Freiheit, Schuld und Verantwortung
Grundzüge einer naturalistischen Theorie der Willensfreiheit

von Michael Pauen, Gerhard Roth

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Suhrkamp
Format: Taschenbuch
Genre: Philosophie/20., 21. Jahrhundert
Umfang: 191 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.09.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Freiheitskampf in der Großhirnrinde

Natürlich findet ein Neurobiologe im Gehirn keine rationalen Überlegungen. Genauso wird ein Computerspezialist mit dem Mikroskop auf der Festplatte eines Computers nur magnetisierte Eisenpartikel finden, nicht aber die Texte, Bilder oder Musikstücke, die dort gespeichert sind. Die Existenz dieser Texte, Bilder und Musikstücke wird damit genauso wenig bestritten, wie der Neurobiologe die Existenz rationaler Überlegungen bestreiten muss. Beide, der Neurobiologe wie der Hardwarespezialist, müssen allerdings eine andere Beschreibungsperspektive einnehmen, wenn sie Zugang zu den Texten bzw. den rationalen Überlegungen gewinnen wollen."
Diesem anderen, nämlich interdisziplinären Blickwinkel hat sich die im Frühjahr neugegründete edition unseld im Suhrkamp Verlag mit ihren lesbaren, durchschnittlich 200 Seiten schmalen Bänden erfolgreich verschrieben. In Band 12 zeigen der Philosoph Michael Pauen und der Hirnforscher Gerhard Roth neue Wege der Verständigung zwischen Geistes- und ­Naturwissenschaften auf, bei denen die Methoden – begriffliche und empirische Arbeit – nicht miteinander konkurrenzieren, sondern sich vielmehr ergänzen.
Das heißt in diesem Fall konkret, dass die Interpretation der Ergebnisse aus den naturwissenschaftlichen Experimenten durch fundierte Begriffsdefinitionen auf eine solide wissenschaftliche, sprich: intersubjektiv nachvollziehbare Basis gestellt wird. Und nicht, wie es gerade in der Diskussion um die Willensfreiheit oft der Fall ist, empirische Daten mit unklaren Begriffen als "Beweise" für eine ganz offenbar ideologisch vorgefertigte, den Autoren genehme, da populäre Theorie präsentiert werden.

Gelungener Dialog zwischen Geistes- und Naturwissenschaften
Dem Buch "Freiheit, Schuld und Verantwortung" gelingt es so auf exemplarische Weise, die Debatte um die Willensfreiheit und ihre strafrechtlichen Implikationen auf neue Füße zu stellen und dabei durch treffende Vergleiche wie den oben zitierten auch für den Laien verständlich darzustellen.
Dabei steht der Bezug zum "wirklichen Leben" von der ersten Seite an fest: denn Freiheit, das bedeutet Verantwortlichkeit. Ausgehend von der Delmenhorster Gewaltstudie diskutieren die Autoren im letzten Kapitel deswegen auch die Implikationen ihrer Theorie auf das existierende Strafrecht und vertreten die Ansicht, dass die Schuldfähigkeit von Gewalttätern enger gezogen werden müsse als bisher angenommen. "Gerade im Falle besonders brutaler Gewalttäter spielen häufig Störungen eine Rolle, die die Verantwortlichkeit des Täters einschränken."
Dieses "Schuldparadox" bedeute freilich nicht, dass die Täter nicht bestraft werden müssten, wohl aber, dass die Legitimation von staatlichen Sanktionen einer anderen Begründung bedürfe. Statt den gängigen Modellen, die auf Schuld und Vergeltung bzw. Prävention fußen, schlagen Pauen und Roth hier ein Vertragsmodell vor, das die Einhaltung von Normen im Austausch gegen den Schutz vor Verbrechen zum Inhalt hat.
Die Debatte um die Willensfreiheit erhielt mit den berühmt gewordenen Libet-Experimenten in den 80er-Jahren einen neuen Anstoß, die immer noch in die Richtung interpretiert werden, dass der freie Wille auf einer Illusion beruhe. Benjamin Libet fand damals heraus, dass sich im Gehirn das sogenannte "Bereitschaftspotenzial" Bruchteile von Sekunden vor einer Willkürbewegung bzw. bewussten Handlungsentscheidung aufbaut – woraus mancherorts geschlossen wurde, dass dieser nichtbewusste Gehirnzustand und nicht die Person eine Handlung einleite, Letztere also nicht für sie verantwortlich sein könne. Libet selbst hingegen nahm die menschliche Willensfreiheit durchaus als gegeben an, billigte ihr allerdings nur Vetofunktion zu.

