Der Platz

von Annie Ernaux

€ 18,50
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Übersetzung: Sonja Finck
Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 94 Seiten
Erscheinungsdatum: 10.03.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Das Gefühl, am falschen Platz zu sein, führt Annie Ernaux zum Verrat am eigenen Vater

Sicher nicht.“ Der Vater von Annie Ernaux hat, wie man in ihrem Erinnerungsbuch „Der Platz“ lesen kann, nicht verstanden, „warum man zwei Wörter kombinierte, die einander widersprechen.“ In einem auf knapp 100 Seiten verdichteten Abriss eines Menschenlebens ist das ein sehr markantes, fast wuchtig gesetztes Detail. Von Beginn an geizt „Der Platz“ dort, wo ein durchschnittliches Kleinbürgerdasein in der Normandie der 1940er-, 1950er- und 1960er-Jahre (positiv formuliert) jeder Beschreibung spottet, nicht mit starken, fast aphoristischen Verdichtungen zu Sprache, Schrift und Haltung.

„Schreiben ist der letzte Ausweg, wenn man einen Verrat begangen hat.“ Dieses dem Buch vorangestellte Zitat von Jean Genet macht das Eis für jeden „Auftritt“ einer Autorin sehr dünn: Um Wiedergutmachung kann es in diesem Text nicht gehen, jetzt, wo der Vater längst tot ist.

Umso inständiger geht Ernaux der Frage nach, ob dieser Verrat einer Tochter, die sich in höheren Schulen von Welt und Dasein ihrer Eltern abnabelt, nicht Ausdruck eines größeren Herrschaftsmechanismus ist, aufgrund dessen mehrere Generationen ihrer sozialen Herkunft nicht froh werden: „Ständig Angst, fehl am Platz zu sein, sich schämen zu müssen.“

Wir sind damit einmal mehr bei Didier Eribons Essay „Gesellschaft als Urteil“, mit dem Ernaux als ebendort oft zitierte „Ethnologin ihrer selbst“ endlich auch für den deutschen Sprachraum entdeckt wurde. Der Platz, der ihrem bereits 1984 erschienenen Buch den Titel gibt, ist ja nichts anderes als jenes eng abgesteckte Terrain, in dem sich Menschen ihrer eingeschränkten Handlungsspielräume erfreuen, einmal mehr, einmal weniger. Wenn die Fotos aus dem Familienalbum, von denen die Rede ist, nie gezeigt werden, so ist auch dies eine kluge Verweigerung schneller Belege.

„Mit Erinnerungen kann man tricksen, mit Fotos nicht“, schreibt Eribon. Annie Ernaux unternimmt, wie auch in „Die Jahre“ und „Erinnerung eines jungen Mädchen“, nichts weniger als den Versuch, die Erinnerung sprechen zu lassen, ohne dabei zu tricksen. Das Ergebnis ist entsprechend illusionslos und zugleich Ausdruck einer sprachlichen Selbstvergewisserung. Muss sich der Mensch mit dem ihm zugewiesenen Platz bescheiden? Sicher nicht!

Claus Philipp in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 24)


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