne Hardcore-Lesbe. Wenn's sein muss. Und Maria Furtwängler sieht zwar gut aus, kann aber überhaupt nicht schauspielern.

Und bei den US-Serien?
Lewitscharoff: Fand ich zum Beispiel "Monk" ganz doll.

Weil er Zwangsneurotiker ist?!
Lewitscharoff: Ja, wunderbar! Aber selbst das normale Zeug ist um Klassen besser als der deutsche "Tatort".

"CSI"?
Lewitscharoff: Kann man ankucken, klar. Und die Krimiserien aus England oder Dänemark fand ich dann auch richtig gut.

"Kommissarin Lund"?
Lewitscharoff: Zum Beispiel. Da war auch die Kamera hervorragend.

Da fand ich aber, dass die erste Staffel wesentlich …
Lewitscharoff: … ja, viel besser! Ein unglaublich gutes Personal und ganz tolle Schauspieler!
Kennen Sie "New Tricks"?
Lewitscharoff: Ja. Wunderbar. Die Engländer haben aber sowieso ein großes Plus, nämlich ein irrsinniges Reservoir an ­erstklassigen Schauspielern – bis hin zu ­Nebenschauspielern, die wir noch nie ge­sehen haben. Wenn in "Inspector Barnaby" diese Provinzler in Scharen auftreten, ist ­einer besser als der andere. Ich weiß nicht, wo die die herholen. Dass auch die kleinen Rollen komplett mit guten Schauspielern durchbesetzt sind, gibt es im "Tatort" nie.

Weil Sie vorhin von Christine Lavant sprachen: Wie halten Sie's denn mit der Religion?
Lewitscharoff: Als Kind war ich wirklich fromm. Das legte sich dann, aber aus der evangelischen Kirche bin ich nie ausgetreten, obwohl ich Qualen mit ihr leide.

Sie gehen aber in die Kirche?
Lewitscharoff: Kommt schon vor. Die kindliche Prägung bin ich jedenfalls nicht los geworden: Wenn's mir ans Schlafittchen geht, werde ich sofort wieder fromm.

Stört Sie das dann?
Lewitscharoff: Nein, gar nicht. Weil ich das von einer liebenswürdigen und unglaublich generösen Großmutter habe. Ihr verdanke ich mein schwäbisches Gleichgewicht. Mein Vater hat sie auch sehr geliebt. Ich glaube, er hat meine Mutter nur wegen der Schwiegermutter geheiratet. Sie war der ruhende Pol in dieser explosiven und schreckhaften Familie: der Vater ein Selbstmörder und die Mutter ganz kompliziert.

War Ihr Vater denn depressiv?
Lewitscharoff: Ja, das brach immer im Frühjahr aus. In Degerloch war er eine mondäne Figur. Er kaufte seine Anzüge in Paris, fuhr einen großen Citroën DS – und zwar Anfang der 60er-Jahre, als alle anderen, die Geld hatten, Mercedes fuhren. Er machte was her und war ästhetisch begabt. Und meine Mutter kam zwar aus dem radikalen Kleinbürgertum, hat aber eigentlich nur Dior getragen. Beide waren französisiert und sehnten sich aus dem deutschen Nachkriegsmuff raus.

Über Ihren Vater haben Sie einmal gemeint, er habe sich "unwürdig selbst entleibt". Das ist schon ein hartes Urteil?!
Lewitscharoff: Na ja, wenn sich einer aufhängt und die Frau muss ihn finden … Das kann ein Arzt schon ein bissl anders machen. Also wirklich!

Sie haben das "furchtbare Sterbetheater" Ihrer Eltern beklagt: Ist es wirklich so wichtig, wie man stirbt?
Lewitscharoff: Das ist außerordentlich wichtig! Schon einmal in Bezug auf die Hinterbliebenen, denen sich das ja massiv einprägt. Die Großmutter war krebskrank und hat sicher auch gelitten, starb aber voller Anteilnahme für uns.

Manche sind vielleicht nicht so gut im Sterben?!
Lewitscharoff: Ja sicher, aber auch deswegen, weil sie davor kein Leben ­geführt haben, um es zu können.

Auf die Frage von Boswell, wie er sich für die Stunde seines Todes wappnen soll, antwortet Dr. Johnson: Wichtig sei, wie einer gelebt hat, "das Sterben ist belanglos, es dauert ja nur kurz".
Lewitscharoff: (Lacht.) Das ist natürlich eine klasse, bündige Antwort, klar!

Bleiben wir noch beim Tod: In Ihren Poetikvorlesungen geht es unter anderem auch darum, dass die Literatur Gespräche mit Toten führt. Gestern ist Marcel Reich-Ranicki verstorben … 
Lewitscharoff: Aah!

