Sachbuch-BESTENLISTE September 2022

Das große Beginnergefühl

Moderne, Zeitgeist, Revolution
€ 18.5
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Konventionen zertrümmern, Wahrnehmung revolutionieren, Neues imaginieren – das war der Geist der radikalen Moderne. Bert Brecht sprach vom großen Beginnergefühl. Heute scheint jeder utopische Optimismus verflogen – ist es damit ein für alle Mal vorbei?
»Keineswegs!«, hält Robert Misik solchen Abgesängen entgegen. Er unternimmt einen Parforceritt durch 200 Jahre linke Kunst: von Heinrich Heine bis Elfriede Jelinek, von Patti Smith bis Soap & Skin, vom Bauhaus bis zum Gemeindebau. Das Aufbegehren gegen das Überholte und die Revolutionierung der Stile sind auch heute die große Aufgabe der Kunst, genauso wie Exzess und Intensität. »Ändere die Welt, sie braucht es«, sagt Misik mit dem alten BB. Er skizziert ein ästhetisches Programm jenseits von Kommerz, Entertainment und dem ewig schon Dagewesenen.

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FALTER-Rezension

Auf der Suche nach dem verlorenen Fight

Der Wiener Publizist Robert Misik traut sich was. Die Kulturwissenschaft hat sich darauf geeinigt, dass das Projekt der kulturellen Moderne, der Aufbruch in eine bessere Zukunft, als gescheitert betrachtet werden kann. Zu europäisch, männlich und weiß sei das, was aus den Ateliers und Schreibstuben der Metropolen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts kam.
Misik tritt in einem Essay den Gegenbeweis an. Er sucht in 200 Jahren moderner Kunst "eine linke Geschichte", die im Dienste von Emanzipation und Befreiung steht und das ausstrahlt, was der Autor im Buchtitel "das große Beginnergefühl" nennt. Statt modischer Modernekritik bietet er trotzige Utopienostalgie.

Der Essay eilt in Riesenschritten durch den westlichen Kanon. Die verändernde Wirkung von Kunst findet Misik nicht nur bei dezidiert engagierten Autoren wie Bertolt Brecht, sondern auch bei Romanciers wie Honoré de Balzac, der sich als Konservativer verstand, in seinen Büchern aber dennoch den geldgetriebenen Geist seiner Zeit entlarvte. Der bekennende Linke konstatiert in jenen Richtungen Fortschritt, die von Moskau einst als Formalismus abgelehnt wurden, etwa den Experimenten Stéphane Mallarmés (1842-1898), dessen Lyrik die Floskeln der journalistischen Sprache unterläuft.

Rote Décadence Misik versucht, einfach zu schreiben und den akademischen Jargon zu vermeiden, der in Moderne-Studien oft verbreitet ist. Seine Stippvisiten bei den Helden der Avantgarde fallen mitunter leider etwas vereinfachend aus. Das Wiener Fin de Siècle wird weniger als dekadentes Luxusprodukt antidemokratischer Ästheten geschildert als vielmehr als Nährboden für den Klassenfight im Roten Wien. Auch beim Kapitel Bauhaus bleibt wenig Platz für Differenzierung. Misik schildert die 1919 in Weimar gegründete Kunstschule als Hort sozialistischer Ideen, nicht als Tempel esoterischer Querdenker, was sie zumindest in ihren Anfängen auch war. Das Namedropping schmerzt, wenn für eine Künstlerin gerade einmal ein Adjektiv Platz bleibt, etwa die "geniale" Fotografin Annie Leibovitz.

Ansteckender Enthusiasmus Misiks Enthusiasmus ist ansteckend. Die meisten politischen Journalisten machen einen Bogen um Kubismus oder Futurismus, "Das große Beginnergefühl" betont deren gestaltende Kraft. Feurig polemisiert der Autor gegen die "modischen Verzärteltheiten" des Kunstbetriebs und die tatsächlich oft lähmende Anrufung von Ambivalenz und Ambiguität.

Die überzeugende Darstellung eines "selbstbewussten Avantgardegeistes" gelingt ihm nicht. Das hängt auch mit der Auswahl der zeitgenössischen Beispiele zusammen. Das Utopische in der Kunst verspürt Misik ausgerechnet auf einem Konzert der Musikerin Soap&Skin, deren melancholische Songs der Inbegriff retrophiler Weltflucht sind. Die vom Autor gefeierten, auf realen Ereignissen basierenden Stücke des Schweizer Theatermachers Milo Rau mögen einer Intervention näher kommen. Die Grenzen eines nach Aktualität und Realness dürstenden Festivalbetriebs vermag Raus Kunst nicht zu sprengen.

Das Buch ist kein richtiger Essay geworden. Vor lauter Aufzählungen vernachlässigt Misik die Ausführung des Themas, die Relevanz linker Ästhetik. Wer das Buch als Statement eines "kulturell Modernen" liest, der in der pessimistischen Gegenwart die Fähigkeit zur Veränderung vermisst, hat dennoch gewonnen.

Matthias Dusini in Falter 31/2022 vom 05.08.2022 (S. 18)

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Produktdetails
Mehr Informationen
Reiheedition suhrkamp
ISBN 9783518127889
Ausgabe Originalausgabe
Erscheinungsdatum 16.05.2022
Umfang 284 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Format Taschenbuch
Verlag Suhrkamp
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