Begriffsklärungen
Im ersten Teil von "Freiheit, Schuld und Verantwortung" machen sich Pauen und Roth die Mühe, die in dieser so ideologisch geführten Debatte verwendeten Begriffe wie Willensfreiheit, Handlung, Person etc. einer Klärung zu unterziehen, nebulös vermengte Begriffe wie "Gründe", "Ursachen" und "Naturgesetze" auseinanderzudividieren und so eine Grundlage zu schaffen, auf der sie die Ergebnisse der empirischen Forschung dann interpretieren können.
So sind, wie die anspruchsvolle, aber durchwegs nachvollziehbare Argumenta­tion darlegt, Naturgesetze keine Akteure, sondern beschreiben lediglich Vorgänge – z.B. im Gehirn. Wer daraus schlussfolgert: "Der Geist ist nichts anderes als das Feuern von Neuronen", unterliegt somit einem Irrtum, denn geistige Vorgänge werden nicht von Naturgesetzen bestimmt, sondern haben eine natürliche, d.h. neuronale Grundlage.
Unter Willensfreiheit verstehen Pauen und Roth ein Vermögen wie das sprachliche oder mathematische, das entwickelt werden muss und niemals absolut und unabhängig von jeglichen Bedingungen sein kann. Willensfreiheit existiert in Graden und Varianten, beeinflusst von Faktoren, die sich unserer bewussten Erfahrung allerdings zu einem beträchtlichen Teil entziehen. Deswegen konzentrieren sich die Autoren darauf, Freiheit von absoluter Beliebigkeit, das heißt dem Zufall abzugrenzen – und weisen die gängige Vorstellung der Unvereinbarkeit von Freiheit und Determination ausdrücklich zurück.

Freiheit und Determination
Freie Handlungen dürfen also nicht zufällig, können aber durchaus determiniert sein – nämlich durch die handelnde Person, ihren Charakter und ihre Präferenzen sowie den Kontext. Da die Abwesenheit von Determination "nicht zu einem Mehr an Freiheit, sondern nur zu einem Mehr an Zufall und damit letztlich zu einem Verlust an Kontrolle seitens des Handelnden" führt, folgt für die Autoren daraus, dass das Fortbestehen von Determination die Freiheit auch nicht einschränken kann. "Willensfreiheit und Determinismus bilden nicht nur keinen Widerspruch, vielmehr setzt Willensfreiheit ein einigermaßen zuverlässig und gesetzmäßig funktionierendes System wie das Gehirn voraus."
Die aus diesen Voraussetzungen entwickelte Theorie der Willensfreiheit hat den Anspruch, sowohl vorwissenschaftliches und also intuitives Verständnis von Willensfreiheit zu berücksichtigen als auch ­Erkenntnissen der empirischen Forschung zu genügen. Im Blickfeld stehen dabei bewusst und unbewusst ablaufende Prozesse der Willensbildung, Handlungsvorbereitung und Handlungskontrolle sowie die Phänomene des Freiheitsgefühls und der Selbstzuschreibung von Handlungen.
Die Gehirnaktivität der Handlungsvorbereitung, die mittels moderner Kernspintomografie sichtbar gemacht werden kann, beschreiben Pauen und Roth als multizentrisches Netzwerk, das allein durch die schiere Anzahl der beteiligten Neuronen allerdings höchstens quasideterministisch sein und deswegen auch nicht berechnet werden kann. "In jedem Fall ist das Gehirn ein derart komplexes System, dass sich sein Verhalten mit den derzeit verfügbaren Mitteln der Mathematik selbst dann nicht genau vorhersagen ließe, wenn es streng deterministisch ablaufen sollte."
Die Experimente von Benjamin Libet werden in diesem Kontext nicht angezweifelt, aber neu interpretiert. Dass eine komplexe, in weiten Teilen unbewusste Aktivität im limbischen System, im Thalamus und in der Großhirnrinde stattfindet, bevor uns ein Gedanke, eine Vorstellung oder ein Wunsch bewusst werden, heißt nicht, dass diese Handlungen nicht der Person zugeschrieben werden können und von der Persönlichkeit des Handelnden determiniert sind, seinem angeborenen Temperament, seinen unbewussten Prägungen und Präferenzen – und manchmal auch seinen rationalen Überlegungen.

Freiheit und Selbstbestimmung
"Wenn ein Mensch aufgrund der ihm zuschreibbaren Wünsche, Überzeugungen und sonstigen Motive handelt, dann handelt er selbstbestimmt und damit frei. Dies gilt auch dann, wenn die zugrunde liegende Entscheidung determiniert ist oder wenn die der Entscheidung zugrunde liegenden physischen Prozesse vollständig in neurobiologischen Kategorien erfasst werden können." Freiheit, so lautet das Fazit, bedeutet keine vollkommene Indeterminiertheit, sondern in ihrer ausgereiften Form die Fähigkeit zu persönlichen, autonomen Zielsetzungen, zur Berücksichtigung von Normen, dem Abwägen zwischen konkurrenzierenden Zielen und zur langfristigen Handlungsplanung.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 44)


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