Mein Tag im anderen Land

Eine Dämonengeschichte
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Kurzbeschreibung des Verlags:

In der Gegend gilt er als Besessener, »besessen nicht allein von einem, sondern von mehreren, vielen, gar unzähligen Dämonen«. Tags geht er, der eigentlich Obstgärtner ist, durch den Ort. Leise redet er in Zungen in einer nichtexistierenden Sprache, erschreckt die Dorfbewohner mit Beschimpfungen und Schmähreden, mit Orakelsprüchen. Nur die Schwester hält zu ihm, die Eltern leben schon lang nicht mehr. Sie beobachtet, wie er anderen Lebewesen, Tieren zuspricht, und will nicht wahrhaben, dass er wie aus der Kehle eines Engels singt. Sie folgt ihm, auch an den See »mit dem anderen Land an dem Ufer gegenüber« – dort blickt ihn ein Mann an, wie er »noch keinmal von einem Menschen angeblickt worden war«, und da fahren die Dämonen aus ihm heraus. So macht er sich, »nach einem freilich langgezogenen Abschied, auf den Weg hinüber ins andere Land«.
Peter Handke erzählt von Dämonen, die ihren Schrecken verlieren im Blick desjenigen, der sagt: »Da bist du mir ja wieder, mein Freund!« Im Moment, in dem der Besessene so ist, wie er da war. Er erzählt von einer poetischen Verwandlung, einer Befreiung, die neben den Harmonien das »unausrottbar Widerständige« bewahrt; denn: »Ohne es wird nichts. Ohne es nichts als Dasein, Dortsein, und ewig unbeseeltes Sein.«

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FALTER-Rezension

These Boots Are Made For Talking

Dass Peter Handke Anger Management Issues hat, ist allgemein bekannt, und das weiß er auch selbst. Der Hang, über andere herzuziehen und herzufallen, wird im Werk wiederholt thematisiert, und obgleich Handke nicht eben als Humorgigant gilt, kann das mitunter ganz amüsant werden – wie zuletzt in „Das zweite Schwert“ (2020), wo der Protagonist darauf sinnt, Yoga-Studios die Scheiben einzuwerfen, „zur Strafe für die missbrauchten Dichterverse zu Bäumen“.

War der Ich-Erzähler zuletzt ausgerückt, seine verunglimpfte Mutter zu rächen, so schnürt er im jüngsten Opus als hauptberuflicher Obstgärtner durch die Lande und beschimpft die Schöpfung: Das Weiß der Quittenblüten, das Getaumel der Schmetterlinge, das Geglose der Glühwürmchen – das alles geht ihm mächtig auf die Senkel der „edlen alten Schuhe“, in denen er unterwegs ist.

An all diese Vorgänge hat der Protagonist aber gar keine Erinnerungen, er ist auf die Zeugenschaft seiner Schwester angewiesen, die ihm von der Zeit seiner „Redekreuzzüge“ und die im Anschluss daran statthabende „Verwandlung“ berichtet. Denn eine höhere Macht transformiert den tourettierenden Amselbeflegler in einen Friedensapostel, der nun in „unbekannter Sprache, in rätselhafter Syntax und nicht zu entschlüsselnder Grammatik Besänftigungen hören ließ, wie sie in keiner der bekannten Landes- und schon gar nicht der sogenannten Weltsprachen möglich waren und wirksam zu werden vermochten“.

Konnte man in dessen Büchern bislang zumindest noch Stellen ausfindig machen, die ein Stücklein Welt und Wirklichkeit in neuem Licht erstrahlen ließen, so klaubt Handke hier wieder einmal einen andersstumpfen Bleistift am Wegesrand auf und dreht weiter an der Leier verschwatzter Wahrnehmungsimperative, ermüdender Selbstermahnungen und apodiktischer Weltversöhnungsepiphanien. Dass er zum letzten Geburtstag ein Fass Strichpunkte geschenkt bekommen hat, das jetzt dringend geleert werden muss, bevor das Haltbarkeitsdatum abläuft, macht die Sache auch nicht besser.

Klaus Nüchtern in Falter 14/2021 vom 09.04.2021 (S. 32)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ReiheBibliothek Suhrkamp
ISBN 9783518225240
Erscheinungsdatum 28.03.2021
Umfang 93 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Suhrkamp
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