Ach, das haben Sie hier noch nicht mitbekommen?
Lewitscharoff: Nein.

Welches Gespräch würden Sie denn mit ihm führen wollen?
Lewitscharoff: (Verzieht das Gesicht.)

Fürs Protokoll: Macht einen schiefen Mund.
Lewitscharoff: Ich finde seine Rolle in der deutschen Literaturkritik, als ­großes ­Mammut durch die Gegend zu stapfen und doch recht bescheidene und sehr festge­backene Ansichten zu hegen, ziemlich verheerend. Und was er in der Gegenwartsliteratur hofiert hat, fand ich sehr oft furchtbar.

Sie haben einmal die unbotmäßige Nähe im Literaturbetrieb beklagt: Letztlich kenne jeder jeden und wolle niemandem schaden …
Lewitscharoff: Der Schriftsteller profitiert unter Umständen davon, aber für die Kritiker halte ich das für fatal! Wenn ich diesen Beruf ergriffen hätte, wäre ich ein scharfer Hund geworden.

Ich habe neulich mit einer Autorin gesprochen, die meinte, man bedürfe schon auch der Kritiker, die einen wohlwollend begleiten …
Lewitscharoff: Das ist Pipifax! Wenn ich verrissen werde, ärgere ich mich natürlich genauso wie jeder andere. Aber ich ärgere mich nur zu Hause. Ansonsten bin ich der Auffassung, dass ein scharfer Verriss sein darf und muss. Bücher setzen eben Emotionen frei, und die dürfen auch in der Kritik vorkommen.

Es gibt allgemein eine große Sehnsucht nach dem Kanon. Und der soll dann bitte auch so bleiben!
Lewitscharoff: Na gut, das ist besonders albern, weil die Dinge ständig im Fluss sind: Man kann diese Tonnage, die da auf einen zurollt, ja gar nicht bewältigen, ohne dass man vieles vergisst. Wenn man an die schulische Ausbildung denkt, bin ich allerdings dagegen, dass man ständig Gegenwartsautoren verwurstet, nur weil die vielleicht leichter lesbar sind. Da braucht man schon einen Kanon.

Aber gerade den gibt's nicht mehr!
Die meisten Maturanten heute kennen Büchner grad vom Hörensagen. Das finde ich schon … 
Lewitscharoff: … komisch, ja.

Wie werden Sie's denn bei Ihrer Büchnerpreis-Rede anlegen?
Lewitscharoff: Ich muss gestehen, dass ich mit den Theaterstücken nix anfangen kann, was womöglich daran liegt, dass ich so erdenschlechte Aufführungen gesehen habe. Ich werde mich also stark auf den "Lenz" kaprizieren: Das Verrückten-Thema liegt mir ja nun wirklich sehr nahe.

Um einen Verrückten geht's auch in "Pong", dem Buch, das Sie als Ihr am stärksten autobiografisches bezeichnet haben.
Lewitscharoff: Ich war zwar nie in Gefahr, in der Psychiatrie zu enden, aber die klassische Unfähigkeit des Verrückten, sich zu einem Mittelmaß zu bequemen und einzusehen, dass wir weder gottgleich noch Ameisen sind, ist mir sehr nachvollziehbar. Das ist letztlich auch das Interessante – sofern man mit solchen Leuten nicht privat zu tun hat, was ich meide, wo's nur geht.

Es gehört zum romantischen Künstlermythos, dass Genies auch ein bissl wahnsinnig sein müssen.
Lewitscharoff: Das halte ich für Quatsch. Es sind ja nur wenige Verrückte künstlerisch produktiv. Mich faszinieren allerdings die Schicksale, die im Verborgenen blühen.

Im Unterschied zu den allgemein akklamierten Narren à la Jonathan Meese?
Lewitscharoff: Das gehört wirklich zum Blödesten, was es so gibt. Auch bei Jeff ­Koons, der halt gern ein Vierjähriger geblieben wäre, fragt man sich, warum dieser Kinderquatsch in jeder Großstadt aufgestellt werden muss.

Wen schicken Sie dagegen ins Feld?
Lewitscharoff: Mein Lieblingsverrückter ist Achilles Rizzoli. Der hat am Fußende des Bettes seiner Mutter geschlafen, solange die lebte, und Architekturzeichnungen von überwältigender Schönheit geschaffen, in denen er Barock, Rennaissance und amerikanischen Jahrmarktskitsch zu gotischen Riesenkathedralen aufeinandergetürmt hat. Und obwohl er ein totaler Pedant war, zerfällt das nicht und hat eine betörende Gesamtwirkung.

