Reizbare Maschinen
Eine Geschichte des Körpers 1765–1914

von Philipp Sarasin

Derzeit nicht lieferbar

Illustrationen: Alexis Clerc
Verlag: Suhrkamp
Format: Taschenbuch
Genre: Geschichte
Umfang: 510 Seiten
Erscheinungsdatum: 23.07.2001

Rezension aus FALTER 12/2002

Wie unser Körper zu dem wurde, was er ist: Der Zürcher Historiker Philipp Sarasin hat mit seiner Studie "Reizbare Maschinen" so etwas wie eine Urgeschichte der Wellness-Bewegung geschrieben.

Wie selbstverständlich ist die Behauptung "Ich habe einen Körper"? Dieser unscheinbare Satz birgt – genau genommen – derart viel an kulturellen Voraussetzungen, dass der Zürcher Historiker Philipp Sarasin den Versuch wagt, ihn zu historisieren. Das heißt, er zeigt, wie der individuelle Körper in ganz bestimmten Diskursen konstruiert worden ist. Er gilt ihm als ein Produkt des 19. Jahrhunderts, als der populäre Hygienediskurs die Menschen lehrte, die physischen Reize zu kontrollieren und den eigenen Körper – übrigens ganz im Sinne des heutigen Wellness-Begriffs – richtig zu "managen": alles in Maßen, nur keine Exzesse, ein Leben ganz im Sinne einer funktionalen Existenz.
Normalität ist damit eine Funktion des strategischen Ziels, eine bürgerlich-aufgeklärte Existenz zu realisieren. Der Hygienediskurs, so wird gezeigt, war Teil der boomenden Populärwissenschaften, der sich durchaus geschäftstüchtig gegen Unwissen und den Glauben an Übernatürliches durchgesetzt hat. Was gut und was schlecht für den Körper sei, ist demnach keine Sache der Erfahrung, sondern der theoretischen Projektion. Bis heute gilt als relativ, was der Gesundheit dient und was "gesund sein" überhaupt bedeutet. Kaum ein Bereich ist symbolisch so überladen und ideologisch so besetzt wie dieser.
Was braucht es, um sich gesund und wohl zu fühlen in seiner Haut? Vielleicht ein heißes Bad? Die Menschen dachten früher darüber etwas anders: Baden galt als ungesund, da es den Körper zur widernatürlichen Aufnahme von Fremdstoffen durch die Poren bringe. Minutiös wurde daher in der Hygieneliteratur das Prozedere einer gesundheitlich bedenkenlosen Körperwäsche beschrieben.
Erst langsam tauchten andere Motive auf – wie das Herausschälen des modernen, sauberen Körpers aus der so genannten "Crasse", jener imaginären Kruste von Ungeziefer, Schmutz und toter Haut, der die Hygieniker den Kampf angesagt hatten. Das Bad wirkt dann geradezu als kultureller Initiationsritus, als Beseitigung einer sozialen Verunreinigung. Abreiben und trockene Hygiene (Hemd wechseln) waren durchaus üblich. Interessant ist auch, dass Sauberkeit schon ein Thema war, die Beseitigung von Schweißgeruch aber so gut wie gar nicht.
Doch die Arbeit am Körper bedeutet mehr als die Befreiung von Achselschweiß, das zeigt diese Studie deutlich. Sie rekonstruiert die Veränderung der Wahrnehmung des Körpers nicht nur in Verbindung mit dem Waschen, sondern auch mit der Auffassung einer zunehmend als "gefährlich" aufgefassten Sexualität, der makrobiotischen Ernährung oder auch des körperlichen Trainings. Immer ging es um die Idee, den Zustand seines Körpers individuell beeinflussen zu können. Wie sich in der Fachliteratur des 19. Jahrhunderts "Training" als "englische Methode" im Vorfeld der Arbeitsphysiologie gegen Vorstellungen ebenso unnötiger wie unzulässiger körperlicher Ermüdung durchgesetzt hat, ist zwar nicht neu, passt aber ganz ins Bild dieser Abhandlung.

Die moderne Gesundheitslehre ist ein Produkt der Aufklärung, welche die Idee einer individuellen Selbstregulation überhaupt erst aufgebracht hat. Die Hygieniker des achtzehnten Jahrhunderts haben, wie Sarasin schreibt, "den Körper des Subjekts im Licht des vitalistischen Materialismus als reizbare Maschine gedacht, das heißt als Körper, der von inneren und äußeren Reizen abhängt. Diese reizbare Maschine zu regulieren und im Gleichgewicht zu halten war das Ziel der Hygiene, wie sie bis ans Ende des 19. Jahrhunderts gelehrt und in unzähligen populären Schriften vom Bürgertum rezipiert wurde." Die Betonung liegt auf Bürgertum, denn Hygiene muss man sich leisten können. Das gilt weniger für die Utensilien der Reinlichkeit als für die erforderliche Muße, die sich mit der Aufmerksamkeit für die besonderen Zeichen des Körpers verbindet. Die Hygiene ist zunächst für die Reichen und die gebildeten Bürger da, erst viel später kommt die Sorge fürs gemeine Volk und die Armen. Es sind bürgerliche Ängste vor Zerfall und Degeneration, die den Nährboden für diesen Diskurs bilden und den Hygienediskurs schließlich in die Eugenik übergehen lassen: Die Sorge der Herrenrasse um den Volkskörper schreibt die individuelle Physis wieder in ein Ganzes ein.
Sarasin meint nun, dass die Erfindung des regulierten und kontrollierten Selbst, das in einem desakralisierten Körper steckt, den Mangel an Sinn ausgleichen musste, der mit dem Verblassen Gottes und dem Tod des Königs entstanden ist. Die Sorge um den eigenen Körper füllt eine Leerstelle im Zivilisationsprozess auf, bildet ein zuvor ungekanntes Reservoir an Sinnstiftung. Das ist eine wohl spannende, aber ziemlich spekulative These. Damit sind einige Verdienste, aber auch Beschränkungen der vorliegenden Studie umrissen. Wie eingangs betont, geht es Sarasin um die Historisierung eines Satzes. Das ist bemerkenswert, denn es zeigt nebenbei, wie sehr das postmoderne Denken bereits Einzug in die wissenschaftliche Argumentation genommen hat. Es geht nicht mehr um substanzielle Fragen, sondern um funktionale: Gefragt ist nicht, was wirklich war, sondern wie dies oder jenes funktioniert hat oder wie es zumindest beschreibbar wäre. Diskursanalyse also, die herausfinden will, was man damals geschrieben hat und wie sich heute darüber reden lässt. Vielleicht ist genau das – neben der Beschwörung von Foucault als dem letzten großen Hygieniker – der Grund, warum diese doch recht trocken ausgefallene Literaturanalyse die Rezensenten der großen deutschen Feuilletons sämtlich in Entzücken versetzt hat.

Frank Hartmann in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 27)


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