Ihre eigenen grafischen Arbeiten sind auch sehr fein und genau ausgeführt. Sie bügeln sicher auch super?!
Lewitscharoff: (Lacht.) Ja, stimmt. Mein Ordnungs- und Sauberkeitswahn ist auf den extremen Drill meiner Kindheit zurückzuführen: Die Kleider mussten schön über dem Stuhl hängen, weil Jesus nachts kommt und das begutachtet. Wie gesagt, meine fromme Großmutter war sehr liebenswürdig, aber dass der unordentliche Mensch eigentlich ein böser Mensch ist, war schon klar.

Stimmt ja auch, oder?
Lewitscharoff: Ich kenn schon ein paar Unordentliche, die eigentlich ganz in Ordnung sind.

Aber Sie sind ordentlich?
Lewitscharoff: Wir haben eine große Wohnung, und die ist immer tipptopp. Ich werfe auch sofort alles weg, was ich nicht mehr brauche. Noch nie im Leben habe ich irgendwelche komischen Artikel aufgehoben.

Und Bücher, die sie nicht wollen?
Lewitscharoff: Die kriegt mein Buchhändler geschenkt. Richtig doofes Zeugs aber kommt sofort in die Tonne. Als Ausgleich für den radikalen Ordnungstrieb im Leben darf es in meiner Literatur dafür etwas wilder zugehen.
Müssen Sie das Wilde hegen oder eher abwehren?
Lewitscharoff: Mir fallen ohnehin die überkandidelten Sachen ein, also bin ich eher ­jemand, der das Zeug radikal beschneidet: Ich muss den Metaphernbeschuss nicht auch noch in fünf Nebensätzen fort­setzen.

Mit dem Hauptsatzstakkato gehen Sie aber auch streng ins Gericht.
Lewitscharoff: Ja gut, das ist aber wirklich auch eine Pest. Die meisten schreiben diesen Präsensstiefel, der auch rhythmisch unglaublich fade ist. Wenn man auf kurze Wirkung setzt – zack! –, kann Präsens schon toll sein. Aber wenn Schwingungen entstehen sollen, ist das furchtbar.

Es verdrießt Sie, wenn niemand mehr den Ehrgeiz entwickelt, einen schönen Satz zu schreiben?
Lewitscharoff: Oder es auch gar nicht kann. Wenn Sie zu wenig lesen und sich nicht auch an den Autoren schulen, die einen breiten Wortschatz hatten und große Feinmechaniker der Syntax waren, dann kommt auch was Primitives raus.

Ihre Poetikvorlesungen haben Sie mit dem Titel "Vom Guten, Wahren und Schönen" versehen. Vor nicht allzu langer Zeit wäre das noch als ironisch missverstanden worden.
Lewitscharoff: Begriffe saufen ja auch zu Recht erst einmal ab, weil sie fürchterlich abgenutzt wurden. Aber dann kann man sie wiederbeleben. Der Hässlichkeitskult ist in der Literatur, Gott sei Dank, etwas weniger extrem als im Theater, das in dieser Hinsicht mein wirklicher Feind ist.

Wer denn nun?
Lewitscharoff: Wenn man seine ästhetische Erziehung an der Schaubühne erfahren hat, als diese von Peter Stein und Klaus Michael Grüber geleitet wurde, kann man diesen Senf der Berliner Volksbühne wirklich nicht ertragen. Der Stil, der nach dem Zusammenbruch der DDR über Berlin hereinbrach, war einfach schrecklich.

Frank Castorf?
Lewitscharoff: Zum Beispiel. Aber auch dieser entsetzliche Schlingensief.

Der aber doch ernsthaft nach Erlösung gesucht hat, oder?
Lewitscharoff: Das sehe ich anders. Aber da bin ich auch nicht die beste Zeugin, denn ich bin ein sehr frühes Schlingensief-Opfer.

Wie das?
Lewitscharoff: Ich hatte mit zwei Kolleginnen ein Filmdrehbuch geschrieben, das vom ZDF auch genommen wurde. Als Regisseur wurde uns ein völlig unbekannter Regisseur namens Schlingensief vorgestellt. Er war überaus freundlich, hat uns erzählt, was er damit machen will, und wir waren sehr einverstanden. Kaum hatte er den Auftrag, bekamen wir einen Brief, in dem er meinte, wir mögen doch davon absehen, bei den Dreharbeiten anwesend zu sein, weil ihn das stören würde. Und dann ging es los: Unser Stoff hatte ursprünglich keinen einzigen Todesfall; am Schluss aber gab's sechs Morde und zwei Selbstkreuzigungen. Dafür habe ich ihn geohrfeigt.

Wirklich?
Lewitscharoff: Aber sofort! Ich habe ihm das auch nie verziehen.

Klaus Nüchtern in FALTER 43/2013 vom 25.10.2013 (S. 28)


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